Eine Kundin zahlt ihre Einkäufe. | dpa

Inflation und Lieferengpässe Warum die Preise 2022 weiter steigen

Stand: 04.01.2022 07:05 Uhr

Seit Monaten kennen die Preise nur eine Richtung - nach oben. Daran wird sich auch im neuen Jahr wenig ändern. Vor allem Lieferengpässe dürften die Inflation auch 2022 antreiben.

Von Steffen Clement, hr

Es ist nur ein Windlicht. Doch am Modell "Louisiana XXL" der Firma Philippi-Design vor den Toren Hamburgs zeigt sich beispielhaft, warum die Preise im Laden auch in Zukunft steigen werden. Die Produktionskosten in China sind um 16 Prozent gestiegen, die Transportkosten nach Deutschland haben sich vervierfacht. Auf diesen Grundpreis kommen jeweils noch die Aufschläge: Die Marge für die Marke, den Handel und den Staat mit der Mehrwertsteuer.

Die Folge: Am Ende kostet das Windlicht nicht mehr 99 Euro wie bisher, sondern seit Januar stolze 189 Euro. "Ein solcher Preissprung ist wirklich einmalig in unserer Firmengeschichte", sagt Designer und Firmenchef Jan Philippi. "Mir blutet das Herz, weil ich nicht weiß, ob ich das Windlicht zu diesem Preis noch verkaufen kann." Doch er sieht sich zu diesem Schritt gezwungen, weil er die gestiegenen Kosten zumindest mit zeitlicher Verzögerung an die Kundinnen und Kunden weitergeben muss.

Viele Faktoren treiben die Preise

Damit ist der Hamburger Designer typisch für die deutschen Unternehmen. Rund zwei Drittel aller Firmen beispielsweise im Einzelhandel wollen in Zukunft ihre Preise erhöhen. Einen höheren Wert hat das Münchner ifo-Institut seit Umfragebeginn vor 30 Jahren noch nie ermittelt. Darüber wundert sich Volkswirt Eric Heymann von Deutsche Bank Research nicht, wenn Rohstoffe und Transportkapazitäten weltweit knapp sind. "Dann steigen auch die Preise für Unternehmen über die gesamte Wertschöpfungskette", so der Volkswirt. "Hier sehen wir in allen Preisstatistiken so hohe Anstiege wie seit Jahrzehnten nicht."

Dabei ist die Inflation schon bislang nach der Corona-Delle mit voller Wucht zurück und erreicht historische Höchststände: Waren und Dienstleistungen kosten im November 5,2 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das ist der stärkste Preisanstieg seit fast drei Jahrzehnten.

Inflation höher als von der EZB erwartet

Den Preisanstieg hat die Europäische Zentralbank in Frankfurt lange mit "Corona-Sondereffekten" erklärt und meinte damit für Deutschland: Die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer, die Einführung der CO2-Bepreisung und vor allem die stark gestiegenen Energiepreise. Aber diese Einschätzung bröckelt.

Tobias Linzert bereitet in der EZB die geldpolitischen Entscheidungen mit vor und räumt im Rückblick ein: "Es ist absolut richtig, dass die Inflation deutlich höher ausgefallen ist als das, was wir erwartet haben." Doch in einer Pandemie sei es nun mal ungleich schwerer, die richtigen Vorhersagen zu treffen. Zugleich sagen immer mehr Vertreter der EZB: Auch im neuen Jahr können die Preise stärker steigen als von ihr selbst erwartet. Jüngstes Beispiel dafür ist zum Jahreswechsel der niederländische Notenbankchef Klaas Knot.

Unternehmen müssen Preissteigerungen jetzt weitergeben

Andere Branche, anderer Ort - aber beim Thema Preise sieht es ganz ähnlich aus: Der Berliner Schmidt-Spiele-Verlag ist die Heimat von Benjamin Blümchen, Bibi und Tina oder auch dem Spiele-Klassiker "Mensch ärgere Dich nicht". Geschäftsführer Axel Kaldenhoven kämpft wie so viele mit gestiegenen Produktionskosten und sprunghaft gestiegenen Frachtkosten. Er zieht nun daraus die Konsequenz. "Im neuen Jahr werden wir die Preise in unserem Segment um circa vier bis fünf Prozent erhöhen müssen." Einen anderen Ausweg gebe es kurzfristig gar nicht. Allenfalls auf lange Sicht sei vorstellbar, wieder mehr in Europa zu produzieren, um hohen Transportkosten zu entkommen.

Im neuen Jahr werden zwar einige Corona-Sondereffekte wegfallen. Auf der anderen Seite kommen Nachholeffekte als neue Inflationstreiber hinzu. Beispielsweise Philippi-Design hat nach eigenen Angaben die gestiegenen Kosten für verschiedene Produkte bisher alleine geschultert. "Wir können uns natürlich nicht auf Dauer leisten, Minus-Geschäfte zu machen", so Firmenchef Jan Philippi. So will er im Januar die Preise im Durchschnitt um 25 Prozent erhöhen. 

Wie lange der Preisdruck anhält, ist aktuell schwer abzuschätzen. An der EZB-Geldpolitik soll sich aber so schnell ohnehin nichts grundsätzlich ändern. Zwar hat der EZB-Rat auf seiner jüngsten Sitzung im Dezember bei den Anleihekaufprogrammen Änderungen im Detail beschlossen. Doch der geldpolitischen Pfad sei sehr klar an die künftige Inflationsentwicklung geknüpft, macht EZB-Vertreter Linzert aus der Abteilung Geldpolitik deutlich. "Erst wenn die Inflation mittelfristig, nachhaltig und dauerhaft bei zwei Prozent angelangt ist, erst dann kann die Geldpolitik handeln. Erst dann können die Zinsen wieder steigen." Keine guten Aussichten zum Start ins neue Jahr: Die Null-Zinsen bleiben. Zugleich steigen auch in den nächsten Monaten die Preise weiter.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Januar 2022 um 09:00 Uhr.