Eine Hand zählt Geldscheine | dpa

IWF-Frühjahrstagung Keine Zinswende in Sicht

Stand: 11.04.2021 13:28 Uhr

Die Frühjahrstagung von IWF und Weltbank stand erneut im Zeichen der Pandemie. Dabei bleiben die Geldschleusen der Notenbanken weit geöffnet. Sorgen bereitet die schleppende Erholung in Deutschland.

Die gigantischen Hilfsprogramme der Regierungen und Notenbanken haben den Finanzmärkten zwar einen gewaltigen Aufschwung beschert, doch die Realwirtschaft kommt nur langsam in Gang. In der EU und hier besonders in Deutschland hinkt die Erholung der Wirtschaft der in den USA, China oder Großbritannien deutlich hinterher. Deshalb setzen die Notenbanken weiterhin auf eine Nullzinspolitik.

Zwar hielten sich die Chancen und Risiken für die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum inzwischen die Waage, doch die mit der Pandemie verknüpften Gefahren blieben kurzfristig bestehen, erklärte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, auf der diesjährigen Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank.

Geldschleusen bleiben offen

Weil sich die Wirtschaft in der Euro-Zone nur langsam "aus der Umklammerung durch die Pandemie" lösen werde, will die EZB ihre Geldschleusen weiter uneingeschränkt offen lassen. Erst im März hatte die Euro-Notenbank beschlossen, das Volumen ihrer Anleihenkäufe im zweiten Quartal deutlich zu steigern. Damit will sie sich gegen einen Anstieg der Renditen von Staatsanleihen der Euro-Länder seit Jahresbeginn stemmen. Denn mitten in der Pandemie kämen höhere Finanzierungskosten für Unternehmen, Staaten und Haushalte zur Unzeit. Zuletzt sind die Renditen aber wieder etwas gefallen.

Aus Sicht von EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sollten die geldpolitischen und fiskalischen Hilfen für die Euro-Zone nur äußerst vorsichtig heruntergefahren werden. Sie müssten auch die Erholung der Wirtschaft begleiten, sagte er am Freitag auf einem Webinar. "Die Rücknahme der fiskalischen und geldpolitischen Unterstützungsmaßnahmen muss umsichtig und graduell sein". Es sei dabei besser, zu langsam als zu schnell vorzugehen. Ähnlich vorsichtig hatte sich zuvor Finnlands Notenbankchef Olli Rehn geäußert.

"Mehr Schäden als gegenwärtig sichtbar"

Zwar erwarten die Notenbanker und Ökonomen des Währungsfonds, dass sich die Wirtschaft in diesem Jahr kräftig erholen wird, doch die dritte Welle der Pandemie hat den Kontinent weiter fest im Griff. In Deutschland muss sogar mit einer weiteren Verschärfung des seit Monaten dauernden Lockdowns gerechnet werden. EZB-Direktor Fabio Panetta mahnt deshalb zur Vorsicht.

"Generell wäre es nicht umsichtig, sich auf eine schnelle Erholung der Wirtschaft in der Eurozone zu verlassen", sagte das Mitglied des sechsköpfigen Führungsteams der Europäischen Zentralbank in einem am Sonntag veröffentlichten Interview der spanischen Zeitung "El Pais". Es könne riskant sein, Fortschritte zu erwarten, die womöglich nicht eintreten. "Und selbst wenn wir es schaffen, aus der Pandemie bald herauszukommen, werden wir feststellen, dass es tatsächlich mehr Schäden am Wirtschaftsgefüge gibt, als gegenwärtig sichtbar ist."

Keine Abkehr von der Nullzinspolitik in den USA

Panetta zufolge hat die EZB noch genügend geldpolitischen Handlungsspielraum. So sei bislang nur ein Teil des Rahmens von 1,85 Billionen Euro genutzt worden, den das große im März 2020 aufgelegte Pandemie-Krisenprogramm PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) besitzt.

Doch auch in den USA, wo sich die Wirtschaft rascher erholt als in Europa, sehen die Notenbanker keinen Grund, die ultralockere Zinspolitik zu beenden. So bekräftigte US-Notenbankchef Jerome Powell auf der Tagung des IWF, dass die Fed an ihrer bisherigen Haltung auf absehbare Zeit nicht rütteln werde.

Sorgen vor schleppende Erholung in Deutschland

Sorgen bereitet den Zentralbankern und Ökonomen die schleppende Erholung in Deutschland. Während die EZB hatte in ihrer jüngsten Projektion in diesem Jahr für die Eurozone ein Wirtschaftswachstum von 4,0 Prozent voraussagt, der IWF sogar ein Plus von 4,4 Prozent, sind die Aussichten für Deutschland weniger rosig.

So rechnet der IWF in seiner Frühjahrsprognose mit einem Zuwachs des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von lediglich 3,6 Prozent. Das ist zwar 0,1 Prozentpunkte mehr als die IWF-Ökonomen noch zu Jahresbeginn vorhergesagt hatten, doch im internationalen Vergleich landet Deutschland damit auf den hinteren Rängen.

So dürfte die französische Wirtschaft in diesem Jahr den IWF-Prognosen zufolge um 5,8 Prozent zulegen, Großbritannien um 5,3 Prozent, die USA gar um 6,4 Prozent und Spitzenreiter China dürfte es auf ein Plus von 8,4 Prozent schaffen. Das globale BIP soll in diesem Jahr sogar um sechs Prozent wachsen, so viel wie seit Beginn der 80er-Jahre nicht mehr. Das Wachstum in Deutschland hingegen würde schwächer ausfallen als nach dem Ende der Finanzkrise. Lediglich Japan trauen die Volkswirte mit einem Zuwachs von 3,3 Prozent noch weniger zu als Deutschland.

Schere geht auseinander

Eine explizite Ursache für die vergleichsweise schleppende Erholung der deutschen Wirtschaft nennen die IWF-Ökonomen nicht. Sie erklären die unterschiedlichen Entwicklungen damit, dass die Impfkampagne sehr unterschiedlich voranschreitet und in einigen Ländern Lockerungen früher stattfinden könnten als in anderen. Tatsächlich hinkt Deutschland beim Impfen anderen Ländern hinterher. Folglich der Lockdown hierzulande länger dauern als etwa in Großbritannien oder den USA. Die daraus folgende Wachstumsschwäche hat Konsequenzen für ganz Europa, denn Deutschland ist die mit Abstand größte Volkswirtschaft des Kontinents. Somit geht die Schere zwischen den USA und China einerseits und Europa andererseits immer weiter auseinander.

Unterdessen macht die Warnung der EZB vor Verzögerungen bei der Auszahlung des EU-Wiederaufbaufonds zur Bewältigung der Coronavirus-Folgen Italien-Anleger nervös. Eine Blockade wäre "eine wirtschaftliche Katastrophe für Europa", sagte EZB-Direktorin Isabel Schnabel in einem Interview. Die Regierung in Rom scheint aber entschlossen, die Wirtschaft notfalls mit Hilfe neuer Schulden anzukurbeln. Medienberichten zufolge plant der italienische Ministerpräsident Mario Draghi die Aufnahme von bis zu 48 Milliarden Euro zusätzlich.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. April 2021 um 05:50 Uhr.