Das Bankenviertel in der Frankfurter Innenstadt | picture alliance / Geisler-Fotop

plusminus-Umfrage Die Inflationserwartungen der Banken

Stand: 16.02.2022 16:55 Uhr

Sicher ist: Die Inflation ist wieder da. Die Frage ist nur: Wie geht das in diesem Jahr weiter? Antworten darauf geben die Chefvolkswirte von sechs Banken.  

Von Steffen Clement, hr

Familie Thiele erlebt gerade im Taunus, was die Menschen überall in Deutschland schmerzhaft feststellen: Die Preise steigen - ob für Lebensmittel, an der Tankstelle oder beim Heizen mit Gas. Weil das Gehalt der Durchschnittsverdiener nicht mitwächst, bleibt nur ein anderer Ausweg: Sparen im Alltag. "Wenn die Pizza vom Lieferdienst immer teurer wird, dann verkneifen wir uns das eben mal zwischendurch", sagt Tobias Thiele, Feuerwehrmann und zweifacher Vater. Seine Frau Olivia hat schon ihr Einkaufsverhalten geändert. "Ich nutze jetzt mehr Angebote, wo ich früher gesagt hätte: 'Ach, ist doch egal!'"

Inflation deutlich höher als von EZB erwartet

Die steigenden Preise sind inzwischen in der Mittelschicht angekommen. Wer unterdurchschnittlich verdient, hat es natürlich noch schwerer. Und niemand sollte darauf hoffen, dass sich das in diesem Jahr schnell wieder ändert, wie eine exklusive Umfrage des ARD-Wirtschaftsmagazins plusminus unter den Chefvolkswirten der deutschen Banken zeigt. Die Inflationsrate in diesem Jahr wird deutlich höher ausfallen als das Zwei-Prozent-Inflationsziel der Europäischen Zentralbank, heißt es übereinstimmend von Deutscher Bank, Commerzbank, KfW, ING, Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

"Nach der überraschend hohen Inflationsrate im Januar von 4,9 Prozent erwarten wir nunmehr für das Gesamtjahr eine Rate von gut vier Prozent", prognostiziert Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland der Deutschen Bank Research. Sein Kollege von der Commerzbank, Jörg Krämer, erwartet sogar "fast fünf Prozent". Das habe viel mit Corona zu tun: Die Unternehmen können weniger anbieten, zugleich ist die Nachfrage der Konsumenten hoch, so dass in der gesamten westlichen Welt ein starker Anstieg der Inflationsrate zu beobachten sei.

"Knapp vier Prozent" - so lautet die Inflationserwartung von Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland. Seine Begründung für einen anhaltenden Preisauftrieb: "Die Unternehmen werden die gestiegenen Erzeugerpreise und Produktionskosten an den Endverbraucher weitergeben."

Rückgang "im Entengang"

Von einem Rückgang der Inflationsrate "im Entengang" spricht Chef-Volkswirt Andreas Bley vom Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Im Jahresdurchschnitt rechnet er dann mit 2,75 Prozent - kaum niedriger als im vergangenen Jahr (3,1 Prozent). Einen langsamen Rückgang der Inflation erwartet auch KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. Erst in den letzten Monaten dieses Jahres könne sich die Preissteigerung "Richtung zwei Prozent" entwickeln. Und bei der Sparkassenfinanzgruppe werden 3,2 Prozent als Jahreswert vorhergesagt. "Das ist also weit mehr als das, was die EZB mal als Preisstabilität ausgegeben hat", so DSGV-Sprecher Alexander Hartberg.

All das sind keine guten Nachrichten für Durchschnittsverdiener wie die Thieles. Doch der Familienrat hat schon erste Beratungen über einen Sparhaushalt aufgenommen und ist dabei über die inzwischen teuren Flüge für den Sommerurlaub nach Mallorca gestolpert. "Bayern soll ja auch schöne Ecken haben", sagt Vater Thiele und lacht etwas gequält. Er weiß zugleich: Manch andere müssen sich bei den steigenden Preisen viel stärker einschränken als seine vierköpfige Familie.  

Über dieses Thema berichtet das Wirtschaftsmazagin Plusminus heute Abend um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Plusminus am 16. Februar 2022 um 22:00 Uhr.