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E-Auto-Markt in Europa Eine ausbaufähige Erfolgsgeschichte

Stand: 15.07.2022 08:17 Uhr

E-Autos boomen - auch in der EU? Beim Ausbau der E-Mobilität kommen die Mitgliedsstaaten unterschiedlich schnell voran - und setzen auf ganz verschiedene Anreize. Ein erfolgreiches Beispiels liefert ein Nicht-EU-Land.

Von Jakob Mayr, ARD-Studio Brüssel

E-Autos fahren auf europäischen Straßen auf der Überholspur. So hat Europa mittlerweile China den Rang abgelaufen als weltgrößter Markt für Elektrofahrzeuge. Die Zulassungszahlen von elektrisch betriebenen Autos haben sich in der Pandemie deutlich besser entwickelt als die von Fahrzeugen mit Benzin- und Dieselmotoren, deren Verkäufe stark zurückgingen.

Jakob Mayr ARD-Studio Brüssel

Verkaufszahlen mit klarem Aufwärtstrend

Auch im vergangenen Jahr ist die Zahl der Neuzulassungen von batteriebetriebenen E-Autos in der EU im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen: von 539.000 auf 878.000 Fahrzeuge. Die meisten wurden nach Angaben des europäischen Herstellerverbandes ACEA in Deutschland verkauft; danach folgen Frankreich, Italien und die Niederlande.

Und der Aufwärtstrend setzt sich fort, das bestätigt der Blick aufs erste Vierteljahr 2022: ACEA zufolge haben batteriebetriebene Autos ihren Marktanteil im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt und machen nun zehn Prozent aller Verkäufe aus. Plug-in-Hybride mit kombiniertem Elektro-/Verbrennerantrieb kommen auf knapp neun Prozent Marktanteil.

Zum Teil dreistellige Zuwachsraten

Viele EU-Märkte verzeichneten bei batteriebetriebenen Fahrzeugen sogar dreistellige Zuwächse, allen voran Rumänien mit einem Plus von mehr als 400 Prozent - allerdings hat das Land auch einiges  aufzuholen. Auf den großen Auto-Märkten tut sich ebenfalls was: Spanien meldet einen Anstieg von 110 Prozent, gefolgt von Frankreich mit einem Plus von 43 Prozent und Deutschland mit 29 Prozent mehr Zulassungen. In Italien gingen die Verkäufe von E-Autos mit Batterie dagegen um 15 Prozent zurück.

Die Zahl der Zulassungen von Plug-in-Hybrid-Elektrofahrzeugen ist im ersten Quartal EU-weit gesunken. Insgesamt konnten sie ihren Marktanteil aber ausbauen, weil die Verkäufe von Benzinern und Dieselfahrzeugen zurückgegangen sind. Verbrenner sind zwar immer noch Marktführer mit einem Anteil von gut 50 Prozent, und Benziner bleiben die beliebtesten Autos, aber E-Fahrzeuge holen auf, auch in den wichtigsten europäischen Märkten Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland.

Dabei ist der Anteil von E-Autos an der Gesamtzahl aller in Deutschland zugelassen Pkw immer noch sehr überschaubar: Im Frühjahr waren es 687.000, das sind rund 1,3 Prozent. Bis 2030 will die Ampelkoalition 15 Millionen E-Autos auf deutsche Straßen bringen. 

Ein Nicht-EU-Land macht es vor

Dabei kann sich Berlin einen Nicht-EU-Staat zum Vorbild nehmen: In Norwegen hat das E-Auto bei den Neuzulassungen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor seit langem überholt. So wurden im vergangenen Jahr in Norwegen über 100.000 batterieelektrische Pkw verkauft. Das entspricht 65 Prozent der Neuzulassungen.

Das liegt unter anderem an der üppigen Förderung, die E-Autos um ein Drittel günstiger macht als Verbrenner. Einfuhr- und Mehrwertsteuer fallen weg, E-Autofahrer zahlen keine City-Maut, Aufladen ist gratis. Allerdings hat Norwegen das gleiche Problem wie viele EU-Staaten: Weil wegen Lieferengpässen Chips und Kabelbäume fehlen, müssen Autokäuferinnen und -käufer teilweise monatelang auf ein neues Fahrzeug warten.

