Die Rotorblätter eines Windrads | Vera von Ondarza

Auslaufende Förderung Wenn das Windrad zerlegt wird

Stand: 24.02.2021 14:57 Uhr

Mit den neuen Ökostrom-Regeln erhalten seit Jahresbeginn die ersten alten Windräder keine Förderung mehr - und werden abgerissen, obwohl sie noch Strom liefern könnten. Experten sehen den Fehler im System.

Von Verena von Ondarza, NDR

In Alfstedt in Niedersachsen geht an diesem Tag ein kleines Stück Energiewende zu Ende. Das erste von vier Windrädern der Bürgerwindgesellschaft Alfstedt wird abgebaut. Das Fundament für das Windrad hat die Gruppe Anfang der 1990er-Jahre selbst gegossen. Anwohner Horst Mangels erinnert sich: "Wir sind 17 Leute aus dem Dorf - im Prinzip acht Ehepaare und ein Junggeselle damals, und wir waren davon überzeugt, dass das hier die richtige Art ist Strom zu erzeugen und auch ein Zeichen zu setzen für eine lebenswerte Zukunft. Das war unser Antrieb."

Jetzt schrauben zwei Monteure in 52 Metern Höhe die Windmühle ab. Ein Kran lässt die elf Tonnen schweren Rotorblätter langsam auf das Feld sinken. An diesem Abend wird das Windrad nach 26 Jahren im Betrieb in seine Einzelteile zerlegt auf dem Feld liegen. "Vollkommen ohne Not", sagt Mangels. "Die könnten hier weiter stehen und drehen, könnten das Dorf mit Strom versorgen, wenn wir eine vernünftige Regelung im EEG hätten."

Novelle mit kurzer Halbwertszeit

Was Mangels meint, wurde im Dezember kurz vor der Weihnachtspause im Bundestag beschlossen. In der vorletzten Sitzung stand eine Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, kurz EEG, an. Doch schon bei der Abstimmung war klar: Die Novelle würde schon bald ein Update brauchen.

"Die Bundesregierung geht ja davon aus in ihren Berechnungen, dass der Stromverbrauch bis 2030 im Wesentlichen konstant bleibt. Diese Einschätzung teilen wir nicht", sagt Veronika Grimm, Wirtschaftsweise und Mitglied der Expertenkommission der Bundesregierung zur Energiewende. "Wir gehen davon aus, dass der Stromverbrauch ansteigen wird." Das müsse sich dann natürlich auch in den Ausbauzielen das EEG widerspiegeln, so Grimm.

Mehr Elektromobilität, Heizen mit Wärmepumpen, Wasserstoff als Stromspeicher - das alles könnte den Strombedarf in diesem Jahrzehnt um bis zu 30 Prozent steigen lassen. Doch die Entscheidung über neue ambitioniertere Ausbauziele wurde im Dezember erstmal vertagt. Dass sie mit dem Instrument EEG überhaupt erreicht werden können, glaubt Grimm nicht: "Das EEG war sicherlich ein sehr gutes Instrument, um den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben. Das ist ja auch gut gelungen."

Überschaubare Lenkungswirkung

Inzwischen jedoch sei die EEG-Umlage selbst ein Grund dafür, dass die Energiewende stockt. Denn Sie macht den Strom in Deutschland im internationalen Vergleich extrem teuer. Im vergangenen Jahr flossen rund 30 Milliarden Euro an EEG-Umlage von den Stromkunden zu den Ökostromproduzenten. Das kritisiert auch Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

"Die kompletten Lasten der Energiewende, die haben wir den Strom aufgebürdet", sagt Quaschning. Wenn jetzt jemand versuche, das Klima zu schützen, indem er eine Elektroauto kaufe oder eine elektrische Wärmepumpe, dann kämpfe derjenige mit diesen hohen Stromkosten. "Das heißt, wir haben momentan das teuer gemacht, was wir eigentlich haben wollen. Und es ist das immer noch billig, was wir eigentlich nicht mehr haben wollen." Das sei keine gute Lenkungswirkung.

Quaschning und die Wirtschaftsweise Grimm fordern deshalb eine wirksame Besteuerung von CO2-Emissionen anstelle von Ökosubventionen über die Stromrechnung.

Die wirtschaftliche Grundlage fehlt

In der Zwischenzeit werden in Alfstedt Fakten geschaffen. Denn das aktuelle EEG sieht vor, dass die Betreiber von Ökostromanlagen für 20 Jahre eine verbindliche Vergütung bekommen. In diesem Jahr verlieren die ersten Anlagen diesen Anspruch. Die Alfstedter Windräder gehören dazu. Die Betreiber sollen ihren Strom nun selbst vermarkten und bekommen bis zum Sommer noch einen Cent pro Kilowattstunde als Übergangsvergütung. Das sinkt dann bis Ende des Jahres auf Null. Aber im Zuge der Corona-Krise ist der Strompreis an den Börsen eingebrochen.

Mangels und seine Mitgesellschafter haben deshalb beschlossen, die Anlagen ohne EEG-Förderung stillzulegen: "Die Marktpreise im letzten Jahr lagen bei unter drei Cent, teilweise in einigen Monaten sogar unter einem Cent. Und für einen Cent können wir hier keinen Strom produzieren", sagt er. "Wenn du zu Hause auf Deine Stromrechnung guckst, da steht 30 drauf, und du sollst hier für drei Cent erzeugen." Die wirtschaftliche Grundlage sei einfach nicht mehr da.

