Einkauf in einem französischem Supermarkt | picture alliance/dpa/MAXPPP
Hintergrund

Teils dreistellige Raten Wo die Inflation am höchsten ist

Stand: 21.09.2022 11:18 Uhr

Knapp acht Prozent Inflation gab es seit der Wiedervereinigung noch nie. Im Vergleich zu anderen Staaten steht Deutschland damit aber gar nicht so schlecht da. Ein Überblick über die globalen Spitzenreiter.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Beinahe überall auf der Welt steigen derzeit die Preise. Die globale Inflationsrate für das laufende Jahr wird auf durchschnittlich 7,7 Prozent geschätzt, wie der Economic Experts Survey (EES) zeigt. Der Umfrage des ifo-Instituts und des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik mit Teilnehmern aus über 100 Ländern zufolge liegt die erwartete Teuerung damit rund fünf Prozentpunkte über der von der Weltbank im Schnitt ausgewiesenen Rate im vergangenen Jahrzehnt. Allerdings: Regional unterscheidet sich die Inflation teils deutlich. Einige Staaten kämpfen gar mit dreistelligen Raten. Wo sind die Preise besonders hoch? Und was sind die Gründe dafür?

Till Bücker

Deutschland unter dem Eurozonen-Durchschnitt

In Deutschland kosteten Waren und Dienstleistungen nach Angaben des Statistischen Bundesamts im August durchschnittlich 7,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Größter Preistreiber ist mit einer Verteuerung von 35,6 Prozent - wenig überraschend - die Energie. Doch auch für Nahrungsmittel mussten die Menschen hierzulande 16,6 Prozent mehr bezahlen als im August 2021.

Dem europäischen Statistikamt Eurostat zufolge legten die Verbraucherpreise in Deutschland zuletzt um 8,8 Prozent zu. Der Unterschied liegt dabei in der Berechnungsgrundlage: Um die Preisänderungen international vergleichbar zu machen, verwendet Eurostat nicht den nationalen Verbraucherpreisindex (VPI), der die tatsächlichen Lebenshaltungskosten widerspiegelt, sondern den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI).

Damit befindet sich Deutschland trotz des aktuellen Rekordniveaus unter dem Durchschnitt in der Eurozone - wenn auch nur knapp. Denn die Inflation in den 19 Ländern, die den Euro als Währung haben, hat im vergangenen Monat die Marke von neun Prozent übersprungen. Seit Einführung des Euro als Buchgeld im Jahr 1999 war der Preisauftrieb nie höher als im August.

Baltische Staaten auf dem Treppchen

Auch im Euroraum gab es den größten Sprung im Bereich der Energiepreise. Diese stiegen angesichts des Ukraine-Kriegs und der gekappten Gaslieferungen aus Russland im Vergleich zum Vorjahresmonat um 38,6 Prozent. Mit weitem Abstand folgen darauf Lebensmittel, Alkohol und Tabak (10,6 Prozent).

Schon allein in Europa zeigt sich jedoch, dass die Inflation nicht alle Staaten gleichermaßen im Griff hat. Laut Eurostat wurden die niedrigsten jährlichen Raten in Frankreich (6,6 Prozent), Malta (7,0 Prozent) und Finnland (7,9 Prozent) gemessen. Besonders stark gestiegen ist die Teuerung dagegen in den baltischen Staaten. An der Spitze steht Estland mit einer jährlichen Rate von 25,2 Prozent. Danach folgen Lettland mit 21,4 Prozent und Litauen mit 21,1 Prozent. Experten verweisen bei der extrem hohen Inflation im Baltikum vor allem auf eine andere Struktur bei den privaten Haushaltsausgaben.

Sowohl die Energiepreise als auch die Kosten für Lebensmittel, die in diesem Jahr besonders stark in die Höhe schossen, fallen in den kleinen Ländern im Verhältnis zum Einkommen stärker ins Gewicht. Nahrungsmittel machen dort Schätzungen zufolge teilweise fast ein Viertel des verfügbaren Gehalts aus. In Deutschland ist dagegen der Anteil für Miete oder andere Fixkosten wesentlich höher.

Nicht nur in Osteuropa zweistellige Raten

Darüber hinaus sind die baltischen Staaten stark abhängig von landwirtschaftlichen Importen und Düngemitteln aus Russland, der Ukraine und Belarus. Weil die Einfuhren aber derzeit nicht möglich sind, müssen sie auf teure Alternativen aus Schweden oder Finnland zurückgreifen.

Auch in anderen osteuropäischen Ländern, die nicht zum Euroraum gehören, fällt die Preissteigerung drastischer aus als hierzulande. In Polen liegt die Inflation bei 16 Prozent, in Tschechien sogar bei 17,2 Prozent - die höchste Rate seit Dezember 1993. Auch dort wird die Zusammensetzung des Warenkorbs, der die Basis für die Berechnung der Inflationsrate darstellt, als Grund angeführt. Lebensmittel, Energie und Transportkosten werden höher gewichtet, sodass sich die extremen Steigerungen noch stärker auswirken als im Rest Europas.

