Christian Sewing | dpa
Interview

Deutsche-Bank-Chef Sewing "Haben unseren Aktionären viel abverlangt"

Stand: 28.01.2022 10:44 Uhr

Die Deutsche Bank hat 2021 so viel verdient wie seit zehn Jahren nicht mehr, steht aber dennoch vor großen Herausforderungen. Seine Strategie dabei erklärt Vorstandschef Christian Sewing im Interview.

tagesschau.de: Erstmals seit 2018 sollen Aktionäre der Deutschen Bank wieder eine Dividende erhalten. Damit wollen Sie die Anleger bei Laune halten?

Christian Sewing: Ich glaube schon, dass eine Art Erleichterung da ist. Wir müssen ja deutlich sagen, dass wir unseren Aktionärinnen und Aktionären viel abverlangt haben. Wir haben immer gesagt, dass wir an dem Zeitpunkt, wo die nachhaltige Profitabilität da ist, dieses Vertrauen zurückgeben wollen. Das tun wir, und ich glaube, da ist schon ein Stück Erleichterung und hoffentlich auch Freude da.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing | dpa
Zur Person

Christian Sewing ist seit 2018 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Dem Vorstand gehört er seit 2015 an. Davor arbeitete er bereits in verschiedenen Funktionen für die Deutsche Bank.

Acht Prozent Rendite als Ziel

tagesschau.de: Kritiker sagen: Die internationalen Banken verdienen deutlich mehr.

Sewing: Wir sind auf dem Weg zu einer höheren Rendite. Wir haben immer gesagt, das entscheidende Jahr und das letzte Jahr der Transformation ist in diesem Jahr 2022. Zurzeit liegen wir im oder sogar über dem Plan. Jetzt kommt es darauf an, dass wir das Wachstum weiter beschleunigen und gleichzeitig effizient arbeiten. Dafür sind alle Maßnahmen getroffen. Deswegen glauben wir und sind fest zuversichtlich, dass wir die acht Prozent Eigenkapitalrendite erreichen. Damit kommen wir schon sehr nah an unsere europäischen Wettbewerber ran, und von da aus geht es dann weiter, um auch global aufzuholen. Aber wir sind sicherlich wieder wettbewerbsfähig, und das ist zunächst einmal eine wirklich starke Ausgangsposition.

tagesschau.de: Nach Vorlage der Bilanz heißt es dann ja wieder ran an die Arbeit. Was sind ihre größten Baustellen zurzeit?

Sewing: Wir haben eine klare Strategie. Wir haben vier klare Geschäftsfelder, wir wissen genau, wo wir wachsen können, wir wissen aber auch genau, wo wir sicherlich effizienter werden können. Daran gilt es jetzt Tag für Tag zu arbeiten. Dass wir so aufgestellt sind und die Erfolge aus der Vergangenheit zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und dadurch ist auch das Momentum in der Bank da, ob es in den Geschäften ist oder in den Infrastruktureinheiten. Wenn wir diese Disziplin halten, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir unsere Ziele auch dieses Jahr erreichen werden.

"Gigantische Transformationen in der Wirtschaft"

tagesschau.de: Hat die Bankbranche von der Corona-Pandemie profitiert?

Sewing: Ich glaube zunächst einmal, dass für die gesamte Gesellschaft, die deutsche und europäische Wirtschaft, wichtig ist zu sehen: Die Banken waren Teil der Lösung in dieser Pandemie. Genau dahin wollten wir auch zurück, dass wir die Wirtschaft unterstützen, dass wir die Wirtschaft finanzieren, und ich glaube, das gibt uns Rückenwind auch für die anstehenden Aufgaben. Die Pandemie ist das eine, aber wir werden gigantische Transformationen haben in der Wirtschaft. Dort gilt es starke Banken zu haben, die diese Transformation finanzieren können. Das wollen wir als Deutsche Bank. Von daher sind sicherlich der positive Rückenwind und die positive Resonanz, die die Banken bekommen haben in der Corona-Pandemie, ein gutes Zeichen für die Zukunft.

tagesschau.de: Verstehe ich das richtig, dass Sie mit Transformation meinen, dass Banken mit Krediten den Unternehmen beim Wandel unter die Arme greifen?

Sewing: Unter anderem. Nicht nur mit Krediten, auch mit Beratung. Fast jedes Kundengespräch, insbesondere mit Unternehmen in Deutschland, aber auch in Europa, hat sicherlich eine Komponente zur Frage: Wie wandeln wir uns? Wie können wir das finanzieren? Da geht es nicht nur um Kredite, da geht es um Anleihen, da geht es um Kapital, da geht es aber auch um die wirkliche Expertise. Was bedeutet das für bestimmte Branchen? Glücklicherweise haben wir uns das Thema Nachhaltigkeit als zentrales Management-Thema schon 2019 auf unsere Agenda geschrieben. Wir sind da enorm gefragt von unseren Kunden, und deswegen glaube ich, dass wir hier enorm unterstützen können.

tagesschau.de: So ein Umbau kostet ja nicht nur Geld, sondern auch eine Menge Personal. Wie sieht da die zukünftige Entwicklung aus?

Sewing: Ich glaube, es ist sehr schwer, hier langfristige Zukunftsaussichten zu geben. Aber natürlich ist Technologie ein Punkt, der viele Arbeitsprozesse auch der Deutschen Bank automatisiert. Das hat immer wieder Auswirkungen auf unsere Stellen, aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass enorm viele neue Stellen geschaffen werden. Gerade in unserem Technologie-Bereich suchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir versuchen viele Mitarbeiter, die wir zurzeit noch extern beschäftigen, zu internalisieren. Von daher gibt es nicht nur die eine Richtung. Dass wir auf der Suche und bei dem Ziel, glücklicherweise auf dem richtigen Weg die Effizienz zu finden, leider auch über Stellenreduzierungen gehen müssen, ist davon unbenommen.

tagesschau.de: Kann man Corona als Digitalisierungsbeschleuniger bezeichnen?

Christian Sewing: Ja. Es hat sich als Digitalisierungsbeschleuniger gezeigt, weil auch die Kunden einfach anders mit uns agieren. Es gibt im Grunde genommen zwei große Trends. Auf der einen Seite das Standardgeschäft, ob das im Privatkundegeschäft aber auch im Unternehmensgeschäft ist - da wird mehr und mehr digitalisiert. Da verlangen auch die Kunden moderne Lösungen, und deswegen investieren wir. Aber was wir auch sehen, und das freut uns besonders, ist die Renaissance des Bankgeschäfts, die Renaissance der Bankberatung. Gerade in Zeiten, die wir heute haben - geopolitische Unsicherheiten, Inflation, aber auch Corona - ist die Nachfrage nach Beratung von Seiten der Kunden enorm hoch. Da kann sich eine Bank wie die Deutsche Bank mit der Expertise, die wir global haben, aber auch insbesondere hier in Deutschland, gut positionieren.

tagesschau.de: Das heißt also der Berater vor Ort, dem man die Hand schütteln kann, den wird es immer geben?

Sewing: Den wird es immer geben.

Das Interview führte Stefan Wolff, ARD-Börsenstudio.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Januar 2022 um 09:00 Uhr.