Werner Sicken steht in seinem Heizungskeller. | SWR

Wiederaufbau im Ahrtal Modellregion für erneuerbare Energien?

Stand: 01.10.2021 17:33 Uhr

Wissenschaftler schlagen vor, das Ahrtal zur Modellregion für erneuerbare Energien zu machen. Viele Bewohner befürworten das, müssen aber zugleich Notlagen überbrücken.

Von Christian Kretschmer, SWR

Im Heizungskeller von Werner Sickens Haus in Altenburg an der Ahr stehen zwei große graue Öltanks, viertausend Liter fasst jeder von ihnen. Während der Flut seien beide "hochgeschwommen", sagt Sicken, sie hätten das aber unbeschadet überstanden. In wenigen Tagen sollen die Tanks wieder mit Heizöl befüllt und eine neue Heizanlage geliefert werden. "Zwei Tage nach der Flut habe ich meinen Heizungsbauer angerufen", sagt Sicken. Im ersten Moment hätten da ökologische Aspekte keine Rolle gespielt. "Ich musste schnell reagieren. Man hat ja gewusst, dass der Winter bald wieder vor der Tür steht."

Christian Kretschmer

Ein Nahwärmenetz auf Basis erneuerbarer Energien

Dabei sind ihm, wie für viele Menschen vor Ort, Klimaschutz und Nachhaltigkeit wichtig. Wie eine Erhebung der Energieagentur Rheinland-Pfalz aus dem September zeigt, wünschen sich 84 Prozent der befragten betroffenen Anwohner im Ahrtal eine langfristig nachhaltige Wärmeversorgung - nicht zuletzt, weil durch die Flut weitläufige Flächen durch ausgelaufenes Heizöl kontaminiert wurden.  

"Die Katastrophe hat gezeigt, dass wir umdenken müssen", sagt Alfred Sebastian, Bürgermeister von Dernau, wenige Kilometer von Altenburg entfernt. Gemeinsam mit der Energieagentur befasst sich Sebastian mit der künftigen Wärmeversorgung der Gemeinde. Die Bürger sollen über Versammlungen miteinbezogen werden. Die bislang bevorzugte Idee: ein Nahwärmenetz, über das der Ort beheizt wird, auf Basis von erneuerbarer Energie. Derzeit überlege man, welche Energieträger dafür am geeignetsten seien.

Doch der Zeitdruck ist groß, denn die bisherigen Notlösungen - beispielsweise mobile Heizcontainer - sollen nur diesen Winter im Einsatz sein. Schon im kommenden Jahr soll der Umstieg auf ökologische Alternativen erfolgen. Wenn es nach Bürgermeister Sebastian geht, nicht nur in Dernau, sondern auch darüber hinaus: "Wir hoffen, dass das gesamte Ahrtal als Modellregion infrage kommt, um zukunftsfähige Heizungskonzepte zu erproben."

Keine "fossilen Fehlentscheidungen" mehr

Urban Weber, Physik-Professor an der Technischen Hochschule in Bingen, hat hierzu mit anderen Forschern bereits konkrete Ideen erarbeitet. "Aus Ahrtal wird SolAHRtal" heißt ihr Konzeptpapier. "Das Zielbild ist, dass sich der Kreis Ahrweiler im Jahr 2027 zu einhundert Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen kann", sagt Weber. Für die Klimaneutralität müssten zwei Strategien parallel verfolgt werden: Zum einen sollten beim konkreten Wiederaufbau Synergien genutzt und etwa bei der Reparatur von Dächern direkt Photovoltaikanlagen installiert werden. Übergeordnet müsse auch bei der Planung das ökologische Zielbild mitgedacht werden, um beispielsweise keine neuen Erdgasleitungen mehr zu verlegen. Solche "fossilen Fehlentscheidungen" gelte es jetzt zu vermeiden.

Insgesamt bedürfte es auch groß angelegter, ambitionierter Veränderungen, um das Ziel 2027 zu erreichen: Allein für die nachhaltige Stromversorgung müssten im Kreis sechs bis zehn Windkraftanlagen errichtet und 35 Hektar an Freifläche für Photovoltaik-Anlagen bebaut werden - und zwar jährlich, wie die Wissenschaftler für das Konzeptpapier errechnet haben. Hinzu kämen zahlreiche Solarwärme-Kollektoren an Hangflächen für die Wärmeversorgung des Kreises. Ob das politisch durchsetzbar ist?

Skepsis in den Reihen der Politik

Cornelia Weigand, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, ist vor allem in Sachen Flächenverbrauch skeptisch, auch wenn sie die Idee einer Modellregion befürwortet. Der Kreis lebe von seiner Landschaft, dem Weinbau und dem Tourismus, sagt sie und spricht sich daher für "kleinräumigere" Maßnahmen aus, etwa Photovoltaik-Anlagen auf Dächern. "Dafür müssen dann aber auch Anreize geschaffen werden", sagt Weigand. Wer so eine Anlage beim Wiederaufbau seines Hauses installiert, solle dafür vollständig die Kosten finanziert bekommen, zum Beispiel über die Wiederaufbauhilfe des Landes. "Da braucht es dann auch das Commitment, zu sagen: Im Rahmen eines Modellprojekts wird das durchfinanziert - aber insgesamt eben landschafts- und flächenverträglich."

Auch das Umweltministerium in Rheinland-Pfalz betont auf Anfrage, dass aus dem Ahrtal keine "Versuchsregion" werden solle: "Die Menschen vor Ort sollten bestimmen, wie der Wiederaufbau ihrer Region erfolgen soll, also welche Maßnahmen wie und wann umgesetzt werden. Wir als Land unterstützen sie dabei, beispielsweise durch verschiedene Beratungsangebote sowie finanzielle Mittel", teilt das Ministerium mit. "Gleichzeitig behalten wir beim Wiederaufbau des Ahrtals unser Ziel, bis spätestens 2040 klimaneutral zu sein, im Blick." Das Ministerium verweist unter anderem auf die Berater der Energieagentur vor Ort, um den Aufbau von klimaneutralen Wärmenetzen voranzubringen.

Langfristig ist Klimaneutralität auch für Werner Sicken, der in Altenburg auf seine Ölheizung wartet, das Ziel. Solarzellen hat er schon vor mehreren Jahren auf dem Dach seines Hauses angebracht. Den so erzeugten Strom verkauft er. In ein paar Jahren, wie er erzählt, kann er sich auch gut vorstellen, auf Solarenergie zum Heizen umzurüsten, vielleicht in Kombination mit einer Wärmepumpe. Doch vorerst freue er sich auf die neue Ölheizung, um warm durch diesen Winter zu kommen - das sei schließlich alles andere als selbstverständlich.

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell Rheinland-Pfalz am 28. September 2021 um 19:30 Uhr.