Ein Einfamilienhaus mit Solarzellen auf dem Hausdach steht hinter einer grünen Hecke. | dpa

Baden-Württemberg Solarzellen auf jedem Dach

Stand: 22.07.2021 18:57 Uhr

Baden-Württemberg prescht beim Klimaschutz vor: bis 2040 soll das Ländle klimaneutral werden. Ein wichtiger Baustein: eine Solardachpflicht für alle Gebäude. Branchenverbände warnen vor vielen offenen Fragen.

Von Sebastian Deliga, SWR

Winfried Kretschmann weiß, wie er den Nerv seiner Landsleute trifft. Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, dem Land der Sparer und Häuslebauer, plant eine Solardachpflicht: Auf allen Neubauten und ab 2023 auch bei grundlegenden Dachsanierungen von Altbauten würden dann künftig Solaranlagen installiert werden müssen. Bedenken, dass Bauen und Wohnen dadurch teurer werden, tritt er mit einer einfachen Rechnung entgegen: Photovoltaik werde sich für jeden Privateigentümer rechnen - "im Gegensatz zu einem schönen Bad, da hat man nur ein schönes Erlebnis, es amortisiert sich aber nicht." Eine Photovoltaikanlage produziere aber grünen Strom. "Und das amortisiert sich, den kann man einspeisen und selber benutzen. Es verteuert das Wohnen in keiner Weise", so Kretschmann.

Sebastian Deliga

Photovoltaik auf jedem Dach

Das sieht nicht jeder so. Und so wird Novelle des baden-württembergischen Klimaschutzgesetzes, auf das sich Grüne und CDU in der Koalition geeinigt haben, zum Politikum. Bis 2040 will Baden-Württemberg netto-treibhausgasneutral sein. Zum Vergleich: Der Bund plant dies erst für das Jahr 2045.

Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, will die grün-schwarze Koalition nicht nur zwei Prozent der Landesfläche mit Windkraftanlagen und Freiflächen-Photovoltaikanlagen bestücken, sondern vor allem auch Gebäudedächer für Photovoltaik nutzen. Während in Baden-Württemberg eine solche Solarpflicht bereits für Nicht-Wohngebäude vom 1. Januar 2022 an gesetzlich festgeschrieben ist, soll diese Pflicht nun generell für den Neubau von Wohngebäuden gelten, und zwar schon vom 1. Mai 2022 an - und später dann auch bei grundlegenden Dachsanierungen von Altbauten.

Der Staat als Preistreiber?

"Der Solarpflicht stehen wir ablehnend gegenüber, da durch sie das Bauen und Wohnen insgesamt im Land verteuert wird", sagt ein Sprecher des Vereins Haus & Grund Württemberg. "Die Landesregierung bemängelt, dass das Wohnen immer teurer wird, ist jedoch selbst der größte Preistreiber." Der Verein rechnet vor: "Die Kosten einer Solaranlage plus Stromspeicher für ein Einfamilienhaus schätzen wir auf 13.000 bis 15.000 Euro." 

Skeptisch steht dem Vorhaben auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen gegenüber. Energieexperte Florian Munder findet eine Solardachpflicht zwar grundsätzlich vernünftig, aber: "Generell muss man sagen, dass bei Nicht-Wohngebäuden normalerweise die Wirtschaftlichkeit nochmal besser ist als bei Wohngebäuden, einfach weil da mehr Fläche zur Verfügung steht. Deshalb wäre es unserer Meinung nach eher angemessen gewesen, diesen Punkt zunächst bei den Nicht-Wohngebäuden einzuführen, bevor man eine generelle Solardachpflicht auch bei den privaten Wohngebäuden einführt."

Verbraucherzentrale warnt vor schwarzen Schafen

Eckhard Benner von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht noch einen weiteren Punkt: Seiner Meinung nach befördere die Politik durch die Photovoltaik-Pflicht eine Nachfrage, die schon jetzt nicht mehr durch das Angebot bedient werden könne. Dies rufe schwarze Schafe auf den Plan: "Aus unserer Beratung wissen wir, dass Anbieter die Motivation zum Klimaschutz für ihre wirtschaftlichen Zwecke auszunutzen versuchen. Dies geschieht in nicht unerheblichem Maße durch unseriöse Haustürgeschäfte mit Photovoltaik-Anlagen."

Die Innung der Dachdecker in Baden-Württemberg fordert weitere Förderprogramme seitens der Landespolitik: "Wir brauchen ganz klar Investitionsanreize für die Privat- und Gewerbekunden. An einem großvolumigen Förderpaket führt für uns kein Weg vorbei." Man dürfe nicht vergessen, dass es zu höheren Bauausgaben kommen werde. Außerdem sei nicht jedes Dach und auch nicht jede Fassade für Photovoltaik oder Solarthermie geeignet. Insgesamt begrüßt die Innung das Gesetz aber.

Bauwirtschaft: Belastungen überschaubar

Auch Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, befürwortet die Solardachpflicht: "Die Belastungen bei den Solardach-Investitionen sind überschaubar, zumal sich durch Einspeisevergütungen die Anlagen nach einigen Jahren amortisieren." Dass es durch die Solaranlagenpflicht zu größeren Bauverzögerungen kommen wird, glaubt er nicht: "Größere Umbauten sind dafür in der Regel nicht notwendig. Die Installation einer Solaranlage ist kein schwieriges Unterfangen und kann jederzeit auf unterschiedliche Dachflächengrößen angepasst werden."

Offene Fragen vor allem bei Altbauten

Jörg Knapp vom Fachverband Sanitär-Heizung-Klima Baden-Württemberg erwartet durch die Gesetzesänderung für seine Branche keinen größeren Auftragszuwachs, insbesondere nicht bei Altbauten: "Die vorgesehene Pflicht ist an die Sanierung der Dachfläche geknüpft. Insofern gehen wir eher davon aus, dass die Sanierungsrate in diesem Bereich sinken könnte, da viele Gebäudebesitzer die zusätzlichen Kosten scheuen werden".

Denn die größte Herausforderung werde sein, die Anlagen in alte Gebäude einzubauen: "Das bedeutet, dass die Anlagen auf dem Dach, am Gebäude oder auf dem Gelände untergebracht werden müssen und ein geeigneter Platz gefunden werden muss. Darüber hinaus müssen die notwendigen Leitungen im Gebäude verlegt werden, was jedoch alles nicht ohne Eingriffe in die vorhandene Bausubstanz möglich ist."

Eine Schwierigkeit komme häufig bei der Überprüfung der Elektrik hinzu, denn bei vielen älteren Gebäude werde der Umbau des E-Verteilerkasten notwendig, so Knapp. Und: "Bei der Solarthermie sind Speicher notwendig, für die ebenfalls ein 'Plätzchen' gefunden werden muss." Die größte Aufgabe der Klimaschutzpolitik sei für ihn aber, die Menschen mitzunehmen, insbesondere bei den Investitionskosten: "Es darf nicht sein, dass der Handwerker der Prügelknabe ist, nur weil er diese Botschaft übermittelt."

Bedenken gegen die baden-württembergische Solardachpflicht gibt es also noch einige. Fest steht aber: Will das Land seine Klimaziele erreichen, führt an einem kräftigen Ausbau der erneuerbaren Energien kein Weg vorbei.