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Hintergrund

Inflation und Nullzins Sparer verlieren Milliardenvermögen

Stand: 29.10.2021 08:14 Uhr

In der Corona-Krise konnten viele ihr Geld kaum ausgeben. Seitdem liegt noch mehr auf unverzinsten Girokonten - was bei steigenden Preisen zu hohen Verlusten führt. Dabei mangelt es nicht an Alternativen.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Das Gesamtvermögen der deutschen Haushalte eilt von Rekord zu Rekord. Im Juli hat es erstmals die Schwelle von gigantischen sieben Billionen Euro überschritten, so die Berechnungen der Bundesbank. Dennoch fällt es vielen Menschen immer schwerer, ihr Erspartes auch zu vermehren. Weil viele Verbraucher seit der Corona-Krise wieder mehr Geld auf dem Girokonto und auf gering verzinsten Sparkonten bunkern, verliert ihr Vermögen stetig an Wert. Das gilt besonders in Zeiten wieder anziehender Inflation.

Nach Berechnungen der DZ Bank werden Einlagen, Rentenpapiere und Versicherungen in diesem Jahr um durchschnittlich 2,3 Prozent entwertet. Der dadurch entstehende Kaufkraftverlust des privaten Geldvermögens dürfte 116 Milliarden Euro betragen. Das seien rund 1400 Euro pro Kopf, sagt Michael Stappel, Chefvolkswirt der DZ Bank und Autor einer Studie über das Sparverhalten der Deutschen.

Sparbuch immer noch sehr beliebt

Grund für die hohen Wertverluste ist die Tatsache, dass viele Menschen ihr Erspartes noch immer überwiegend auf Girokonten und oder dem klassischen Sparbuch anlegen. Einer Postbank-Umfrage sind beide so beliebt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Danach parken derzeit 62,5 Prozent der Sparer Geld auf dem unverzinsten Girokonto. Vor zehn Jahren waren es nur 38,2 Prozent. Fast jeder zweite Sparer nutzt auch noch ein klassisches Sparbuch, ebenfalls ein Höchststand.

Auch die Beliebtheit von Tagesgeldkonten ist der Umfrage zufolge gestiegen, obwohl immer mehr Kreditinstitute bei höheren Beträgen Strafzinsen erheben. 30 Prozent der deutschen Sparer bunkern ihr Geld sogar vorzugsweise zu Hause, gut zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr, hat die Postbank heraus gefunden.

Verluste durch die Inflation

Auch eine Yougov-Umfrage im Auftrag des Vergleichsportals Check24 kommt zu dem Ergebnis, dass im Zuge der Pandemie vor allem die Geldanlage auf dem Girokonto und das Bunkern von Bargeld zugenommen hat - auch für größere Summen, zumal Reisen storniert wurden, Restaurants und Einzelhändler monatelang schließen mussten. Der Umfrage zufolge haben ein Drittel der Bundesbürger mehr als 5000 Euro auf ihrem Girokonto oder halten es in Form von Bargeld zu Hause. Bei vier Prozent seien es sogar mehr als 50.000 Euro.

Den Berechnungen der DZ Bank zufolge, befinden sich vom gesamten Geldvermögen der privaten Haushalte 28 Prozent in Sichteinlagen wie Girokonten und in Form von Bargeld. "Damit hat der Geldanlagestau in diesem Jahr einen Rekordwert erreicht", sagt Volkswirt Stappel. Dass ihr auf diese Weise aufbewahrtes Geldvermögen bei einer Teuerungsrate von derzeit 4,5 Prozent an Wert verliert, ist vielen Menschen offenbar nicht klar. "Jeder dritte Sparer kennt diesen Zusammenhang gar nicht", so Karsten Rusch, Experte für Wertpapiere bei der Postbank.

Gestiegenes Interesse für Wertpapiere

Auf der anderen Seite scheint ein Umdenken einzusetzen. Auch wenn viele Deutsche bei ihrer Geldanlage nach wie vor sehr risikoscheu sind, ist das Bewusstsein für Aktien während der Pandemie gestiegen. Im ersten Halbjahr 2021 investierten die privaten Haushalte der DZ-Bank-Studie zufolge mehr als das Doppelte von dem, was sie in einem durchschnittlichen Vorkrisen-Halbjahr für Aktien und Fonds ausgaben. "Es ist zwar noch zu früh, von einer neuen Aktienkultur zu sprechen, es gibt aber einen Hype rund um Wertpapiere. Mittlerweile stecken fast neun Prozent des Geldvermögens in Aktien", erklärt Michael Stappel.

Diese Aussage bestätigt auch die Umfrage der Postbank. Danach gaben 31 Prozent der Befragten an, beim Sparen auch auf Wertpapiere zu setzen. Bei einer ähnlichen Umfrage 2011 lag dieser Anteil noch bei 17,3 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es bereits 29,9 Prozent. Dennoch liegt der Anteil des Wertpapiersparens hierzulande noch deutlich unter dem Niveau in den meisten Nachbarstaaten oder den USA.

Ohne Aktien und Fonds geht es nicht

"Dabei kommt man im derzeitigen Niedrigzinsumfeld an einer Anlage in Aktien und Fonds gar nicht vorbei, wenn man einen Inflationsausgleich erzielen will", urteilt der Postbank-Experte Rusch. Ähnlich äußert sich DZ-Bank-Volkswirt Stappel. Weil der Zinseszinseffekt weitgehend weggebrochen sei und die Teuerung wieder anziehe, müssten Privathaushalte mehr zurücklegen, um ihre Sparziele zu erreichen, so der Experte. Umso mehr seien private Anleger gezwungen, sich für Anlagealternativen mit höheren Renditechancen zu öffnen. Im Klartext heißt das: wer eine über der Inflation liegende Rendite erzielen will, muss höhere Risiken eingehen - also sein Erspartes in börsennotierten Wertpapieren anlegen.

Mit einem Rückgang der Inflation rechnet die DZ Bank frühestens im kommenden Jahr - auf dann 2,2 Prozent. Wegen der voraussichtlich unverändert niedrigen Zinsen ergibt sich ein sogenannter negativer Realzins. Das auf Sicht- und Tagesgeldkonten liegende Ersparte verliert also erneut an Wert. Für den langfristigen Vermögensaufbau, etwa für die Altersvorsorge, ist diese Form des Sparens also kaum geeignet. Banken und inzwischen sogar Sparkassen empfehlen deshalb verstärkt auf Wertpapiere zu setzen. Aber auch die Politik müsse endlich reagieren, so die DZ Bank, die sich wie viele andere für eine Reform der staatlich geförderten und kapitalgedeckten Altersvorsorge, also der Riester-Rente, ausspricht.

ETF-Gutscheine an der Supermarktkasse

Manche Banken gehen inzwischen ungewöhnliche Wege, um Menschen die Angst vor dem Kapitalmarkt zu nehmen und Hemmschwellen zu senken. Die Berliner Quirin Bank etwa bietet mit ihrer Tochter quirion Gutscheinkarten für eine Börsenindex-basierte Vermögensverwaltung an - und zwar an den Kassen der Edeka-Supermärkte. Die Karten mit Guthaben von 25 Euro, 50 Euro oder 100 Euro werden an der Supermarktkasse aktiviert und können dann online eingelöst werden. Die Bank will damit "auch diejenigen erreichen, die sich bisher noch nicht mit der Anlage am Kapitalmarkt beschäftigt haben".