Flaute im Windkraft-Ausbau

Seit einigen Jahren stockt der Ausbau von Ökostrom in Deutschland - vor allem bei der Windenergie. Im vergangenen Jahr entstanden nur knapp 200 neue Windräder. Wenn nun die Windräder der Nuller-Jahre im großen Stil abgerissen werden, könnte das die Energiewende in Deutschland um Jahre zurückwerfen, befürchtet Energieexperte Quaschning. Denn vor 20 Jahren seien mehr Windräder gebaut worden als heute. Es bestehe das Risiko, so Quaschning, "dass wir irgendwann mal bei einer Null oder sogar bei einer negativen Installationszahl landen. Und dann brauchen wir über Klimaschutz in Deutschland nicht mehr zu reden."

In Ahrenshöft in Schleswig-Holstein drehen sich die Rotoren noch. Drei der vier Windräder der Ahrenshöfter Naturkraftwerke sind seit dem ersten Januar ebenfalls aus der Förderung gefallen. Die Betreiber haben beschlossen, die Windräder laufen zu lassen, bis die nächste Reparatur ansteht. Das gehe für sie zur Zeit ganz knapp auf, erklärt Betriebsleiter Ralph Hendricks: "Wir brauchen hier 3,6 Cent für die Kostendeckung. Dann haben wir aber noch keinen Gewinn, keine Rücklagen gebildet. Das ist ein reines Nullsummenspiel. Wir gucken von Monat zu Monat, ob das auskömmlich ist." Beim nächsten größeren Schaden ist es das nicht mehr - obwohl die Anlagen laut technischem Gutachten noch eine mögliche Lebensdauer von mindestens 13 Jahren hätten.

EEG verhindert Austausch neu gegen alt

Dabei hatten die Ahrenshöfter noch viel vor mit ihren Windrädern. Die Mühlen produzieren jährlich neun Millionen Kilowattstunden Strom. Das ist viermal so viel wie der kleine Ort verbraucht. Mit dem überschüssigen Strom hätten sie hier gerne grünen Wasserstoff hergestellt - unter anderem für den Fuhrpark des Abfallentsorgers nebenan. Bürgermeister Manfred Peters ist selbst Mitglied der Windparkgesellschaft. Die Windräder seien vor Ort voll akzeptiert, erzählt er, auch weil sie der Gemeinde auf vielfältige Weise Einnahmen brächten: "Im Grunde genommen profitieren wir auch alle von dem Windrad. Wir müssen unsere Wege in Schuss halten, wir müssen unsere Feuerwehr unterstützen. Wir haben ja auch noch Kindergärten und Schule zu unterhalten. Das fällt da doch schon ein wenig leichter mit der Gewerbesteuer im Rücken."

Die Ahrenshöfter wollen an ihren Windrädern festhalten. Doch zuletzt machte ihnen auch noch die Schleswig-Holsteinische Landesregierung einen Strich durch die Rechnung, erzählt der Bürgermeister: "Die Landesplanung hat Ende des Jahres 2020 einen neuen Plan herausgegeben, und auf dieser neuen Karte ist unsere Gemeinde ein weißer Fleck geworden. Das heißt, wir sind keine Windeignungsfläche mehr." Neue Windräder werden an diesem Standort also nicht genehmigt, denn der Abstand zu den Wohnhäusern ist nach neuem Recht zu nah.

"Ein trauriger Anblick"

Das gilt für viele Altanlagen, die jetzt aus der Förderung fallen. Bundesweit verlieren Windräder mit einer Leistung von 16 Gigawatt in den kommenden vier Jahren den Förderanspruch. Zwei Drittel davon stehen an Standorten, an denen keine neuen - und damit auch leistungsfähigeren - Anlagen mehr gebaut werden dürfen. Das betrifft auch das niedersächsischen Alfstedt: Für die Felder hier gibt es seit ein paar Jahren kein Planungsrecht mehr.

Vor Miteigner Mangels liegt jetzt die Rotornabe im Ackerschlamm. Die Rotorblätter sind abgeschraubt und liegen daneben. Ein trauriger Anblick, findet er. Zwar sei ihm klar, dass Windräder eine begrenzte Lebensdauer haben. "Aber es ist in dem Moment eine Rolle rückwärts", sagt Mangels - weil die Politik es nicht hinbekommen habe, dass die Standorte alter Anlagen auch nach deren Abbau weiter für Windkraft nutzbar bleiben.

Bis zuletzt hatte er darauf gehofft, dass mit der EEG-Novelle auch Erleichterungen für das sogenannte Repowern von Altanlagen kommen könnte. Neue moderne Windräder an diesem Standort könnten ein Vielfaches an Strom liefern. Die Bürgerwindgesellschaft hätte hier gerne investiert, sagt Mangels. "Wir haben ja Wege hier, wir haben Kabel hier, wir haben Infrastruktur." Doch das werde jetzt einfach alles entfernt, "und dann wächst hier im nächsten Jahr wieder das Gras oder der Mais".

Mehr zu diesem Thema in der Sendung Plusminus um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 24. Februar 2021 um 21:45 Uhr in dem Wirtschaftsmagazin "Plusminus".