Beschäftigte der Universitätsklinik in Köln ziehen in einem Demonstrationszug durch die Stadt und streiken. | dpa

Tarifrunden 2022 Inflation erhöht Druck auf Gewerkschaften

Stand: 31.01.2022 14:34 Uhr

Die Tarifverhandlungen könnten in diesem Jahr hart ausfallen. Viele Unternehmen leiden unter steigenden Materialkosten und gestörten Lieferketten - die Beschäftigten unter der hohen Inflation. Die Gewerkschaften stehen unter Zugzwang.

Von Axel John, SWR

Morgens ab 5.30 Uhr füllt sich der Parkplatz vor der Görres-Druckerei bei Neuwied. Die Frühschicht trifft zur Arbeit ein. Thomas Dörr ist der Betriebsratsvorsitzende bei dem mittelständischen Unternehmen und Mitglied der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Der 59-Jährige weiß, was die Belegschaft umtreibt: "Die Kollegen leiden seit Monaten unter den stark gestiegenen Benzinkosten", sagt er. "Viele haben Anfahrtswege von 60 Kilometern und mehr. Im Portemonnaie bleibt immer weniger übrig."    

Axel John

"Inflation zwingt uns zum Handeln"

In rund zwei Wochen starten in dem Familienbetrieb die Tarifverhandlungen. Seit Beginn der Corona-Krise habe man auf Lohnforderungen verzichtet, erzählt Dörr. Zudem sei die Firma noch in Kurzarbeit - wie so viele andere Betriebe in der Branche auch. "Die Lage in der Druckindustrie ist schon seit Jahren nicht rosig", sagt der Gewerkschafter, "aber die hohe Teuerung zwingt uns dazu, jetzt bei den anstehenden Verhandlungen eine deutliche Lohnerhöhung zu verlangen." Der Betriebsrat will ein Plus von fünf Prozent. Die Unternehmensleitung war trotz mehrfacher Anfrage nicht zu einem Gespräch bereit.    

Die Energiekosten, die Mieten oder Einkäufe im Supermarkt würden immer teurer, berichtet Dörr aus dem Betriebsrat. "Wir haben einen Haustarifvertrag, der im vergangenen Jahrzehnt immer wieder um zwei oder drei Jahre verlängert wurde. Diesmal wollen wir aber eine deutlich geringere Laufzeit. Wir müssen schauen, ob die Inflation vielleicht doch dauerhaft nach oben geht und dann gegebenenfalls nachziehen", so Dörr. Er hat den Aussagen der Politik von Anfang an nicht vertraut, wonach die Inflation nur vorübergehend sei. "Ich fürchte, wir stehen erst am Anfang der Entwicklung. Das wird sich auch in den Tarifverhandlungen niederschlagen", schätzt Dörr.

Druck auf Tarifparteien wächst  

Damit liegt der Betriebsratsvorsitzende aus Rheinland-Pfalz auf Linie der Gewerkschaftszentrale in Berlin. Ver.di-Chef Frank Werneke hatte schon im Herbst deutlich spürbare Reallohnsteigerungen in den kommenden Tarifverhandlungen gefordert. Grund seien die Preissprünge etwa für Lebensmittel, Energie und Benzin. So geht ver.di jetzt etwa mit der Forderung nach fünf Prozent mehr Geld in die Tarifverhandlungen für die privaten Versicherungen.

Die Tarifparteien stehen vor den Lohnrunden in diesem Jahr insgesamt unter hohem Druck. Der Grund: Die Inflation hat die geringen Lohn-Zuwächse im vergangenen Jahr mehr als aufgezehrt. Die Reallöhne sind so erstmals seit Jahren wieder zurückgegangen. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Die Gewerkschaften spüren die Erwartungen ihrer Mitglieder, die Teuerung wieder einigermaßen auszugleichen.

Gewerkschaften gegen den Reallohnverlust

Besonderes Augenmerk richtet sich im März auf die IG BCE, die für rund 580.000 Beschäftigte der deutschen Chemie- und Pharmabranche verhandelt. Dabei geht es für die mächtige Gewerkschaft um ein Entgeltplus oberhalb der Teuerungsrate. Und auch für die durch Corona krisengeprüfte Gastro-Branche will die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bis zu 6,5 Prozent mehr.    

Im September steigt dann die IG Metall in den Tarifring. Auf konkrete Forderungen will sich ihr Chef Jörg Hofmann noch nicht festlegen. Die Beschäftigten erwarteten aber eine deutliche Erhöhung ohne Reallohnverluste. Zur Orientierung: Die Bundesregierung taxiert die Inflation für das laufende Jahr auf 3,3 Prozent, nachdem sie 2021 mit 3,1 Prozent den höchsten Stand seit fast 30 Jahren erreicht hatte. Die Zielmarke für die Tarifverhandlungen scheint also gesetzt zu sein.

Treiben sich Inflation und Löhne gegenseitig hoch?   

Neben der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) beeinflusst auch die Entwicklung der Löhne die Inflation. Viele Wirtschaftsexperten warnen: Anziehende Verbraucherpreise und steigende Löhne könnten sich gegenseitig immer weiter hochschaukeln - die sogenannte Lohn-Preis-Spirale.  

Diese Gefahr sieht Hagen Lesch vom Forschungsinstitut IW in Köln nicht - zumindest derzeit. "Höhere Lohnabschlüsse sind grundsätzlich inflationstreibend. Für die nächsten Monate sehe ich aber keinen übermäßigen Einfluss der Gehälter auf die Teuerung", so Lesch. Viele Tarifverträge wie beim Bau oder dem Handel wären noch vor dem Ansteigen der Inflation vereinbart worden. Ihre Vergütungen würden unter den Teuerungsraten liegen und so die Inflation nicht antreiben. 

 

"Die Gewerkschaften werden natürlich auf die hohen Inflationszahlen schauen. Das macht höhere Abschlüsse auch wahrscheinlicher", schätzt Lesch. Erst wenn alle Faktoren wie gestiegene Löhne, hohe Energiepreise und anhaltend gestörte Lieferketten zusammenkämen, könne sich die hohe Inflation strukturell verfestigen. "Das kann zum Jahresende der Fall sein. Dann kennen wir die Ergebnisse der Lohnrunden und die Entwicklung der Weltwirtschaft unter Corona-Einfluss. Bei den Tarifverhandlungen ist Augenmaß von allen Seiten gefordert. Das traue ich aber allen Akteuren zu." Am Ende kann aber auch Lesch die genaue Entwicklung der Inflation in diesem Jahr nicht voraussagen. Wie auch sonst bei anderen Experten in Politik, Wissenschaft und Verbänden herrscht vor allem eines vor: Unsicherheit.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 31. Dezember 2021 um 05:38 Uhr.