Blick auf die Blöcke A-E des Braunkohlekraftwerks Neurath  | picture alliance / Goldmann

Folgen des Ukraine-Kriegs Was passiert mit der Energiewende?

Stand: 10.03.2022 11:47 Uhr

Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine stellt sich die Frage nach der Energie-Versorgungssicherheit. Für den Übergang ist sogar eine stärkere Nutzung der Kohlekraftwerke im Gespräch. Wohin steuert die deutsche Energiepolitik?

Von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Die Ampel-Koalition hatte bis vor kurzem einen Plan für die Energiewende: Atomausstieg vollenden, den Kohleausstieg möglichst auf 2030 vorziehen, die Erneuerbaren zügig ausbauen - und die Versorgungslücken durch neue Gaskraftwerke ersetzen. Erdgas sollte die neue Brückentechnologie werden.

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

Aber dieser Plan ist nun wohl Makulatur - angesichts des russischen Krieges in der Ukraine und angesichts der Erkenntnis, viel zu abhängig zu sein von russischem Erdgas. Denn 55 Prozent des hier verbrauchten Erdgases kommt per Pipeline aus Russland. Deutschland hat diese Energieabhängigkeit von dem einen Hauptlieferanten über Jahrzehnte aufgebaut. 

Wackelt der Kohleausstieg?

Weil sich die großen Erdgaspläne nun wohl erledigt haben, werden Forderungen laut, den Ausstiegsplan aus der Kohle zu überdenken. So betont Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), es verstehe sich von selbst, dass der Ausbau von Gaskraftwerken jetzt der völlig falsche Weg wäre. Denn das würde die Abhängigkeit von russischem Erdgas sogar noch erhöhen. "Und deswegen ist es richtig", so Kretschmer, "wenn die Bundesregierung darüber nachdenkt, ob sie bei Atom und Kohle eine Verlängerung in den Blick nimmt."

Kretschmer kommt aus einem Kohleland - und galt daher schon bisher nicht als Vorkämpfer für einen schnellen Ausstieg. Anders als das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Aber selbst dessen Chef Ottmar Edenhofer blickt nun etwas anders auf die Kohle - zumindest in der akuten Situation. Er verweist auf den Krieg, der in der Wirtschaft unkonventionelle Maßnahmen erfordere. Und Edenhofer fügt hinzu: "Wir müssen in diesen sauren Apfel beißen und vermehrt Kohlekraftwerke zu nutzen."

Wackelt also der Kohleausstieg? Der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck betont dieser Tage, dass es keine Denk-Tabus geben dürfe, auch wenn er natürlich am zügigen Kohleausstieg festhalten will. Nach einer Sonderkonferenz mit den Energieministern sagte Habeck, dass die Kohlekraftwerke, die eigentlich zur Abschaltung anstehen, in die Reserve überführt werden sollen.

"Die Energieversorgungssicherheit steht im Moment über allem", so Habeck. "Das heißt: Kraftwerke, die unter bestimmten Szenarien jetzt vom Netz gehen können, werden trotzdem ready gehalten, falls sie doch noch einmal gebraucht werden." Das könnte umso mehr der Fall sein, da Habeck die verbliebenen drei Atomkraftwerke auf jeden Fall zum Ende des Jahres abschalten will. Es fehle an Personal, Brennstäben und Sicherheitschecks für den Weiterbetrieb, so der grüne Wirtschaftsminister.

Mit "Tesla-Geschwindigkeit", aber ohne Masterplan

Die akute Sorge um die Energiesicherheit will Habeck nun erst recht als Antrieb verstanden wissen, die Energiewende noch schneller voranzutreiben. Im Wirtschaftsministerium werden gerade entsprechende Pläne erarbeitet - insbesondere, um die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu reduzieren: Durch den Bau von LNG-Terminals für Flüssiggas aus den USA oder arabischen Ländern, durch massive Investitionen in Wasserstoff-Technologie für die Industrie und einen umfassenden Umbau der Wärmeversorgung - Gasheizungen sollen möglichst breitflächig durch Wärmepumpen ersetzt werden.

Habeck will die Energiewende nun "in Tesla-Geschwindigkeit" vorantreiben, wie er sagt. Auch die anderen Energieminister wollen jetzt offenbar Tempo machen, betrachten die Energiewende nun als Sicherheitsfrage, betonen den gemeinsamen Willen, schnell voranzukommen, etwa die Genehmigungsverfahren für Windräder oder Stromtrassen zu beschleunigen.

Allerdings taucht hier wieder das bekannte Dilemma der deutschen Energiepolitik auf: Ambitionierte Pläne und Zielmarken lassen sich auf dem Papier leicht festlegen - diese in der Realität zu erreichen, ist dann die eigentliche Herausforderung. Dabei geht es nicht nur um langwierige Genehmigungsverfahren, Bürgerproteste gegen Windräder oder vermeintlich renitente Bürgermeister, die sich gegen Stromtrassen wehren. Es geht auch um unvermeidbare Bauzeiten und klimafreundliche Zukunftstechnologien, die sich nicht mal eben so in der Industrie etablieren lassen.

Erstes deutsches LNG-Terminal frühestens 2026

So ist mit einem deutsche Flüssiggasterminal wohl nicht vor 2026 zu rechnen, die Industrie plant für die 2030er-Jahre mit dem Umstieg auf grünen Wasserstoff, der gegenwärtig noch nirgendwo auf der Welt in großem Maßstab hergestellt wird. Und der Chef der Deutschen Energieagentur Andreas Kuhlmann hat Zweifel, dass die Wärmeversorgung in Tesla-Geschwindigkeit umgestellt werden kann. In Neubauten sei zwar einiges möglich, im Bestand ließen sich Gasheizungen aber kaum im großen Stil austauschen. Allein schon, weil es an Handwerkern mangele, die Wärmepumpen einbauen könnten.

So herrscht in Politik und Industrie zurzeit vor allem Ungewissheit, wie es mit der Energiewende weitergeht und wie es absehbar mit der Versorgungssicherheit aussieht. Viele möchten jetzt zwar mit Tesla-Geschwindigkeit in Richtung klimafreundliche Zukunft. Aber der Masterplan für die Zeit bis dahin fehlt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. März 2022 um 11:11 Uhr.