BP-Raffinerie in Lingen  | picture alliance / dpa

Bio-Flugbenzin Speisefett-Kerosin aus dem Emsland

Stand: 21.02.2022 09:32 Uhr

Biorohstoffe aus Kantinen und der Gastronomie: Der britische Konzern BP startet die Produktion seines nachhaltigeren Flugbenzins im Emsland. Dabei werden unter anderem gebrauchte Fette verwendet.

Das britische Mineralöl- und Energieunternehmen BP stellt im Emsland jetzt Flugzeugsprit mit geringen Anteilen aus Speisefett-Resten her. Die Biorohstoffe stammen etwa aus Kantinen oder Gastronomiebetrieben. Es gehe um gebrauchte und übrig gebliebene Fette und Öle zum Beispiel aus Fritteusen, Kochrückständen sowie Biomasse-Abfällen, erklärte ein Sprecher. Heute gibt BP den Produktionsbeginn in der Raffinerie in Lingen bekannt.

Seit Mitte Februar produziere diese bereits nachhaltigen Flugkraftstoff, sogenannten Sustainable Aviation Fuel (SAF), aus gebrauchtem Speiseöl im "Co-Processing"-Verfahren. Dabei werde es gemeinsam mit Rohöl in den vorhandenen Anlagen verarbeitet. Nach Angaben des Konzerns ist es die erste Raffinerie dieser Art in Deutschland, mit der sich industriell verwertbare Mengen erzeugen lassen. BP unterstütze "die Luftfahrtbranche dabei, sich zu dekarbonisieren", heißt es in einer Mitteilung.

"Signifikante CO2-Reduktion"

Die verwendeten Fette und Öle sind meist pflanzlichen, teilweise auch tierischen Ursprungs. Sie werden in einem geschlossenen Verfahren bis zum zulässigen Anteil von fünf Prozent mit den Rohöl-Kohlenwasserstoffen für das normale Kerosin kombiniert. Bei der späteren Verbrennung ist der CO2-Ausstoß des Biokerosins zwar ähnlich wie im Fall rein fossilen Flugbenzins - weil die Fettkomponenten schon zuvor im Stoffkreislauf waren, soll die Gesamt-Klimabilanz aber besser sein.

Biomassebasierten Flugkraftstoffen komme bei der Dekarbonisierung des Luftverkehrs eine wichtige Rolle zu, sagte Arno Appel, Vorstandsmitglied der BP Europa SE und Leiter der Raffinerie in Lingen. "Denn im Vergleich zu herkömmlichem Kerosin bewirkt SAF eine signifikante CO2-Reduktion über den gesamten Lebenszyklus des Kraftstoffes."

Anders als beim Anbau von Energiepflanzen wie Raps oder Soja für die Biosprit-Erzeugung sei das Problem der Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln hier auch nicht akut, meinte ein BP-Vertreter. "Das ist kein Thema, weil die gebrauchten Kochfette und -öle bereits im Umlauf sind." So müssten zertifizierte Zulieferer der Biorohstoffe beispielsweise nachweisen, dass kein Palmöl enthalten ist.

Weiteres Projekt im Emsland

Zudem können Fluggesellschaften den Bio-Kraftstoff laut BP ohne technischen Umbau sofort einsetzen. Es gebe bereits Kunden für das Biokerosin. Einzelheiten wollte der Energiekonzern nicht nennen. Langfristig will BP mit seinem SAF einen weltweiten Marktanteil von 20 Prozent erreichen. Etwa in Deutschland gebe es jedoch bislang keine Rechtssicherheit. Deshalb seien die im "Co-Processing" gewonnenen Produkte hierzulande nicht zur Anrechnung der Treibhausgas-Quotenverpflichtung zugelassen und würden somit in andere Länder exportiert werden.

Erst im Oktober war rund 50 Kilometer entfernt im westlichen Niedersachsen eine andere Anlage für eine bessere Ökobilanz der Luftfahrtbranche von der damaligen Bundesumweltministerin Svenja Schulze eröffnet worden. Das Projekt der gemeinnützigen Klimaschutzorganisation Atmosfair in Werlte befasst sich jedoch mit der Herstellung synthetischen Kerosins, das am Ende komplett klimaneutral sein soll. Dabei reagieren Kohlenstoff - aus dem CO2 der Luft oder Abfällen - und Wasserstoff - aus mittels Ökostrom gespaltenem Wasser - zu "künstlichem" Kraftstoff.

Die Produktionsmengen sind hier aber noch relativ gering. Erster Kunde ist die Lufthansa, beliefert wird der Flughafen Hamburg. Die großen Öl- und Gaskonzerne wollen alternative Kraftstoffe und den Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft zu einer weiteren Säule machen. Sie tun dies, um die CO2-Lasten aus Förderung und Verbrennung fossiler Rohstoffe zu senken - parallel dazu verlangen allerdings auch immer häufiger Investoren, nachhaltige Geschäftsmodelle aufzubauen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Oktober 2021 um 20:00 Uhr.