Schnuller mit Aufdruck "windeln.de". | picture alliance / dpa
Analyse

Kurskapriolen der Windeln.de-Aktie Das gefährliche Spiel der Zocker

Stand: 10.06.2021 18:24 Uhr

Kleinanleger lassen Aktien des Babyausstatters Windeln.de erst in die Höhe schießen - dann stürzen sie ab. Dieses riskante Spiel wird von Social Media befeuert. Vor allem Börsenanfänger machen dabei viele Fehler.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Vom sogenannten Pennystock zum Anlegerliebling: So verführerisch einfach liest sich auf den ersten Blick die Geschichte von Windeln.de. Binnen weniger Tage schnellte das Papier von rund 70 Cent bis auf 6,92 Euro empor - ein schwindelerregendes Kursplus von knapp 900 Prozent.

Getrieben wurde die Aktie des Online-Baby-Ausstatters dabei aber nicht von neuen, positiven Nachrichten zur Entwicklung des Unternehmens, sondern von einer Heerschar von Zockern, die in Anlegerforen wie Reddit und auf Social Media für das Unternehmen trommeln.

Verlustanzeige im April

Sie trommelten für ein Unternehmen, das 2020 unterm Strich ein Minus von 13,7 Millionen Euro machte und im April offiziell mitteilte, es habe einen Verlust von mehr als der Hälfte des Grundkapitals erlitten. Mit anderen Worten: Windeln.de braucht offensichtlich frisches Geld.

Die Verlustanzeige erfolgte dabei keineswegs freiwillig. Vielmehr kam Windeln.de damit einer Verpflichtung durch den Gesetzgeber nach: Unternehmen müssen darüber informieren, wenn Verluste eine kritische Grenze überschritten haben und dringender Handlungsbedarf besteht.

"Fahnenstange" als Warnsignal

Umso absurder mutet der Kursverlauf der Windeln.de-Aktie an. Experten sprechen bei einem solch steilen, nahezu senkrechten Kursanstieg von einer "Fahnenstange". Viele Börsenanfänger werden durch derartige Kursmuster angelockt und verführt. Zu gerne hätte man diese Aktie, hätte man mit ihr doch sein Kapital binnen kürzester Zeit vervielfachen können.

Screenshot Jahreschart Windeln.de SE | tagesschau.de

Die sogenannte "Fahnenstange" ist im Chart von Windeln.de gut erkennbar. Bild: tagesschau.de

Für Technische Analysten, also Börsenexperten, die Kursverläufe und weitere Marktdaten analysieren, ist die "Fahnenstange" aber vor allem eines: Sinnbild einer Übertreibungsphase an den Aktienmärkten - und damit ein klares Warnsignal. Auch bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) sieht man die aktuellen Kursentwicklungen bei Windeln.de, Nanogate, Clover Health, Gamestop und anderen Aktien mit besonders auffälligen Höhenflügen kritisch: "Das hat mit Geldanlage nichts zu tun, sondern ist reine Spekulation", so Christian Ahlers, Referent im Team Finanzmarkt, gegenüber tagesschau.de.

Ein "Feuerwerk" von Anlegerfehlern

Auch bei Mojmir Hlinka vom Schweizer Vermögensverwalter AGFIF International schrillen bei der Erwähnung von Aktien wie Gamestop oder Windeln.de die Alarmglocken: "Dabei handelt es sich um reine Spekulationsobjekte, ohne jegliche Substanz."

Der Schweizer Experte macht in diesem Zusammenhang gleich ein ganzes "Feuerwerk" von typischen Anlegerfehlern aus, allen voran die Vernachlässigung der Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Ereignisse eintreten können. Fachleute sprechen von "neglect of probability".

"Die winzige Wahrscheinlichkeit, mit solchen Aktien einen Gewinn einzufahren, wird von den Anlegern massiv überschätzt. Dagegen wird die große Wahrscheinlichkeit eines Verlustes deutlich unterbewertet", so Hlinka gegenüber tagesschau.de.

Wenn Emotionen im Spiel sind

Hlinkas Blickwinkel auf die Märkte ist ein spezieller, betreibt er Vermögensverwaltung doch auf Basis der sogenannten "Behavioral Finance". Diese ökonomische Forschungsrichtung beruht auf den Erkenntnissen der Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky. Demnach handelt der Anleger keineswegs rational, sondern wird von seinen Emotionen und typischen Verhaltensmustern gesteuert. Dadurch macht er Fehler, welche seine Gewinne schmälern.

Ein solch typischer Fehler hat viel mit der Aufmerksamkeit für bestimmte Papiere zu tun. "Über diese Aktien wird im großen Stil medial berichtet, vor allem auf Social Media", betont AGFIF-Experte Hlinka. "Für sie sind also leichter und mehr Informationen verfügbar. Das macht sie für Anleger automatisch interessanter."

Social Media befeuern Herdentrieb

Ein weiteres Problem des normalen Anlegers ist der Herdentrieb: Viele Menschen tun gerne das, was die breite Masse macht. "Dieses Phänomen lässt sich bei jedem Börsen-Hype beobachten. Der Mensch fühlt sich in der Herde sicherer", unterstreicht Hlinka. "Aktuell wird der Herdentrieb der Anleger vor allem über Social Media gesteuert. In den Anlegerforen bilden sich quasi richtige Sekten."

Verbraucherzentralen-Experte Ahlers sieht das ähnlich kritisch und warnt: "In sozialen Netzwerken tummeln sich zudem auch Tippgeber und Verkäufer, die unter Umständen mehr tun als Anlegererfahrungen auszutauschen und vielleicht auch für zweifelhafte Anlagen werben."

Finanzaufsicht rät zur Vorsicht

Das hat mittlerweile auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin erkannt: "Die BaFin rät allen Anlegern, die in den sozialen Medien gemachten Angaben mit Hilfe anderer Quellen sehr genau zu überprüfen", heißt es auf der Website der Behörde. "Häufig dienen Chat-Gruppen in sozialen Netzwerken lediglich dazu, Anleger zum Kauf von bestimmten Aktien zu verleiten, damit die Absender von steigenden Kursen dieser Aktien profitieren."

So neu der Einfluss von Social Media auf die Aktienkurse auch sein mag: Die Mechanismen hinter der aktuellen Aufregung um Papiere wie Windeln.de sind seit Jahrhunderten wohlbekannt. Das erste große Aufregerthema der Finanzgeschichte waren Tulpenzwiebeln. Es folgten zahlreiche weitere Blasen - von Eisenbahnen, der Südsee, der Internet-Branche bis hin zu US-Immobilien, um nur einige zu nennen. "Jede dieser Blasen ist bisher geplatzt", so Hlinka. "Das hat die Geschichte bewiesen. Irgendwann wird auch dieser Hype platzen."

Massive Kurseinbrüche

Vielleicht hat das Platzen der Blase mit Blick auf einige der Aktien sogar schon begonnen: Die Windeln.de-Aktie rauscht heute um bis zu 35 Prozent in die Tiefe. Papiere von Clover Health brachen gestern an der Nasdaq um 24 Prozent ein.

Wann genau eine Blase platzt, ist selbst für Experten schwer bis gar nicht vorhersehbar. Aber auch hierfür hat die Börsenwelt einen Fachbegriff gefunden: die "Greater-Fool-Hypothese", der zufolge die Preise solange weiter steigen, wie es am Markt einen "noch größeren Narren" gibt, der noch mehr bezahlt.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 10. Juni 2021 um 11:45 Uhr.