Silhouette zweier Arbeiter auf einer Baustelle. |

Schattenwirtschaft Corona-Schub für die Schwarzarbeit

Stand: 03.01.2021 15:36 Uhr

In der Corona-Krise floriert die Schattenwirtschaft. Laut Berechnungen von Ökonomen wird die Schwarzarbeit in diesem Jahr auf rund elf Prozent steigen. 2021 dürfte sie weiter zunehmen.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Was schon in der Finanzkrise 2009 zu beobachten war, zeigt sich nun auch in der Corona-Pandemie: Wenn die Wirtschaft einbricht, blüht die Schwarzarbeit. Ein Teil der Menschen, denen durch Kurzarbeit oder Jobverluste große Teile ihres Einkommens wegbrechen, sucht nach alternativen Einnahmequellen - und findet sie in der Schattenwirtschaft.

Friedrich Schneider, emeritierter Professor der Johannes-Kepler-Universität Linz, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und veröffentlicht dazu regelmäßig Berechnungen. Demnach ist die Schwarzarbeit in Deutschland 2020 deutlich gestiegen. Sie wird nach Schneiders aktuellster Schätzung, die er im November im Auftrag der "Welt" durchführte, 11,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukt erreichen. Das entspräche einer Größenordnung von mehr als 380 Milliarden Euro. 2019 lag die Quote noch bei 9,1 Prozent. Vor allem in hart gebeutelten Branchen wie der Gastronomie dürfte die Schwarzarbeit stark zugenommen haben. Schneider rechnet mit fast 60 Milliarden Euro, die hier am Fiskus vorbeigeschleust wurden.

Gastronomie besonders betroffen

Weil wegen des Lockdowns und der harten Hygiene-Vorschriften das Geschäft zusammenbrach, mauschelte ein Teil der Eigentümer von Restaurants und Kneipen bei der Bezahlung ihrer Mitarbeiter, um Kosten zu sparen. Besonders Spüler, Putzkräfte und Aushilfsköche wurden von der Krise hart getroffen und befinden sich vermehrt auf Jobsuche. Um ihr Arbeitslosen- oder Wohngeld nicht zu riskieren, arbeiten sie teilweise lieber für Cash "unter der Hand".

Neben der Gastronomie gelten auch der Tourismus, der Haushaltssektor - von der Schulnachhilfe bis hin zur Gartenpflege - sowie das Baugewerbe als beliebteste Schattenwirtschaftssektoren. Seit dem harten Lockdown Mitte Dezember dürfte auch die Schwarzarbeit im Friseurhandwerk deutlich zugenommen haben.

Auch in anderen Ländern trieb die Corona-Krise die Menschen verstärkt in die Schwarzarbeit. Laut Schneiders Berechnungen wuchs die Schattenwirtschaft in Frankreich von 12,4 auf fast 16 Prozent und in Italien von 18,7 auf rund 22 Prozent. In Rumänien und Bulgarien liegt die Quote demnach noch höher.

Weiterer Anstieg der Schattenwirtschaft 2021

An diesem Trend dürfte sich 2021 nichts ändern. Nach Schneiders Schätzungen dürfte in Deutschland die Schwarzarbeit im neuen Jahr nochmals um zehn bis zwölf Prozent steigen. Das entspräche gut 420 Milliarden Euro.

Sobald eine Lockerung der Lockdowns erfolge, werde die Schattenwirtschaft wieder anziehen, prophezeit der Forscher. Schließlich sei die Krise noch lange nicht überwunden. Erst 2022 wird mit einer Rückkehr der deutschen Wirtschaft auf das Vorkrisen-Niveau gerechnet.

"Puffer" gegen die Krise

Dennoch finden mehrere Ökonomen den Anstieg der Schattenwirtschaft in der Krise nicht schlimm. Im Gegenteil. Sie verhindere, dass die Rezession noch schlimmer ausfalle und noch mehr Menschen in die Armut stürzten.

Die Schattenwirtschaft diene als "Puffer für sonst noch wesentlich höhere zu erwartende Einkommensverluste", sagte Schneider dem ORF. Demnach sei mit einem umso stärkeren Anstieg der Schwarzarbeit zu rechnen, je stärker die Rezession ein Land treffe. Schneider argumentiert zugleich, dass durch Schwarzarbeit zwar den sozialen Sicherungssystemen und der Staatskasse viel Geld entgehe, dass das schwarz verdiente Geld aber auch wieder in den Konsum fließe und dann über die Mehrwertsteuer staatliche Einnahmen generiere.

Auch der Chef der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, hält die Zunahme der Schwarzarbeit in einer Krise wie jetzt für hilfreich. "Die Schattenwirtschaft ist ein Ventil, das die Auswirkungen der Krise für die Betroffenen etwas abmildert", sagte er der "Welt am Sonntag". Viele Menschen seien froh, wenn sie überhaupt arbeiten könnten. Häufigere Prüfungen und höhere Strafen hält Feld in der Corona-Krise für kontraproduktiv. Der Staat sollte die krisenbedingte Zunahme der Schattenwirtschaft erst mal hinnehmen - und erst gegen sie wieder vorgehen, wenn die Krise überstanden sei.

Weniger Schwarzarbeits-Kontrollen

Tatsächlich gingen die Behörden 2020 im Umgang mit der Schattenwirtschaft etwas laxer um. Die Zahl der Kontrollen wegen Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung sank bis Ende Oktober um 16 Prozent, gab das Bundesfinanzministerium in einer Antwort auf eine Anfrage einer Grünen-Abgeordneten an. In der Gebäudereinigung gab es 15 Prozent weniger, im Baugewerbe sieben Prozent weniger Prüfungen.

Die Gewerkschaft IG Bau reagierte verärgert. Es sei klar, dass die Pandemie an der Finanzkontrolle Schwarzarbeit nicht spurlos vorbeigehe. Beim Besuch von Baustellen müssten Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden, sagte IG-Bau-Chef Robert Feiger. Trotzdem müsse der eingeschränkte Zoll sein Kontrollniveau halten. "Firmen, die Löhne prellen oder Steuern hinterziehen, dürfen keine Profiteure der Krise sein", verlangte Feiger. Seit Jahren kämpft die Gewerkschaft IG Bau gegen die Schwarzarbeit.

Heils Kampf gegen die Schattenwirtschaft

Auf Druck der Gewerkschaften hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil der Schattenwirtschaft den Kampf erklärt. So will er in der Fleischwirtschaft mit dem Arbeitsschutzkontrollgesetz Werkverträge und weitgehend auch Leiharbeit aushebeln.

Ökonom Feld hält solche Regelungen für das falsche Signal. "Der Staat sollte es unterlassen, mit zusätzlichen Maßnahmen unter dem Deckmantel der Corona-Krise Arbeitskräfte in die Schattenwirtschaft zu treiben", sagt er. Feld fordert stattdessen eine Lockerung der Regulierung. Weniger Bürokratie und mehr unternehmerische Freiheit verhindere das Abtauchen in die Schattenwirtschaft.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hält eine Rede im Bundestag. | dpa

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