Christine Lagarde | EPA

EZB will abwarten Lagarde gegen schnelle Zinserhöhung

Stand: 11.02.2022 10:43 Uhr

EZB-Präsidentin Lagarde hat vor den Folgen rascher Zinserhöhungen gewarnt. Ein überstürztes Vorgehen könne die Erholung der Wirtschaft in Europa gefährden, sagte sie. Zunächst solle die Entwicklung der Inflation abgewartet werden.

Die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) sieht keine unmittelbare Notwendigkeit für Zinserhöhungen, im Gegensatz zum neuen Bundesbank-Chef Joachim Nagel. "Wenn wir jetzt überstürzt handeln, könnte die Erholung unserer Volkswirtschaften deutlich schlechter ausfallen und Arbeitsplätze wären gefährdet" sagte Lagarde dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Die Notenbank gehe aber vorbereitende Schritte. So werde das Pandemienotprogramm zum Ankauf von Anleihen im März beendet und die EZB werde das Gesamtvolumen ihrer Nettokäufe von Vermögenswerten reduzieren.

"Das Ende der Nettoanleihekäufe ist Voraussetzung für Zinserhöhungen zu einem späteren Zeitpunkt", erklärte Lagarde. Auf die Frage, wann der Zeitpunkt gekommen sei, sagte sie: "Derzeit beobachten wir die steigenden Inflationszahlen, die wir in unsere Prognose einbeziehen. Es kann sein, dass die Inflation höher ausfallen wird, als wir im Dezember prognostiziert haben. Das werden wir im März analysieren und dann weitersehen."

Die Notenbankerin verglich die Zinspolitik mit Autofahren. "Niemand macht das im fünften Gang in voller Fahrt, sondern man geht vom Gas und schaltet schrittweise zurück. Genau das tun wir gerade. Und sobald das Tempo richtig ist und die Situation es zulässt, nehmen wir die Kurve."

Keinen Druck durch Löhne erwartet

Durch die anstehenden Tarifrunden erwartet Lagarde indessen keinen weiteren Inflationsschub. Löhne orientierten sich grundsätzlich an der Produktivität und an den mittelfristigen Inflationserwartungen, die zurzeit etwa beim Ziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent lägen, sagte Lagarde. "Erst wenn die Abschlüsse deutlich und anhaltend darüber hinausgehen, könnten sie den Inflationsprozess beschleunigen. Das sehen wir im Moment aber überhaupt nicht." In den meisten Euro-Ländern, auch in Deutschland, seien die Lohnforderungen "ausgesprochen moderat". Es sei verständlich und legitim, wenn Gewerkschaften in dieser Lage höhere Löhne forderten, um die Kaufkraft der Arbeitnehmer zu erhalten.

Bei den Energiepreisen erwartet Lagarde nach eigenen Worten eine Stabilisierung auf hohem Niveau. Die hohen Kosten für Öl und Gas seien zwar kein vorübergehendes Phänomen. Das Preisniveau sei aber jetzt schon sehr hoch. Es sei unwahrscheinlich, dass die Ölpreise in der gleichen Dynamik weiter stiegen. Die Inflation wird sich allein schon deshalb verlangsamen.

Inflation bei fast fünf Prozent

Doch noch sind die Inflationsraten beispielsweise auch in Deutschland im langjährigen Vergleich sehr hoch. Waren und Dienstleistungen kosteten im Januar durchschnittlich 4,9 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt mitteilte und damit seine erste Schätzung bestätigte. Immerhin fiel der Wert etwas niedriger als im Dezember aus, als Inflationsrate noch auf 5,3 Prozent und damit höchsten Stand seit fast 30 Jahren geklettert war.

Und auch die Großhandelspreise deuten auf einen weiter hohen Preisdruck hin. Sie erhöhten sich laut den Statistikern zu Jahresanfang um durchschnittlich 16,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Das ist etwas mehr als im Dezember mit 16,1 Prozent, aber weniger als im November, als mit 16,6 Prozent der höchste Wert seit Beginn der Berechnungen 1962 ermittelt wurde. Die Großhandelspreise gelten als ein Frühindikator für die Entwicklung der Verbraucherpreise.

Der Euro fällt

Am Devisenmarkt setzten die Aussagen von Lagarde den Euro unter Druck. Die Gemeinschaftswährung fiel unter die Marke von 1,14 US-Dollar. Da nun die Wahrscheinlichkeit etwas größer geworden ist, dass die Zinsdifferenz zwischen den USA und dem Euroraum noch größer wird. Für die USA zeigt das so genannte "Fed Watch Tool" der US-Terminbörse CME an, dass im Dezember der Leitzins mit der derzeit größten Wahrscheinlichkeit in einer Spanne von 1,75 bis 2,00 Prozent liegen wird - vom derzeitigen Leitzinsniveau von 0,00 bis 0,25 Prozent gerechnet. Derzeit gehen viele Beobachter davon aus, dass die US-Notebank (Fed) die Zinsen in diesem Jahr in sechs Schritten anheben wird - und zwar beginnend mit einer ersten Erhöhung im März.

Gestern hatte der US-Notenbanker James Bullard, Präsident der Notenbank von St. Louis, der Nachrichtenagentur Bloomberg gesagt, angesichts der unerwartet hohen Teuerungsrate sollten die Leitzinsen bis zum ersten Juli bei einem Prozent liegen. Das würde bedeuten, dass es bis dahin einen ungewöhnlich großen Zinsschritt geben müsste.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Februar 2022 um 03:00 Uhr.