Blick auf das Braunkohlekraftwerk Neurath | REUTERS

Kohle- und Atomausstieg RWE schaltet mehrere Anlagen ab

Stand: 30.12.2021 16:03 Uhr

Im Rahmen des gesetzlich festgelegten Fahrplans schaltet RWE zum Jahreswechsel drei Braunkohle-Anlagen ab. Auch mehrere deutsche Kernkraftwerke werden stillgelegt. Dem BUND reicht das noch nicht.

Der Kohle- und Atomausstieg in Deutschland kommt voran. So schaltet RWE zum Jahresende neben dem Block C des Kernkraftwerks Gundremmingen auch drei Braunkohleanlagen im Rheinischen Revier ab. Stillgelegt würden die 300-Megawatt-Blöcke Neurath B, Niederaußem C und Weisweiler E, teilte der Essener Stromkonzern heute mit.

"Wir setzen damit den gesetzlichen Ausstieg aus der Kernkraft und der Kohle konsequent weiter um", sagte der Vorstandsvorsitzende von RWE Power, Frank Weigand. Die vier betroffenen Kraftwerksblöcke haben laut dem Unternehmen seit Betriebsbeginn über 400 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Dies entspreche dem Strombedarf Berlins über 90 Jahre.

Massiver Stellenabbau im Rheinland

Die Stilllegungen der Atom- und Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 2200 Megawatt (MW) erfolgen im Rahmen des gesetzlich festgelegten Fahrplans. Sie seien der Bundesnetzagentur angezeigt worden, erklärte der Energieversorger. Im Januar 2020 hatte sich die Bundesregierung mit den betroffenen Ländern der Braunkohlereviere (Sachsen-Anhalt, Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg) auf einen Stilllegungspfad für alle Braunkohlekraftwerke in Deutschland bis spätestens 2038 geeinigt.

Im Februar diesen Jahres unterzeichnete RWE schließlich einen öffentlich-rechtlichen Vertrag mit dem Bund, durch den die gesetzlichen Regelungen des Ausstiegs auch vertraglich festgelegt wurden. Die nächsten Außerbetriebnahmen folgen dann 2022: Zum 1. April wird dem Konzern zufolge in Neurath ein weiterer 300-Megawatt-Block vom Netz gehen. Zum Jahresende werden am selben Standort die beiden 600-Megawatt-Blöcke sowie die Brikettierung in der Fabrik Frechen stillgelegt. Zudem wird das Unternehmen das Kernkraftwerk Emsland in Lingen abschalten. Im Zeitraum von 2020 bis 2022 legt RWE damit nach eigenen Angaben Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von insgesamt mehr als 7000 Megawatt still.

Dies habe erhebliche Auswirkungen auf die Belegschaft, betonte das Unternehmen. Bis Ende 2023 baue RWE Power im Rheinland rund 3000 Stellen in der gesamten Prozesskette vom Tagebau über die Instandhaltung und Verwaltung bis zur Stromerzeugung ab. Am bayerischen Standort Gundremmingen werde darüber hinaus letzte Anlage des Atomkraftwerks der Siedewasserreaktor Block C mit rund 1300 MW stillgelegt, hieß es von RWE. Die Belegschaft gehe von rund 600 Mitarbeitenden Anfang 2017 auf rund 440 Ende 2022 zurück. Die verbleibenden Beschäftigten würden noch bis in die 30er Jahre mit Nachbetrieb und Rückbau des Standorts beschäftigt sein.

Streit innerhalb der EU

Bis Ende 2022 will Deutschland aus der Atomenergie aussteigen. Aktuell gibt es noch sechs Kernkraftwerke. Zum Silvesterabend gehen neben Gundremmingen C mit Brokdorf in Schleswig-Holstein und Grohnde in Niedersachsen zwei weitere verbliebene Atommeiler in Deutschland vom Netz. Die restlichen drei folgen im kommenden Jahr: das AKW Emsland in Lingen, das AKW Isar im bayrischen Essenbach und das AKW Neckarwestheim zwischen Heilbronn und Ludwigsburg.

