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Klagen von Wirecard-Anlegern Gerät EY nochmal unter Druck?

Stand: 10.12.2021 14:17 Uhr

Das Oberlandesgericht München zweifelt das Vorgehen der Vorinstanz an, die alle Klagen von Wirecard-Anlegern gegen den Wirtschaftsprüfer EY abwies. Experten zufolge ebnet das den Weg für eine einvernehmliche Lösung.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Wirecard-Anleger können nun doch auf Schadenersatzklagen gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hoffen. Die hatte jahrelang die falschen Bilanzen des ehemaligen DAX-Unternehmens testiert - obwohl es immer wieder Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gab.

Tatsächlich hat das Oberlandesgericht München in einem vorläufigen Hinweis gravierende Zweifel an den Entscheidungen der ersten Instanz geäußert. Dabei hatte das Münchner Landgericht sämtliche Klagen - über 100 an der Zahl - gegen EY ohne weitere Beweisaufnahme abgewiesen. Dabei hätte das Landgericht laut OLG sehr viel genauer prüfen müssen, ob EY vorsätzlich sittenwidrig handelte. Insbesondere rüffelt der Senat, dass es dem Landgericht wohl an "eigener Sachkunde" fehle, um die in einem Gutachten der Prüfungsgesellschaft KPMG erhobenen Vorwürfe gegen EY zu beurteilen. Dafür wäre laut OLG ein Sachverständigen-Gutachten angebracht gewesen.

Musterverfahren eröffnen

Darüber hinaus hält das OLG dem Landgericht vor, den Bericht des Wirecard-Untersuchungsausschusses im Bundestag - den sogenannten Wambach-Bericht - ignoriert zu haben. Denn der von Martin Wambach verfasste Bericht hat den EY-Prüfern ein desaströses Zeugnis ausgestellt: Er wirft ihnen vor, zahlreiche Warnsignale übersehen zu haben und anderen Auffälligkeiten nicht nachgegangen zu sein.

Das OLG empfahl dem Landgericht deshalb, ein Musterverfahren zu eröffnen. Auch erwägt das OLG, das Verfahren an das Landgericht zurückzuverweisen, um die bislang fehlende Beweisaufnahme nachzuholen. Der vorläufige Hinweis bedeutet aber nicht, dass das OLG die Wirtschaftsprüfer von EY in jedem Fall für mitverantwortlich hält oder dass ein Erfolg der Klagen gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nun garantiert wäre. Allerdings schürt der Rüffel bei den geprellten Wirecard-Aktionären Hoffnung, dass sie doch wieder Klagen gegen die Prüfer erheben können.

Einvernehmliche Lösung gefordert

Die Aktionärsschützer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) haben eigenen Angaben zufolge bereits 40.000 Anleger registriert, die gegen EY Klage erheben wollen. Im Januar könne es soweit sein. Auch einige institutionelle Investoren haben bereits angekündigt, gegen die Prüfer vorzugehen. Wirecards Insolvenzverwalter Michael Jaffé könnte ebenfalls gegen EY klagen.

Denn es gehe um die Frage, ob EY Fehler gemacht habe, und falls ja, wie schwer diese gewesen seien, sagte der von Jaffé beauftragte Jurist Martin Jonas. Von der Antwort hänge ab, ob und in welcher Höhe EY haften müsse. Fest steht, dass dabei riesige Summen im Spiel sind - haben doch die Aktionäre durch den Zusammenbruch von Wirecard Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe erlitten.

"Da muss jeder bluten"

Weil Schadensersatzforderungen in dieser Höhe die Existenz von EY bedrohen würden, setzen Experten wie der renommierte Frankfurter Anwalt und Vize-Präsident der DSW, Klaus Nieding, auf eine einvernehmliche Lösung. Zwar dürfe man die Entscheidung des OLG nicht "überbewerten", doch könne niemand ein Interesse daran haben, dass EY vom Markt verschwinde, weder die Prüfer selbst, noch die deutsche Wirtschaft, so Nieding auf Anfrage von tagesschau.de. Denn dann blieben nur noch drei von den derzeit vier dominierenden Wirtschaftsprüfern übrig.

Nieding hofft deshalb auf eine "vernünftige Lösung", an der sich alle Beteiligten - also die Wirecard-Aktionäre, EY, die Wirtschaft und vielleicht auch die Regierung - beteiligen. "Da muss jeder bluten", so Nieding. Ziel dieser konzertierten Aktion soll die Rettung von EY sein. Wichtig sei allerdings, dass diese Entscheidung rasch zustande komme und nicht nach 20 Jahren wie bei der Klage gegen die Deutsche Telekom. "Denn jedes Jahr, in dem es keine Lösung gibt, verliert EY Mandate", so Nieding. So bleibe die Frage, ob die Deutsche Bank auch im kommenden Jahr noch an EY als Abschlussprüfer festhalten werde. Es sei also auch im Interesse der Wirtschaft und natürlich der geprellten Wirecard-Aktionäre, dass "rasch" eine Lösung gefunden werde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2021 um 17:22 Uhr.