Jedoch gibt es auch Ausnahmen: So kletterte die Teuerungsrate in Großbritannien im Juli auf über zehn Prozent. Getrieben wurden die Preissteigerungen zu mehr als der Hälfte von den Energie- und Lebensmittelkosten. Auch in den Niederlanden fiel die Inflation im August zweistellig aus - und mit 13,6 Prozent ebenfalls deutlich höher als in Deutschland.

Türkische Inflationsrate so hoch wie seit 24 Jahren nicht mehr

Mit weitem Abstand die höchste Inflationsrate auf dem europäischen Kontinent hat allerdings die Türkei. Dort rauschten die Verbraucherpreise im August um mehr als 80 Prozent in die Höhe. Die Transportkosten inklusive Benzinpreise erhöhten sich im vergangenen Monat um 117 Prozent. Lebensmittel und alkoholfreie Getränke sowie Möbel und Haushaltsgeräte verteuerten sich um mehr als 90 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Einer unabhängigen Expertengruppe zufolge liegt die Inflation inoffiziell sogar bei 170 Prozent.

Die Preise in der Türkei steigen besonders stark, da es als rohstoffarmes Land besonders auf Importe angewiesen ist. Durch den russischen Angriff sind Rohstoffe aber sehr teuer geworden und müssen an den Weltmärkten in Dollar bezahlt werden, was die Lage weiter verschärft. Denn der schwächelnde Kurs der Lira lässt die Kosten zusätzlich anziehen. Im vergangenen Jahr hat die türkische Währung 44 Prozent an Wert verloren, 2022 bislang weitere 27 Prozent.

Hyperinflation in Teilen Afrikas und Südamerikas

Selbst dreistellige Inflationsraten sind derweil keine Seltenheit mehr. So kletterten die Preise im Sudan in den vergangenen Monaten teils um fast 200 Prozent. Der afrikanische Staat leidet schon länger unter einer Dürreperiode, wodurch für Lebensmittel tief in die Tasche gegriffen werden muss. Dazu kommen die ausbleibenden Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine.

44 Millionen Einwohner müssen nach Schätzungen der UN in diesem Jahr Hunger leiden. Im August steht die Inflationsrate immerhin nur noch bei 117 Prozent - weiterhin eine monatliche Verdopplung der Preise. Die wirtschaftlichen Bedingungen und die exorbitanten Preissteigerungen im Land sorgen bereits für viel Unruhe, was zu mehreren Protesten und Streiks führte.

In Venezuela liegt die Teuerung bei 114 Prozent und damit so hoch wie sonst nirgendwo in Lateinamerika. Nur Argentinien kommt mit 78,5 Prozent ansatzweise heran. Für Venezuela, das seit vielen Jahren als Synonym für Dauerkrise, Korruption und Hyperinflation steht, ist das jedoch ein Fortschritt. 2020 betrug die Preissteigerungsrate laut der Zentralbank BCV noch 2959 Prozent.

Simbabwe steht auf Platz 1

Doch es geht sogar noch wesentlich schlimmer - zum Beispiel im Mittleren Osten. Im Libanon beträgt die Inflationsrate rund 168 Prozent. Das Land am Mittelmeer steckt in der schwersten Wirtschaftskrise seine Geschichte. 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut, die Preise für Lebensmittel sind um 500 Prozent gestiegen. Zudem hat das libanesische Pfund 90 Prozent an Wert verloren.

Ein Grund dafür ist der Bürgerkrieg im benachbarten Syrien. Durch den bewaffneten Konflikt ist der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen im Libanon, ebenso eingebrochen wie der Export in die Golfstaaten, der zum großen Teil über Syrien abgewickelt wurde. Außerdem war das Nachbarland ein wichtiger Absatzmarkt für libanesische Produkte. Auch dort wurde die Teuerungsrate zuletzt bei gigantischen 139 Prozent gemessen.

Auf Platz 1 im globalen Inflations-Ranking liegt derzeit aber Simbabwe mit 285 Prozent. Der Staat im Süden Afrikas hatte 2009 seinen heimischen Dollar aufgegeben und stattdessen ausländische Währungen, vor allem den US-Dollar, verwendet. 2019 führte die Regierung die Landeswährung wieder ein - woraufhin sie rasch an Wert verlor. Aufgrund der Währungsturbulenzen und der extremen Inflation griff die Zentralbank im Juli zu einem speziellen Mittel: Sie verkauft Goldmünzen als Wertaufbewahrungsmittel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. September 2022 um 02:00 Uhr.