Gleichzeitig mit der Abschaltung in Deutschland bereitet die EU-Kommission eine Entscheidung vor, ob Kernkraft als grüne Technologie einzustufen ist. Darüber wird innerhalb der Europäischen Union derzeit jedoch heftig gestritten. Während Deutschland den Atomausstieg weiter vorantreibt und eine Einstufung der Kernenergie als nachhaltige Energieform entschieden ablehnt, gehört insbesondere Frankreich zu den Befürwortern einer solchen Bewertung. Auch Belgien hat die für 2025 geplante Abschaltung seiner Atomkraftwerke aufgeweicht und will 100 Millionen Euro in die Erforschung neuer Technologien stecken. Wenn die Energieversorgung nicht auf anderen Wegen sichergestellt werden kann, sollen die Reaktoren weiterhin Strom produzieren.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) warnte vor einer Renaissance der Atomkraft in Europa. "Es ist abstrus, wie viele ungedeckte Versprechungen aktuell zu möglichen neuen Reaktortypen zirkulieren", sagte Lemke heute den Zeitungen der Funke Mediengruppe. In der Realität gebe es in Europa immer mehr überalterte Atomkraftwerke, deren Weiterbetrieb riskanter werde und die sich nur punktuell nachrüsten ließen, betonte die Ministerin. "Dieses Problem drängt und gehört ins Zentrum der Debatte, nicht Märchen und Mythen von AKW-Konzepten, die weder die Sicherheitsprobleme noch die Endlagerfrage lösen."

BUND bezeichnet Atomausstieg als "unvollständig"

Auch den deutschen Atomausstieg hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) allerdings wegen des Weiterbetriebs zweier Atomfabriken über das Jahr 2022 hinaus als "unvollständig" kritisiert. "Noch immer haben wir in Deutschland keinen vollständigen Atomausstieg", sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt der Nachrichtenagentur dpa. Auch nach dem für Ende 2022 geplanten Atomausstieg werde etwa die Urananreicherungsanlage im nordrhein-westfälischen Gronau weiter betrieben. Gleiches gelte für die Brennelemente-Fabrik im niedersächsischen Lingen, sagte Bandt.

"Damit ist Deutschland Teil der nuklearen Kette und beliefert Schrott-AKWs im europäischen Ausland mit Brennelementen. Das muss die neue Bundesregierung stoppen und die beiden Atomanlagen abschalten", forderte der BUND-Chef. Die Anlage in Lingen richtet ihre Produktion vor allem auf den Export von Brennelementen aus - etwa nach Belgien. Auch das in Gronau angereicherte Uran wird exportiert. Bereits die frühere Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hatte angemahnt, dass der deutsche Atomausstieg nur dann vollendet werden könne, wenn auch diese beiden Fabriken geschlossen würden. "Unser Atomausstieg ist nicht mit der Produktion von Brennstoff und Brennelementen für Atomanlagen im Ausland vereinbar", hatte Schulze Anfang des Jahres gesagt.

Umweltministerin Lemke teilte auf dpa-Anfrage mit, dass sie die Auffassung ihrer Vorgängerin teile. "Die vom BMUV präferierte Lösung - eine gesetzliche Stilllegung der beiden Anlagen - fand in der letzten Legislaturperiode keine Mehrheit innerhalb der Regierung", hieß es dazu. Das Ministerium prüfe jetzt auf Grundlage des Koalitionsvertrages das weitere Vorgehen. Im Koalitionsvertrag bekennen sich SPD, Grüne und FDP explizit dazu, am Atomausstieg festzuhalten. Details zum Umgang mit den besagten Atomfabriken enthält der Vertrag nicht.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 29. Dezember 2021 um 17:00 Uhr.