EU-Flaggen wehen vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt | REUTERS

Vor EZB-Sitzung Welche Folgen die Zinswende hätte

Stand: 08.06.2022 18:30 Uhr

Morgen wird die Europäische Zentralbank voraussichtlich das Ende ihrer lockeren Geldpolitik verkünden. Doch was bedeutet das für Verbraucher - etwa bei den Bauzinsen?

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

Es sind keine leichten Zeiten für Immobilienkäufer: Seit Anfang des Jahres sind die Zinsen für Baukredite um fast 300 Prozent angestiegen. Das bedeutet, bei einer Zinsbindung von zehn Jahren müssen Verbraucher mittlerweile rund drei Prozent zahlen. Im Dezember 2021 lagen die Zinsen noch bei rund 0,9 Prozent.

Lilli Hiltscher

"Bei einem Kredit über 400.000 Euro, der zu Beginn mit drei Prozent getilgt werden soll, sind das im Monat 2000 Euro Ratenzahlung. Vor einem dreiviertel Jahr betrug diese noch rund 1300 Euro", rechnet Finanztip-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen die Auswirkungen des Zinssprungs vor.

Bauzinsen steigen infolge der hohen Teuerung

Grund für die extrem gestiegenen Bauzinsen ist die hohe Inflation. Sie ist in Folge der Energiekrise im April auf mehr als acht Prozent in der Eurozone angestiegen - und schlägt sich mittlerweile auch in den Kreditzinsen nieder. Denn die Banken rechnen aufgrund der hohen Preise damit, dass es zu Ausfällen bei den Kreditrückzahlungen kommen könnte. Um dieses Risiko finanziell auszugleichen, steigen schon jetzt die Zinsen für Verbraucher.

Rendite der Bundesanleihe auf Acht-Jahres-Hoch

Doch nicht nur die Zinsen für Verbraucher steigen. Auch der Staat muss erstmals seit fast acht Jahren wieder Zinsen auf geliehenes Geld zahlen. Denn die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist wieder über die Marke von 1,0 Prozent geklettert. Für die Finanzierung von Staatsausgaben, wie Infrastrukturprojekte, Rüstungs- und Sozialausgaben, zahlt der Staat also nun wieder drauf.

Steigen nun die Renditen der Bundesanleihen, hat das direkte Auswirkungen auf die Entwicklung der Bauzinsen: Denn Banken bestreiten ihr Baufinanzierungsgeschäft meist über den Handel mit Pfandbriefen. Die Pfandbriefzinsen werden nach Vorgaben der DekaBank Deutsche Girozentrale in Frankfurt festgelegt. Und die DekaBank orientiert sich bei der Festlegung der Rendite für die Pfandbriefe an den Zinsen zehnjähriger Bundesanleihen.

Wie funktioniert eine Bundesanleihe?

Eine Bundesanleihe dient der Staatsfinanzierung. Institutionelle Investoren leihen dem Bund ihr Kapital für einen bestimmten Zeitraum. Im Gegenzug erhalten sie eine feste Verzinsung (Kupon). Über die Börse haben auch Privatanleger die Möglichkeit, Anteile an Bundesanleihen zu kaufen oder verkaufen.

Vorbild in der Zinswende ist die USA

Diese Entwicklung dürfte auch erstmal so weitergehen. Denn schon morgen könnte die Europäische Zentralbank in Frankfurt eine erste Erhöhung der Leitzinsen verkünden - als wahrscheinlicher gilt aber, dass sie den Weg für eine erste Leitzinserhöhung im Juli ebnet, der weitere folgen dürften.

Mit der Zinswende wird die EZB zeitversetzt dem Beispiel der US-Notenbank Fed folgen. Die hob die Leitzinsen in den USA in diesem Jahr bereits zweimal an, Anfang Mai sogar um einen halben Prozentpunkt. Diese Entwicklung spiegele sich auch schon in den Renditen der amerikanischen Staatsanleihen wider, erklärt Arthur Brunner, Anleihespezialist bei der ICF-Bank: "In den USA liegen die Renditen für 10-jährige Staatsanleihen bereits jetzt bei rund drei Prozent."

Ganz so drastisch dürfte die EZB die Zinswende in Europa nicht vollziehen, urteilt Tenhagen. Die historische Entwicklung habe gezeigt, dass die EZB ehr zurückhaltend agiere, während die Fed - auch durch ihre Aufgabe, die US-Wirtschaft am Laufen zu halten, begründet - aggressiver in der Geldpolitik sei. "In den USA steigen die Zinsen schneller, sie fallen aber auch wieder schneller als in der Euro-Zone", so Tenhagen.

Steigen jetzt die Sparzinsen?

Und dennoch: Erhöht die Europäische Zentralbank die Leitzinsen, wenn auch nur in kleinen Schritten, werden die Auswirkungen für alle Europäer spürbar. Für Sparer klingt die angekündigte Zinswende zunächst erfreulich: Nach Jahren könnte es auf Tages- und Festgeldkonten endlich wieder Zinsen geben. Doch ganz so einfach sei die Rechnung nicht, erklärt Tenhagen im Gespräch mit tagesschau.de: "Solange die Inflation die Zinsen übersteigt, werden die steigenden Zinsen von der Inflation aufgefressen." Für Sparer ist die aktuelle Situation also noch immer ein Minusgeschäft - trotz mittlerweile fast 1,5 Prozent Zinsen auf dem Festgeldkonto.

Häuslebauer könnten dagegen durch eine Umschuldung jetzt noch steigende Zinsen in den kommenden Jahren abwehren, so Tenhagen: "Wenn ich einen Kredit habe, der in zwei bis drei Jahren ausläuft, dann kann es sich jetzt noch lohnen, umzuschulden. Denn die Zinsen werden vermutlich weiter steigen." So könnten Bauherren jetzt noch von den - im historischen Vergleich - immer noch sehr niedrigen Zinsen profitieren.

Wie die Entwicklung in der Euro-Zone weitergeht, hängt maßgeblich von den Entscheidungen der Zentralbank ab. Die EZB hatte bereits angedeutet, im Juli erstmals die Leitzinsen zu erhöhen. Nächste Zinsschritte könnten dann im September, beziehungsweise im Dezember folgen.