Fast überall gibt es Förderung

Viele europäische Staaten wollen Verbraucherinnen und Verbraucher mit Prämien und steuerlichen Vorteilen zum Kauf eines E-Autos bewegen. Rumänien liegt bei der Förderung vorne - dort bekommt man bis zu 10.000 Euro als Zuschuss zum neuen Stromer, in Kroatien sind es rund 9200 Euro. In Frankreich und Slowenien sind die Prämien mit etwa 7000 Euro etwas geringer als in Deutschland; in Italien, Spanien, Schweden und Irland liegen sie zwischen 5000 und 6000 Euro.

Die Niederlande bieten Kaufprämien und Steuererleichterungen - auch für Firmen, die ihre Wagenflotten auf alternative Antriebe umstellen. Belgiens Regierung vergibt keine Kaufprämien, einzelne Regionen fördern aber Privatpersonen. Polen hat Mitte 2020 eine Kaufprämie eingeführt, wodurch der Anteil von E-Autos an den Neuzulassungen deutlich anstieg. Zu Prämien und Steuervorteilen genießen E-Auto-Fahrer in einigen EU-Staaten weitere Vorteile: kostenloses Parken, freie Fahrt auf Busspuren, Vergünstigungen bei der Maut auf Autobahnen und in den Städten. Estland verzichtet allerdings völlig auf Kaufanreize. 

Zuckerbrot oder Peitsche?

Um möglichst viele zum Umstieg auf E-Mobilität zu bewegen, braucht es nach Angaben der Organisation Transport & Environment, die sich für nachhaltigen Verkehr einsetzt, ein ausgewogenes Verhältnis von Prämien und Steuern. Danach setzen beispielsweise Frankreich und die Niederlande auf Zuckerbrot und Peitsche: Prämien für E-Autos, hohe Steuern auf Verbrenner.

Deutschland vertraut dagegen laut Transport & Environment nur aufs Zuckerbrot: Die Bundesregierung lockt E-Autokäufer mit hohen Prämien, belegt große Verbrennerautos aber mit vergleichsweise geringen Steuern. Außerdem führt die aus Sicht des Verbandes zu großzügige Dienstwagenbesteuerung dazu, dass in Deutschland nur halb so viele Firmenautos elektrisch fahren wie Privat-Pkw.

Die deutsche E-Auto-Förderung setzt sich aus Umweltbonus (Automobilhersteller und Bund) und Innovationsprämie zusammen und ergibt bis zu 9000 Euro für batteriebetriebene und 6750 Euro für Plug-in-Hybrid-Autos. Die Innovationsprämie läuft Ende des Jahres aus. Danach soll es nur noch den einfachen Bundesanteil geben (Umweltbonus). Auch den wollen die FDP-Minister in der Bundesregierung baldmöglichst abschaffen. SPD und Grüne halten dagegen.

Ladesäulen, aber schnell!

Neben staatlicher Förderung ist für potenzielle E-Autokäufer wichtig, ob sie auf der Fahrt genügend Ladestellen vorfinden - auch bei Reisen in europäische Nachbarländer. Sicher ist: Ohne ein enges Netz leistungsstarker Ladesäulen wird der Wandel zur E-Mobilität nicht gelingen. Nach Ansicht der EU-Kommission sollen die Mitgliedsstaaten dafür sorgen, dass in den kommenden drei Jahren entlang der wichtigsten Schnellstraßen alle 60 Kilometer Ladestationen entstehen.

Da bleibt viel zu tun: Derzeit steht rund die Hälfte aller Ladesäulen in der EU in gerade einmal zwei Ländern, nämlich in den Niederlanden (29 Prozent) und Deutschland (19 Prozent). Auch in Frankreich, Schweden und Italien ist die Abdeckung noch vergleichsweise gut. In den baltischen Staaten sowie Malta und Zypern müssen E-Auto-Fahrerinnen und -fahrer dagegen lange nach Lademöglichkeiten suchen.

Nach Ansicht des Herstellerverbandes ACEA reichen die derzeit 307.000 Ladepunkte in der EU bei weitem nicht aus, um den Verkauf von E-Autos zu befördern und die Klimaziele zu erreichen. Der Verband verlangt bis 2030 rund 6,8 Millionen öffentliche Ladepunkte - also in acht Jahren 22 Mal so viele wie heute. In Deutschland kommt der Ausbau der Ladeinfrastruktur voran, liegt aber ebenfalls deutlich hinter dem Bedarf. Die Bundesnetzagentur meldet 53.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte für Elektrofahrzeuge.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Juni 2022 um 18:26 Uhr.