Rote Positionslichter leuchten an Windrädern in einem Windenergiepark | dpa

Ausbau der Erneuerbaren Energien Wieder mehr Windkraftanlagen an Land

Stand: 27.07.2021 05:49 Uhr

Es werden wieder mehr Windräder an Land gebaut, es sind aber immer noch weniger als in den stärksten Ausbaujahren. Das zeigen aktuelle Zahlen des Bundesverbandes Windenergie, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegen.

Von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Die Windkraft ist die wichtigste Energiequelle für die Stromerzeugung in Deutschland. Und zuletzt ist die Kapazität der Windparks an Land wieder gestiegen - nachdem der Ausbau zwischen 2018 und 2020 deutlich eingebrochen war. Die neuesten Zahlen des Bundesverbandes Windenergie liegen dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vor. Danach ist den ersten sechs Monaten dieses Jahres eine Netto-Leistung von rund 830 Megawatt hinzugekommen. Im Vergleich mit dem ersten Halbjahr 2020 entspricht das einer Steigerung um knapp zwei Drittel. Für das gesamte Jahr 2021 rechnet der Verband mit einem Netto-Zubau von 2,2 bis 2,5 Gigawatt an Leistung. 3,5 bis knapp 4,9 Gigawatt waren jeweils in den Spitzenjahren zwischen 2014 und 2017 hinzugekommen.

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

Das Nord-Süd-Gefälle vergrößert sich

Der Präsident des Bundesverbandes Windenergie, Hermann Albers, bewertet den Anstieg in der ersten Jahreshälfte als positiv, fordert aber, das Ausbautempo zu beschleunigen. "Wir sind natürlich damit zufrieden, dass wir nach der tiefsten Krise wieder einen Anstieg erleben", sagte Albers gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio. Aber: "Es ist immer noch nur die Hälfte des Zubaus, den wir in Deutschland bereits erreicht hatten. Dabei ist unstrittig, dass mehr ökologischer Strom, mehr erneuerbarer Strom aus Windkraft gebraucht wird." Der Verbandspräsident fordert, die Ausbaukapazität aus dem Jahr 2021 in den kommenden Jahren noch einmal verdoppeln.

Außerdem beklagt Albers, dass viele Bundesländer nach wie vor zu wenig Flächen für Windräder bereitstellen würden. Das gelte insbesondere für Bayern und Baden-Württemberg - zwei Länder, in denen vergleichsweise wenige Windräder stehen, weil der Süden bislang insbesondere auf den Ausbau der Photovoltaik gesetzt hat. Am meisten neue Windanlagen hinzugekommen sind in Niedersachsen, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Das Nord-Süd-Gefälle wird damit eher größer als kleiner.

Länder wollen verstärkt Waldflächen nutzen

2018 und 2019 war der Ausbau der Windräder eingebrochen, weil neue Anlagen durch das 2017 eingeführte Ausschreibungsverfahren nicht mehr so lukrativ sind wie früher. Zum anderen klagen vielerorts Bürgerinnen und Bürger gegen neue Windräder. Um den Windkraftausbau zu beschleunigen, planen jetzt eine Reihe von Bundesländern, Waldflächen neu oder verstärkt für den Bau von Windrädern bereitzustellen. Das gilt etwa für Niedersachen, Baden-Württemberg und auch Bayern. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sagte vergangene Woche in einer Regierungserklärung zum Klimaschutz, wenn die Möglichkeit bestehe, im Staatswald Windräder zu bauen, solle dies genutzt werden. "Wir wollen mehr Windenergie - aber wir wollen das mit den Bürgern und nicht gegen die Bürger", so Söder.

Widerstand von Bürgerinitiativen - Umweltverband stimmt zu

Rund die Hälfte des Waldes in Deutschland gehört Ländern, Kommunen oder dem Bund. Die niedersächsische Landesregierung hat erst vergangene Woche beschlossen, einen Teil dieser Flächen für Windräder zu nutzen. Windkraftgegner wie Stephan Stallmann von der Initiative "Keine Windkraft im Emmertal" aus dem Weserbergland lehnen dies strikt ab. Die vergleichsweise wenigen Waldflächen in Niedersachsen sollten tabu bleiben, meint Stallmann. "Der Wald ist einfach besonders schützenswert." Er diene dem Artenschutz und dem Umweltschutz, der Trinkwassergewinnung und der Naherholung. "Solche Industrieanlagen - und es sind ja Industrieanlagen - in den Wald zu bauen, ist einfach verantwortungslos", sagt Stallmann.

Der Naturschutzbund Niedersachsen hat der neuen Regelung trotz Bedenken zugestimmt - unter der Voraussetzung, dass nur ganz bestimmte Waldflächen freigegeben werden, so der Landesvorsitzende Holger Buschmann: "Das sind zum Beispiel Bereiche entlang von Autobahnen oder entlang von Gewerbegebieten, die sowieso schon stark erschlossen sind." Wichtig sei, die Anlagen dort zu errichten, wo so sich in schon bestehenden Schädigungen der Natur einbetten ließen.

So dürfte der Ausbau der Windenergie weiterhin umkämpft bleiben - auch wenn jetzt Waldflächen dazukommen sollen. Ambitionierte Ausbauziele von Politik und Windbranche lassen sich leichter formulieren als vor Ort umsetzen.