Fassaden der Innenstadt Oranienburgs an der Bernauer Straße. | picture alliance/dpa

Regionalwährungen Ein Kupfertaler gegen die Krise

Stand: 18.12.2021 09:30 Uhr

Während die Gewinne der Onlinehändler stetig wachsen, fürchten viele kleine Geschäfte in Innenstädten um die wirtschaftliche Existenz. Regionalwährungen sollen das ändern.

Von Martin Adam, RBB

Sebastian Legatz' Parfümerie liegt günstig im Zentrum von Oranienburg in Brandenburg. Das Schaufenster ist mit Liebe zum Detail geschmückt, im Laden sind die alten Holzregale bis unter die Decke vollgestellt mit Duftfläschchen. Seit 90 Jahren wird hier Parfüm verkauft - und Legatz gibt sich alle Mühe, dass das so bleibt.

Im zweiten Pandemiejahr stellt allerdings auch sein Geschäft keine Ausnahme dar: Es leidet. Viele Kunden kaufen bei Konkurrenten im Internet. Um den Einzelhandel in der Stadt zu unterstützen, hat Oranienburg den "Oranientaler" eingeführt - eine dicke Kupfermünze, die kleine Lokalwährung.

Unterstützung für die Innenstadt

Stefan Wiesjahn hat als Beauftragter für das "Geschäftsstraßenmanagement" der Stadt den "Oranientaler" vorgeschlagen - lange vor der Pandemie. Schon 2018 sollte mit dem Metallgutschein ein Anreiz zum lokalen Einkauf gegeben werden. 2021 wurde die Idee unter Pandemiebedingungen reaktiviert. Bis Mitte November hatten Kundinnen und Kunden Zeit, in den 35 teilnehmenden Geschäften einzukaufen.

"Man muss die Kassenbons sammeln", erklärt Wiesjahn. "Wenn Sie insgesamt mindestens einen Umsatz von 100 Euro gemacht haben, dann bekommen Sie von mir zwei Oranientaler im Wert von je zehn Euro geschenkt." Mit denen lässt sich dann wiederum in den Geschäften einkaufen. 

360 der 1000 vorhandenen Taler sind bereits im Umlauf. Die Stadt investiert 20.000 Euro in das Programm - allerdings fließt die Hälfte der Fördergelder in Werbung und die Herstellung der Taler selbst. Der "Oranientaler", sagt Parfümeriebetreiber Legatz, könne "die Leute motivieren, in der Stadt einkaufen zu gehen, die Geschäfte hier in Oranienburg vielleicht auch wieder neu zu entdecken."

Pandemie verstärkt vorhandene Probleme

Die Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns habe dabei auch nur ein Problem sichtbarer gemacht, das die Einzelhändler schon lange vorher geplagt habe, sagt Alexander Laesicke, Oranienburgs parteiloser Bürgermeister. Je mehr Menschen online Waren bestellen, desto schlechter steht es um den lokalen Einzelhandel. Das Risiko sei groß, "dass die Städte einfach ausbluten und veröden", sagt Laesicke. Kunden und Kundinnen würden "verlernen, in die Innenstadt zu gehen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen". 

Wachstum im Einzelhandel

Tatsächlich geht der Handelsverband Deutschland sogar von einem leichtem Umsatzwachstum für den Einzelhandel aus. Ein Plus von 1,5 Prozent prognostizierte der Verband für das laufende Jahr - sehr überschaubar im Vergleich zu 26,6 Prozent Umsatzzuwachs im Onlinehandel allein im ersten Halbjahr. 

Und im laufenden Weihnachtsgeschäft fällt der Unterschied noch deutlich größer aus. Vor den Feiertagen im vergangenen Jahr legten die Umsätze im Onlinehandel laut ifo-Institut um 250 Prozent gegenüber dem Niveau vor der Pandemie zu. Die Daten legten nahe, sagte damals der Leiter des ifo-Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien, Oliver Falck, "dass die Krise das Sterben der Innenstädte befördert".

Eine Idee macht die Runde

Regionalwährungen wie der "Oranientaler" sollen das Sterben aufhalten - in Oranienburg und in vielen anderen Städten in Deutschland. So gibt es zum Beispiel den Augsburger Lechtaler, den Elbtaler in Dresden, den Chiemgauer im Chiemgau als bisher größte Regionalwährung mit einer Millionen Einheiten im Umlauf und den Bremer Roland als älteste Regionalwährung. Seit 2001 kann man in Bremen damit zahlen, inzwischen sogar bargeldlos. 

Dabei können all diese Konzepte die Verluste durch Onlinehandel und Pandemie nicht kompensieren. Auch André Forster handelt mit "Oranientalern" in seinem Oranienburger Sportgeschäft. "Das Reinholen wird nicht passieren", sagt er. Die Pandemieverluste "holt niemand wieder rein." Der Oranientaler helfe immerhin dabei, "jetzt positiv in die Zukunft zu schauen".