Verschiedene Euro-Banknoten liegen auf einem Tisch | dpa
Hintergrund

Folgen für Bundeshaushalt Wie steigende Zinsen den Staat treffen

Stand: 05.05.2022 11:13 Uhr

Jahrelang verdiente der Bund gut damit, neue Schulden zu machen. Das ändert sich nun mit steigenden Zinsen. Wie teuer wird es für den deutschen Staat - und was hat die US-Notenbank mit dem Bundeshaushalt zu tun?

Von Bianca von der Au, ARD-Börsenstudio

39 Milliarden Euro zusätzliche Schulden - das ist die Summe, die der Bundesfinanzminister wegen der Folgen des Ukraine-Kriegs zusätzlich aufnehmen will. Damit steigt die Neuverschuldung für dieses Jahr auf insgesamt fast 139 Milliarden Euro. Der Bund nimmt somit zusätzliche Kredite in dreistelliger Milliardenhöhe auf.

Diese Geld muss sich Deutschland am Kapitalmarkt leihen - und das geht nicht mehr zum Nulltarif. "Die Staatsverschuldung ist nicht mehr umsonst zu haben", sagt Kapitalmarkt-Kenner Robert Halver von der Baader-Bank. "Auch Deutschland muss dafür mittlerweile zahlen oder: Deutschland bekommt kein Geld mehr dafür, dass es Schulden macht, es ist wieder mehr Normalität im Spiel."

Hohe Inflation erleichtert Schuldentilgung

Auf den ersten Blick muss Deutschland also - nach Jahren der Gewinne durch Schuldenmachen - nun wieder Zinsen zahlen, wenn es sich Geld leiht. Aber: Die Inflation in Deutschland lag zuletzt bei mehr als sieben Prozent. Selbst wenn die Rendite für deutsche Staatsanleihen - wie zuletzt gestern - wieder auf mehr 1,0 Prozent klettert, bleibt unterm Strich ein Minus. Oder einfach ausgedrückt: Die Inflation frisst die Schulden.

Das sei beim Staat genau so wie bei der verschuldeten Privatperson, erklärt Volkswirt Michael Heise von der Vermögensverwaltung HQ Trust. "Wenn eben eine hohe Inflation da ist und die Löhne und Einkommen mit hoher Rate steigen, dann sinkt die Schuldenlast über die Zeit, die man vielleicht auf eine Immobilie oder sonst wie aufgenommen hat. Das ist beim Staat ähnlich, die Inflation reduziert den Realwert der staatlichen Schulden." Wenn alles teurer wird, kassieren Unternehmen mehr und der Staat hat höhere Steuereinnahmen, was ihm wiederum bei der Schuldentilgung hilft.

Druck auf EZB steigt

Zugleich - so sagen es die Experten - erwarten die Märkte bei einer derart hohen Inflation auch steigende Zinsen als Gegenmaßnahme der Notenbank. Wenn in den USA die Fed die Zinsen anhebe, dann habe das auch Einfluss auf Deutschland und Europa, sagt Volkswirt Heise. "Wenn die Anleger auf eine amerikanische Anleihe auf einmal wesentlich mehr Zinsen bekommen, dann wird Kapital verlagert aus den Märkten wie Deutschland heraus in die USA hinein. Und dieser Prozess zieht dann eben die Zinssteigerung in den Bundesanleihe-Märkten nach sich." Das geschieht, weil die Investoren auch hierzulande mehr Rendite sehen wollen.

Hinzu kommt, dass die Notenbanken keine Staatsanleihen mehr aufkaufen wollen. Das hatte während der Corona-Pandemie vor allem den südlichen Staaten der Eurozone erlaubt, sich weiter billig zu verschulden. "Wir hatten einen großen Abnehmer seitens der EZB: Die hat so viel aufgekauft - teilweise mehr, als neue Schuldtitel auf den Markt gekommen sind", sagt Kapitalmarkt-Kenner Halver. "Und gemäß dem Grundsatz Nachfrage und Angebot musste das natürlich die Zinsen nach unten drücken beziehungsweise die Kurse nach oben."

Für die Notenbanken ist es nun ein Balanceakt. Sie müssen die Zinsen anheben, um auf die Inflation zu reagieren. Sie dürfen zugleich aber die Wirtschaft nicht abwürgen. Für die EZB kommt erschwerend hinzu, dass sie die südlichen Euro-Länder im Blick behalten muss, damit diese bei steigenden Zinsen nicht von ihrer Schuldenlast erdrückt werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2022 um 13:35 Uhr.