Die Grafik des Deutschen Aktienindex DAX an der Frankfurter Börse | REUTERS

Vergrößerung des Leitindex So sieht der neue DAX aus

Stand: 04.09.2021 01:08 Uhr

33 Jahre nach seiner Gründung bekommt der DAX ein neues Gesicht. Die erste deutsche Börsenliga wird moderner und wächst von 30 auf 40 Mitglieder. Am Abend wurde verkündet, wer die Neuen sind. Was ändert sich noch?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Der deutsche Aktienindex DAX ist seit 1988 das Barometer der deutschen Wirtschaft. Seine Kursentwicklung zeigt an, wie gut oder wie schlecht es den heimischen Unternehmen geht - soweit sie börsennotiert sind. Doch ist der Leitindex repräsentativ zusammengesetzt? Viele Experten und Investoren verneinen das. Der DAX bilde die deutsche Wirtschaft nicht angemessen ab, kritisieren sie seit Jahren. Denn lange wurde der Index von der "old economy" dominiert, den schwächelnden zyklischen Branchen wie der Chemie- und Autoindustrie, der Energiewirtschaft und der Finanzdienstleistungsbranche.

Breitere Abbildung der deutschen Wirtschaft

Das soll sich nun ändern. Die Deutsche Börse stellt den deutschen Leitindex breiter auf - und stockt ihn von 30 auf 40 Mitglieder auf. "Mit 40 Werten können wir die Wirtschaft breiter abbilden", sagt Stephan Flügel von der Deutsche-Börse-Tochter Qontigo, der für die Index-Reform zuständig ist.

Künftig werden wachstumsstarke moderne Branchen wie die Gesundheits- und Medizintechnik sowie der Online-Einzelhandel eine größere Rolle im DAX spielen. Die genaue Zusammensetzung und damit auch die Namen der Neuzugänge gab die Deutsche Börse am späten Abend nach US-Börsenschluss bekannt: Mit Siemens Healthineers, Sartorius und Qiagen steigen drei Firmen aus dem Gesundheitsbereich in die deutsche Börsen-Bundesliga auf.

Zehn neue Mitglieder: Von Airbus bis Puma

Das größte neue Schwergewicht im DAX40 wird Airbus sein. Der Flugzeug- und Rüstungskonzern wird rund fünf Prozent Gewicht im Leitindex haben. Damit wäre Airbus der fünftgrößte DAX-Wert.

Die weiteren neuen Mitglieder im aufgestockten DAX sind der Aromen und Dufthersteller Symrise, der Online-Modehändler Zalando, der Chemikalienhändler Brenntag, die Holdinggesellschaft Porsche, der Sportartikelhersteller Puma und der Kochboxen-Versender HelloFresh. Sie kommen alle aus dem MDAX, der zweiten deutschen Börsenliga. Dagegen verpasste der "Nivea"-Hersteller Beiersdorf die Rückkehr in den DAX.

Für Privatanleger dürfte sich durch die DAX-Reform nicht viel ändern. Die DAX-ETFs werden gemäß der neuen Zusammensetzung umgebaut. Sie werden die Aktien der DAX-Neulinge entsprechend ihrem Gewicht kaufen und dafür Anteile an den bisherigen DAX-Werten verkaufen. Die bisherigen DAX30-Mitglieder verlieren einen Teil ihres Gewichtes. Vor allem Auto-Aktien werden künftig den Index nicht mehr so dominieren wie bisher.

"Dax wird zum Wachstumsindex!"

Börsenexperten loben die Neuerungen. "Der DAX40 wird besser gemischt und spritziger sein", sagt Aktienstratege Christian Kahler von der DZ Bank. Für Investoren wichtige Branchen wie Gesundheit und Medizintechnik gewännen an Bedeutung. "Der DAX macht einen kleinen Schritt vom Dividenden- zum Wachstumsindex", meint Indexexpertin Silke Schlünsen von der Stifel Europe Bank.

Auch Christine Bortenlänger, Chefin des Deutschen Aktieninstituts, zeigte sich erfreut. "Der DAX wird noch attraktiver, denn die neuen Spieler sind jünger und bringen andere Ideen aufs Spielfeld", sagte sie mit Anlehnung an die Fußball-Sprache.

Leitindex bleibt industrielastig

Skeptischer zeigt sich Joachim Schallmeyer, Anlagestratege der Dekabank. Trotz der Erweiterung werde sich der deutsche Leitindex nicht vollständig verändern, meint er im ARD-Börsenstudio. Der DAX bleibe weiterhin ein industrielastiger Index, mit Airbus werde er sogar noch etwas zyklischer.

Damit soll das deutsche Börsenbarometer auch international stärker beachtet werden. Andere Länder wie Frankreich und Großbritannien haben mit dem Cac40 und dem FTSE repräsentativere und größere Indizes als der DAX 30. Experten bezweifeln, dass der neue DAX zur Konkurrenz aufschließen könnte. "US-Aktienindizes sind viel attraktiver, weil sie einen sehr hohen Anteil in zukunftsfähige Branchen wie Technologie und Kommunikation haben", sagt Manfred Schlumberger, Portfoliomanager des Vermögensverwalters StarCapital.

Strengere Regeln

Neben der Erweiterung verschärft die Deutsche Börse auch das Regelwerk für die enthaltenen Unternehmen - als Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal vor einem Jahr. Die künftigen DAX-Mitglieder müssen zwei Geschäftsjahre in Folge profitabel sein. Für die aktuellen DAX-Mitglieder gilt die Regel nicht. So darf auch in Zukunft Delivery Hero im deutschen Leitindex bleiben. Der Online-Essenslieferdienst verdient seit seiner Gründung 2011 kein Geld.

Zudem werden die Pflichten zur Finanzberichterstattung strenger. Die DAX-Mitglieder müssen Quartalsmitteilungen und testierte Jahresabschlüsse veröffentlichen. Tun sie das nach einer 30-tägigen Warnfrist nicht, droht ihnen der Rauswurf. Darüberhinaus wird künftig die Zusammensetzung des DAX nicht nur einmal, sondern zwei Mal jährlich überprüft.

Nur noch Marktkapitalisierung als entscheidendes Kriterium

Zentrales Kriterium ist der Börsenwert, also die Marktkapitalisierung. Das bisherige zweite Kriterium für eine Aufnahme in den DAX, der Börsenumsatz fällt weg. Es gibt künftig nur noch eine Mindest-Liquiditätsanforderung.

Aktionärsschützer Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) würdigt die neuen verschärften Regeln als"großer Schritt in die richtige Richtung". "Wir kriegen dadurch mehr Stabilität und mehr Vertrauen in den Index", sagte er dem ARD-Börsenstudio.

BioNTech ist nicht dabei

Ein Börsen-Star wird auch im neuen größeren DAX fehlen: der Impfstoffhersteller BioNTech. Die Aktien des Mainzer Unternehmens sind nämlich nicht an der Börse in Frankfurt, sondern in New York notiert. Dort hat BioNTech eine Marktakapitalisierung von 70 Milliarden Euro erreicht - die Hälfte von dem, was der wertvollste DAX-Konzern, SAP, wert ist.

Leidtragender der großen DAX-Reform ist der MDAX. Die zweite deutsche Börsenliga wird von 60 auf 50 Mitglieder verkleinert und verliert ihre größten Zugpferde. Mit der Umschichtung büßt er nahezu die Hälfte seiner Marktkapitalisierung ein. Trotz der Verkleinerung halten Experten wie Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, den MDAX weiter für interessant.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. September 2021 um 08:55 Uhr.