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Ende der Verwahrentgelte Die meisten Banken schaffen Negativzinsen ab

Stand: 18.08.2022 13:24 Uhr

Immer weniger Banken verlangen von ihren Kunden sogenannte Verwahrentgelte. Hunderte Institute haben bereits beschlossen, darauf zu verzichten. Die Zinsen für Tages- und Festgeldkonten steigen wieder.

Knapp einen Monat nach der ersten Leitzinserhöhung im Euroraum seit vielen Jahren hat ein Großteil der Banken in Deutschland Negativzinsen auf dem Tagesgeld- oder Girokonto abgeschafft. Noch vor knapp vier Wochen verlangten einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox zufolge 424 Banken Verwahrentgelte von ihren Kunden - Stand 17. August waren noch 79.

Damit haben mehr als 80 Prozent der betroffenen Kreditinstitute das so genannte Verwahrentgelt für Privatkunden seit der Zinserhöhung gestrichen, wie aus der Auswertung von rund 1300 Banken und Sparkassen hervorgeht.

"Die große Mehrheit der Banken hat nach der Zinserhöhung schnell reagiert und ihre Negativzinsen abgeschafft", so Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox Finanzvergleich. Insbesondere bei vielen Genossenschaftsbanken und Sparkassen seien die Negativzinsen an den Einlagezins der Europäischen Zentralbank (EZB) gekoppelt gewesen und damit automatisch entfallen, als am 27. Juli die neuen Leitzinsen in Kraft traten.

Wieder Zinsen auf Tagesgeldkonten

"Das Ende der Negativzinsen ist besiegelt", sagte Maier. Er rechnet damit, dass in den kommenden Wochen und Monaten weitere Institute nachziehen. "Spätestens nach dem nächsten Quartalswechsel dürfte höchstens noch eine Handvoll Banken Negativzinsen im Privatkundengeschäft erheben."

Durch die steigenden Zinsen werde auch das Geschäft mit Tages- und Festgeldkonten wieder attraktiv, erklärte Maier weiter. So gebe es aktuell Angebote für Tagesgeldkonten mit einem garantierten Zinssatz von 0,5 Prozent für sechs Monate. Beim Festgeld biete eine Bank beispielsweise Zinsen von 1,75 Prozent bei einer Laufzeit von zwei Jahren. 

Angebote gleichen Inflation nicht aus

Nach Daten des Verbraucherportals Biallo weisen dagegen nur noch 35 Banken Negativzinsen im Preisaushang oder auf ihrer Seite aus (Stand vom 10. August). Zum Höchststand Ende Mai verlangten demnach 582 der untersuchten Banken und Sparkassen ein Verwahrentgelt, oft in Höhe von 0,5 Prozent ab Überschreiten bestimmter Summen auf dem Konto.

Laut Verivox-Experte Maier werben die ersten Anbieter bereits mit Sonderkonditionen um Neukunden. Angesichts der hohen Inflation haben Sparer aktuell allerdings wenig Grund zum Jubeln. "Selbst die zinsstärksten Angebote gleichen die Inflation bei Weitem nicht aus", sagte Maier.

Bargeld vom Tresor zurück auf das Konto

Das Ende der Negativzinsen führt auch dazu, dass die Anzahl der im Umlauf befindliche Banknoten zurückgeht. Ein Sprecher der EZB sagte auf Anfrage von tagesschau.de, dass der wertmäßige Banknotenumlauf in den vergangenen 30 Tagen um etwa einen Prozent zurückgegangen sei. Das könne darauf zurückgeführt werden, dass die Banken Banknoten mit höherem Nennwert - vor allem 500- und 200-Euro-Scheine - von ihren Tresoren auf die Zentralbankkonten zurückgebracht werden. Aktuell sind laut EZB 29 Milliarden Banknoten im Wert von 1,6 Billionen Euro in Gebrauch. Mit rund 44 Prozent entfällt der größte Anteil davon aber auf die 50-Euro-Banknoten.

Die EZB hatte am 21. Juli angesichts der Rekord-Inflation die Leitzinsen im Euroraum erstmals seit elf Jahren wieder erhöht. Damit entfiel auch der Strafzins von 0,5 Prozent, den Kreditinstitute zahlen mussten, wenn sie Gelder bei der Notenbank parken. Die Finanzbranche klagte lange über Belastungen in Milliardenhöhe wegen der Strafzinsen, viele Geldhäuser gaben diese ab bestimmten Summen auf dem Konto an Privatkunden weiter.

Verbraucherschützer halten Negativzinsen auf Privatguthaben auf Giro- und Tagesgeldkonten für unzulässig, egal ob bei Neukunden oder Bestandskunden. Aktuell sind sechs Klagen des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) gegen verschiedene Kreditinstitute anhängig. Erste Urteile gibt es, sie sind aber noch nicht rechtskräftig.

Kritik an Argumentation der Banken

"Man kann nur hoffen, dass die Branche die sogenannte Zinswende zum Anlass nimmt, sich auch ohne weitere Unterlassungsklagen von uns oder den Verbraucherzentralen wieder von diesem rechtlich sehr umstrittenen Instrument zu verabschieden", sagte vzbv-Rechtsreferent David Bode. "Ohne entsprechende prozessuale Erklärungen werden die Verfahren jedoch weiterverfolgt."

Zugleich kritisierte Bode die Begründung der Finanzbranche für die Minuszinsen. "Aufgrund der bereits seit 2019 für die Institute eingeräumten erheblichen Freibeträge halten wir den behaupteten Zusammenhang mit den Einlagezinsen bei der EZB für zumindest teilweise vorgeschoben."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2022 um 13:05 Uhr.