Online-Banking mit dem Smartphone

Instant Payments Die verzögerten Echtzeitüberweisungen

Stand: 07.02.2022 08:06 Uhr

Während die Übertragung von Echtzeitinformationen längst Alltag ist, sind Überweisungen in Echtzeit noch kein Standard. Für die Großbanken ist die Umstellung auf Instant Payment aufwändig und teuer.

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

Eigentlich sollte es für die Privatkunden der Direktbank ING noch in diesem Jahr möglich werden, sekundenschnelle Überweisungen zu tätigen. Doch nun verzögert sich die Einführung von Instant Payment. Wie die niederländische Großbank mitteilte, könnte es noch bis ins kommende Jahr dauern, bis Privatkunden Echtzeitüberweisungen senden können. Das Empfangen von Echtzeitüberweisungen könnte aber wohl schon in den kommenden Monaten möglich sein.

Lilli Hiltscher

SEPA ist weiterhin der Standard

Derzeit seien noch immer die gewöhnlichen SEPA-Überweisungen, die durchschnittlich einen Tag dauern, der Standard im Euroraum, erklärt Volker Brühl, Professor am Center of Finance der Goethe-Universität Frankfurt: "Das liegt an den traditionellen IT-Systemen, die auf Massenabwicklungen ausgerichtet sind." Bislang nutzen Banken zum Senden von Überweisungen das sogenannte "Clearing"-System. Dabei werden die Transaktionen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gesammelt. "Im nächtlichen Austausch zwischen den Banken, dem sogenannten Settlement, wird dann zwischen den Banken nur der sogenannte Differenzbetrag aller Transaktionen, die jeweils von einem zum anderen Institut und zurück gehen sollen, überwiesen", erläutert Ulrich Binnebößel, Zahlungsverkehrsexperte des Handelsverband Deutschland (HDE) auf Anfrage von tagesschau.de.

Dieses System verringert den Aufwand der Banken deutlich, da nicht jede Transaktion zwischen den Geldhäusern tatsächlich stattfindet und ist für die Banken auch deutlich billiger als Instant Payment. Auch wenn sie nicht direkt daran verdienen, weil eine SEPA-Überweisung kostenlos ist: "Die herkömmlichen SEPA-Überweisungen sind mit den Kontoführungsgebühren abgegolten", so Experte Brühl von der Frankfurter Goethe-Universität.

Banking-App der Sparkasse
Was bedeutet Instant Payment?

Instant Payments sind extrem schnelle Banktransaktionen, die jederzeit ausgeführt werden können. Das bedeutet, dass Transaktionen wie die SEPA-Echtzeitüberweisung maximal 20 Sekunden dauern und an 365 Tage im Jahr rund um die Uhr erfolgen können. Voraussetzung ist allerdings, dass beide an der Transaktion beteiligten Banken diesen Service anbieten. Außerdem können nur Zahlungen bis maximal 15.000 Euro abgewickelt werden.

Solche Echtzeitüberweisungen sind seit 2017 möglich, müssen aber nicht verpflichtend angeboten werden. Der Europäische Zahlungsverkehrsausschuss (EPC) listet aktuell 2328 Zahlungsdienstleister aus 26 Ländern des SEPA-Raums auf, die Instant Payments anbieten. Das seien über 60 Prozent der Zahlungsdienstleister in Europa.

"Systeme mussten echtzeitfähig werden"

Für Instant Payment erheben die meisten Banken dagegen einen Aufschlag, denn es wird in der Regel "als sogenanntes Nischenprodukt pro Transaktion bepreist. Es gibt aber auch einige wenige Banken, die für eine IP-Transaktion keine besonderen Gebühren aufrufen, was zeigt, dass es auch anders geht", ergänzt Binnebößel. Bei Instant Payment kommt es nicht im Vorfeld zu einer Sammlung von Transaktionen: "Es muss jede Transaktion einzeln 'auf den Weg geschickt' werden und die notwendige Gutschrift erfolgen", so der HDE-Experte. Dadurch steigt für die Banken der Aufwand und sie müssen ihre IT-Systeme auf das neue Verfahren umstellen.

Die Deutsche Bank hat ihre Systeme bereits vor einigen Jahren umgestellt, sie bietet seit 2018 Instant Payment an. Heinrich Froemsdorf, Sprecher der Deutschen Bank, sagt auf Anfrage von tagesschau.de, dass der höhere Aufwand der Grund für die Aufschlagszahlungen ist: "Alle beteiligen System mussten 'echtzeitfähig' gemacht werden, um zum einen die regulatorischen Anforderungen und zum anderen die zeitliche Vorgabe, die Zahlung anzubringen, zu erfüllen." Damit einher gehe, dass Systeme und Support rund um die Uhr vorgehalten werden müssten und das Liquiditätsmanagement anspruchsvoller geworden sei, da man jederzeit in der Lage sein müsse, Geld an eine andere Bank zu transferieren.

