Strom tanken statt Benzin: Fast jedes zehnte verkaufte Auto war zuletzt ein E-Modell. | dpa

Studie des Fraunhofer-Instituts E-Autos doch keine Jobkiller?

Stand: 26.12.2020 00:15 Uhr

Experten warnen, dass die Elektrowende bis 2030 Hunderttausende Jobs in der deutschen Autoindustrie kostet. Eine neue Studie zeigt: Der Stellenabbau könnte weniger schlimm ausfallen.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Forscher, Gewerkschafter und auch Automanager haben in der jüngsten Vergangenheit vor massiven Jobverlusten in der Autobranche gewarnt - wegen der Umstellung auf die Elektromobilität. Die "Nationale Plattform Zukunft der Mobilität" zum Beispiel sieht bis 2030 über 400.000 Arbeitsplätze in Gefahr.

"Beschäftigungsverluste geringer als prognostiziert"

Das Fraunhofer-Institut hält solche Szenarien für übertrieben. "Das immer wieder befürchtete Szenario von massenhaft wegfallenden Arbeitsplätzen bewahrheitet sich nicht", schreiben die Forscher in ihrer Studie "Beschäftigung 2030", die sie im Auftrag von Volkswagen realisiert haben. "Die Beschäftigungsverluste durch Elektromobilität in der Fahrzeugfertigung werden weitaus geringer ausfallen als in bisherigen globalen Studien prognostiziert", heißt es darin.

Die Wissenschaftler haben verglichen, wie viel Personal und Zeit für die Herstellung des VW-Elektroautos ID.3 gegenüber dem konventionellen Golf 8 in den nächsten zehn Jahren benötigt wird. Das Ergebnis ist relativ überraschend: Der Aufwand für die Fertigung des Verbrenners und des Stromers ist fast gleich groß.

Kaum Effekte bei der Fahrzeugfertigung

Zwar wird die Zahl der VW-Beschäftigten in der Fahrzeugfertigung in den nächsten zehn Jahren um zwölf Prozent sinken. Grund dafür sei aber weniger die Elektrowende, sondern vielmehr die steigende Produktivität in den Werken, erklärt Florian Herrmann, einer der Autoren der Studie. Die zunehmende Elektromobilität werde nur einen geringen direkten Beschäftigungseffekt haben, aber Auslöser und Katalysator für weitere Optimierungen in verschiedenen Bereichen sein, heißt es in der Studie.

Laut internen Prognosen werden bei Volkswagen für die Herstellung der konventionellen Fahrzeuge bis 2029 rund 11.400 Jobs wegfallen. Für die Fertigung von E-Autos werden hingegen gut 8.500 mehr Stellen benötigt.

Einschnitte in der Komponentenfertigung

Lediglich in der Komponentenfertigung befürchtet das Fraunhofer-Institut massive Einschnitte. Der Personalbedarf für die Produktion eines konventionellen Antriebsstrangs ist um 70 Prozent höher als für die Herstellung eines Elektro-Antriebsstrangs, heißt es in der Studie.

Die Produktion beim Zulieferer ZF Friedrichshafen. | dpa Bildfunk, picture alliance/Felix Kästle/dpa

Im Werk des Zulieferers ZF Friedrichshafen. Der Antrieb eines Elektroautos ist sehr viel einfacher herzustellen. Bild: dpa Bildfunk, picture alliance/Felix Kästle/dpa

Hier drohen also deutliche Jobverluste, zumal der Wolfsburger Autokonzern einen vergleichsweise hohen Eigenanteil an den Komponenten hat. Gut 30.000 Mitarbeiter sind in den hauseigenen Zuliefererbetrieben beschäftigt. In Kassel betreibt VW ein großes Getriebewerk. Konventionelle Verbrennermotoren werden in Salzgitter hergestellt, Audi-Motoren im ungarischen Györ.

Das Fraunhofer-Institut rät, absehbare negative Beschäftigungseffekte durch eine Erhöhung der Stückzahlen und durch die Verlagerung auf die Fertigung neuer Komponenten wie zum Beispiel Batteriezellen abzufedern. Das tut Volkswagen teilweise schon. Im Motorenwerk Salzgitter werden bald zusammen mit dem schwedischen Partner Northvolt Batteriezellen hergestellt.

Zulieferer in Gefahr

Der vom Fraunhofer-Institut prophezeite geringere Personalbedarf in der Komponentenfertigung dürfte vor allem die Zulieferer hart treffen. Sie stellen Bauteile wie Getriebe und Verbrennermotoren her, die künftig weniger benötigt werden.

Bosch-Chef Volkmar Denner warnte jüngst in der "Welt am Sonntag" vor dramatischen Auswirkungen der Elektrowende auch auf die Beschäftigung. "Der Arbeitsaufwand für den Antrieb eines Elektroautos ist bei uns um den Faktor zehn geringer als bei einem modernen Dieselmotor."

Denner befürchtet eine große Verschiebung in den Komponentenwerken. "Viele Hersteller machen jetzt ihre Motoren und Batterien selbst." Durch dieses "Insourcing" werde der Kuchen insgesamt kleiner - vor allem für die Zulieferer.

Volknar Denner | SWR

Macht sich Sorgen um seine Branche: Bosch-Chef Volkmar Denner Bild: SWR

Nebeneinander von Jobabbau und Aufbau

Für Volkswagen und die Autohersteller sieht die Zukunft dagegen rosiger aus. Am Beispiel von Volkswagen kommt das Fraunhofer-Institut zu dem Schluss, dass es im kommenden Jahrzehnt keinen einheitlichen Trend der Beschäftigungsentwicklung, "sondern ein vielfach verflochtenes Nebeneinander von Arbeitsplatzaufbau, -aufwertung und -entfall geben wird". So werde nicht nur die Elektromobilität, sondern auch die Digitalisierung neue Jobs in der Autobranche bringen.

Die Studie des Fraunhofer-Instituts sei nicht auf Volkswagen beschränkt, erklären die Forscher. Die Analyse für den Wolfsburger Autobauer lasse sich zum großen Teil auf die gesamte Automobilindustrie in Deutschland übertragen.