Ein Arbeiter auf einem Ölfeld im russischen Nikolo-Berezovka | REUTERS

Ölpreis unter 100 Dollar Warum Öl wieder billiger wird

Stand: 13.07.2022 15:18 Uhr

Der Ölpreis ist unter die 100-Dollar-Marke gerutscht. Öl ist damit wieder fast so billig wie vor dem Ukraine-Krieg. Das hat auch damit zu tun, dass das russische Öl wieder Abnehmer gefunden hat.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Alles wird teurer? Vor allem Energie? Das stimmt so nicht ganz. Die Ölpreise zumindest sind seit Monatsbeginn massiv unter Druck geraten. Zur Wochenmitte kostete ein Fass der Nordseesorte Brent zeitweise weniger als 100 Dollar. Auch der Preis für ein Barrel (159 Liter) der US-Rohölsorte WTI notierte wieder zweistellig und damit fast wieder auf Vorkriegs-Niveau.

Zum Vergleich: Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine kostete ein Fass Brent in der Spitze 139,13 Dollar. Der Preisrückgang seit dem März-Hoch beträgt somit knapp 30 Prozent.

Gaskrise und Rezessionsängste

Es sind in erster Linie Ängste vor einer geringeren Nachfrage, die den Preis für das "schwarze Gold" auf den internationalen Rohstoffmärkten drücken. Anleger spekulieren, die Weltwirtschaft könnte in eine Rezession fallen. In einem solchen Szenario würde der Bedarf an Öl drastisch sinken. Vor allem in Europa ist die Sorge vor einem Konjunktureinbruch infolge einer Gaskrise groß.

Zum Wochenstart hatte Russland wegen routinemäßiger Wartungsarbeiten die Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 gestoppt und damit das Zittern um die Zukunft der Energieversorgung in Europa weiter angefacht.

Furcht vor neuen Lockdowns in China

Hinzu kommt die aktuelle Corona-Welle in China. Im Reich der Mitte war die Zahl der Neuinfektionen zuletzt rasant gestiegen auf den höchsten Stand seit Ende Mai. Das Land scheint mit dem Aufkommen der leichter übertragbaren Omikron-Varianten seinen - mit harten Bandagen geführten - Kampf gegen das Virus zu verlieren.

Der chinesische Staatschef Xi Jinping hat dennoch erst kürzlich angekündigt, an der strikten Zero-Covid-Strategie festzuhalten. Das schürt die Furcht vor neuen Lockdowns in China. "Für die Ölnachfrage in China bestehen damit Abwärtsrisiken, weil abhängig von der Infektionslage immer wieder mit neuerlichen Mobilitätseinschränkungen gerechnet werden muss", betont Commerzbank-Rohstoffexperte Carsten Fritsch. China ist als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt einer der größten Ölverbraucher.

China importiert Rekordmenge an russischem Öl

Doch Rezessionsängste in Europa und Lockdownfurcht in China sind derzeit nicht die einzigen Belastungsfaktoren für den Ölpreis. An den Rohstoffmärkten sind auch Marktanpassungsmechanismen in Gange, die dafür sorgen, dass das vom Westen verschmähte russische Öl wieder seine Abnehmer findet. Das bewirkt wiederum, dass diese Länder weniger Brent- oder WTI-Öl nachfragen, was abermals die Preise drückt.

So hat China im Juni laut Daten unter anderem von Refinitiv erneut eine rekordhohe Menge von zwei Millionen Barrel Rohöl pro Tag aus Russland importiert. "Russland war damit den zweiten Monat in Folge wichtigster Öllieferant Chinas vor Saudi-Arabien", unterstreicht Rohstoffexperte Fritsch.

Russisches Öl wird wieder teurer

Ablesbar ist diese Entwicklung auch am Preisunterschied zwischen der Nordseesorte Brent und dem russischem Urals-Öl. Urals hatte sich nach Beginn des Ukraine-Kriegs massiv verbilligt, da die Nachfrage aus dem Westen schlagartig eingebrochen war. "Die Preisdifferenz zu Brent erreicht am 19. April mit 37,50 Dollar ihre größte Ausdehnung", betont Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. Seither schrumpfte sie auf 25 Dollar.

"Indien und China beziehen deutlich mehr Erdöl aus Russland, Europa weniger", so Rethfeld. "Auf den Weltmärkten findet mit den neuen Tankerrouten und Transportwegen ein Ausgleich statt, der die Differenz reduziert."

Ölembargo: Trickst Indien den Westen aus?

Tatsächlich kaufte Indien einem aktuellen Bericht des finnischen Forschungszentrums für Energie und saubere Luft zufolge zuletzt so viel Öl aus Russland wie noch nie. "Ein erheblicher Teil des Rohöls wird als raffinierte Ölprodukte wieder exportiert, unter anderem in die USA und nach Europa, ein wichtiges Schlupfloch, das es zu schließen gilt", warnten die finnischen Analysten.

Sollten nicht neue Sanktionsmaßnahmen beschlossen werden, dürfte sich der Angleichungsprozess zwischen russischem Öl und den Ölsorten Brent und WTI fortsetzen, prognostiziert Marktkenner Rethfeld. "In Kombination mit Rezessionseffekten wird damit ein erneuter Ölpreisspike, also ein neues Hoch im Ölpreis, unwahrscheinlich."

Starker Dollar als Belastungsfaktor

Als zusätzlicher Belastungsfaktor wirkt am Ölmarkt überdies der starke Dollar. Denn Rohstoffe wie Öl werden in Dollar gehandelt. Der Dollar-Index, der den Wert des "Greenback" im Vergleich zu einem Korb aus sechs Währungen misst, war zuletzt über die Marke von 108 und damit auf den höchsten Stand seit 20 Jahren geklettert.

Die Experten der ING gehen davon aus, dass der Dollar-Index seinen Höhenflug in Richtung 110 fortsetzten könnte. Ein starker Dollar verteuert Rohöl für Investoren außerhalb des Dollarraums und dämpft so deren Nachfrage.

Ölpreis ohne Aufwärtspotenzial

Unterm Strich sieht sich der Ölmarkt damit derzeit einem ganzen Bündel an Negativfaktoren gegenüber. Steigende Öl-Notierungen sind vor diesem Hintergrund nur schwer vorstellbar. Vieles spricht dafür, dass der Ölpreis sein Hoch in diesem Jahr längst gesehen hat.

Auch Marktexperte Rethfeld traut dem Ölpreis kein großes Aufwärtspotenzial mehr zu und prognostiziert für die US-Sorte WTI für die kommenden Wochen eine Seitwärtsbewegung zwischen 100 und 120 Dollar je Fass.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Juli 2022 um 09:00 Uhr.