EU-Flagge mit 1-Euro-Münzen | dpa
Was ist der European Payments Council?

Der European Payments Council (EPC), auch Europäische Zahlungsverkehrsausschuss genannt, ist eine Einrichtung der Kreditinstitute in der Europäischen Union. Er soll als Entscheidungs- und Kontrollgremium den Zahlungsverkehr innerhalb des europäischen Zahlungsraumes SEPA (englisch für Single Euro Payments Area) harmonisieren. Der SEPA-Raum soll im Rahmen der Selbstregulierung ohne Eingriff des Gesetzgebers verwirklicht werden. Diese Zielsetzung des EPC wurde in einem so genannten "Weißbuch" zusammengefasst.

Über 1000 Institute in Deutschland bieten Instant Payment an

Bislang sind Banken innerhalb des europäischen Zahlungsraumes SEPA nicht verpflichtet, Instant Payment anzubieten. Laut European Payments Council (EPC) stellen in Deutschland derzeit rund 1200 Institute diese Möglichkeit zur Verfügung. "Das sind nahezu alle Banken und Sparkassen in Deutschland, die Zahlungskonten führen", so eine Sprecherin der Deutschen Kreditwirtschaft auf Nachfrage von tagesschau.de.

Wann Instant Payment tatsächlich von allen europäischen Kreditinstituten angeboten wird, ist unklar: "Es handelt sich derzeit noch um ein optionales Zahlungsinstrument. Ein konkreter Zeitpunkt zu einer verpflichtenden Einführung besteht nicht", erklärt Ina Christ von der Bundesbank. Der HDE fordert darum ein Eingreifen der Politik: "Um zum New Normal zu kommen, muss hier von der Politik ein Umsetzungsenddatum gesetzt werden", so Verbandsvertreter Binnebößel.

Denn die EU will Echtzeitüberweisungen eigentlich zum Standard anheben, um Zahlungen im Euro-Raum zu vereinfachen. "Das ultimative Ziel besteht darin, die europäischen Bürger und Unternehmen in die Lage zu versetzen, elektronische Zahlungen in Echtzeit von und in jedes Land der EU sowohl am Point-of-Sale als auch online zu tätigen", schreibt die Europäische Zentralbank dazu auf ihrer Webseite. Damit wolle man auch die Vorherrschaft von Online-Diensten aus dem Ausland eindämmen.

Konkurrenz für PayPal?

PayPal ist einer der Dienste, der nahezu eine Monopolstellung als Zahlungsdienstleister für Echtzeitzahlungen inne hat. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben mehr als 425 Millionen Nutzer in mehr als 200 Märkten. Instant Payment hätte gegenüber PayPal einen entscheidenden Vorteil: Anders als bei PayPal kann der Empfänger einer Echtzeitüberweisung das Geld sofort von seinem Konto abheben. Bei PayPal muss das Geld zunächst von dem PayPal-Konto auf das hinterlegte Konto gutgeschrieben werden, was einige Tage dauern kann.

Allerdings könne Instant Payment nur ein Teil der Antwort der Großbanken auf das boomende Geschäft der Online-Zahlungsdienstleister sein, so Heinrich Froemsdorf von der Deutschen Bank: "Instant Payments in Kombination mit anderen Verfahren wie beispielsweise Request-to-Pay und eine integrierten optionalen Konsumentenfinanzierung haben das Potenzial, sich zu einer echten Alternative im europäischen Zahlungsverkehr zu entwickeln." Dafür müssten allerdings zunächst die entstehenden Geschäftsmodelle so strukturiert werden, dass diese für alle Marktakteure wirtschaftlich attraktiv seien: "Aktuell sind diese primär für Händler gegeben, nicht jedoch für Konsumenten."

"Banken müssen mehr investieren"

Auch bei der Deutschen Kreditwirtschaft wird diskutiert, wie man mit dem Angebot von verschiedenen Zahlungsformen Kunden binden und so gegen Dienste wie PayPal bestehen kann: "Ein Beispiel hierfür ist die Funktion 'Geld senden' des Systems giropay. Hierbei können in der Banking-App bereits Überweisungen sehr einfach durchgeführt werden. Statt der direkten Kontonummer-Eingabe wird der Empfänger in der Kontaktliste des Smartphones ausgewählt, der Betrag erfasst und die Zahlung freigegeben."

Für den HDE ist das noch nicht ausreichend. Der Branchenverband fordert vor allem von den Banken ein größeres Engagement für die Modernisierung des Zahlungsverkehrs, sagt HDE-Experte Binnebößel: "Ansonsten besteht die Gefahr, dass Transaktionen an Banken vorbei gestaltet werden, was letztendlich dazu führen kann, dass ein klassisches Girokonto verzichtbar wird."