Passanten gehen vor einem Gameshop-Geschäft entlang | imago/Levine-Roberts

Robinhood-Anleger Gamestop - Flashmob an der Börse

Stand: 26.01.2021 15:05 Uhr

Junge Spekulanten verabreden sich in Foren zum Aktienkauf - und zwingen so selbst Profis in die Knie. Kurssprünge von mehreren 1000 Prozent sind die Folge.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Nach einem Kursanstieg von 51 Prozent am Freitag konnte die Gamestop-Aktie am Montag weiter zulegen und ein Plus von 18 Prozent einfahren. Seit dem Schlusskurs am 31. Dezember hat sich die Aktie des US-Unternehmens damit vervierfacht. Seit dem Tief im April bei 2,80 Dollar steht sogar ein Kursplus von über 2800 Prozent zu Buche. So lesen sich die nüchternen Fakten zu einer der verrücktesten Börsengeschichten des noch jungen Jahres. Doch was steckt dahinter?

Junge Leute stehen vor einem GameStop-Shop |

Ein unspektakulärer Laden eines Unternehmens mit einer ziemlich spektakulären Börsengeschichte

An neuen, alles verändernden Unternehmensnachrichten kann es jedenfalls nicht liegen. Gamestop ist immer noch ein amerikanischer Händler von Videospielen, der mit seinen traditionellen Ladengeschäften massiv unter dem Trend zum mobilen Spielen über die Cloud leidet und von der Insolvenz bedroht ist. Also ein Unternehmen, dessen Aktienkurs in Zukunft eigentlich eher fallen denn steigen sollte.

Leerverkäufer - Engel oder Teufel der Börse?

So dachte zumindest Citron Research - seines Zeichens einer der bekanntesten Short-Seller in den USA. Short-Seller wetten auf den Kursverfall einer Aktie, indem sie die Aktie leerverkaufen: Sie leihen sich die Aktie und verkaufen sie in der Hoffnung, sie später zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen zu können.

GamesStop-Jahres-Chart Jan. 2020 - Jan. 2021 |

Kursexplosion bei der Gamestop-Aktie

Viele mögen das für verwerflich halten. In Wahrheit aber leisten Leerverkäufer durchaus einen wichtigen Beitrag an der Börse: Häufig decken sie Ungereimtheiten in Bilanzen auf und weisen auf Missstände im Unternehmen hin. Denn Fakt ist auch: Die Rechnung der Leerverkäufer kann nur dann richtig aufgehen, wenn bei dem betroffenen Unternehmen tatsächlich etwas im Argen liegt.

Ein gutes Beispiel der jüngeren Börsengeschichte ist Fraser Perring. Während Bafin, Aktienanalysten und Wirtschaftsprüfer jahrelang nicht sehen wollten, was bei Wirecard wirklich los war, griff der Börsenspekulant Perring bereits 2016 das deutsche Unternehmen an. Heute ist klar: Perring hatte mit seinen Vorwürfen von Anfang an Recht.

Andrew Left vs. Robinhood-Trader

Doch zurück zu Gamestop und Citron Research. Hinter Citron Research verbirgt sich der Leerverkäufer Andrew Left, der mit seinen Reports über Firmen, die seiner Meinung nach überbewertet oder in Betrügereien verstrickt sind, regelmäßig für Aufruhr sorgt. Erst in der vergangenen Woche gab Citron Research eine Verkaufsempfehlung für die Gamestop-Aktie heraus.

Doch Andrew Left hatte die Rechnung ohne die Robinhood-Trader gemacht. Dabei handelt es sich um eine neue Spezies von Aktienspekulanten. Sie sammeln sich in Foren wie Reddit und geben sich gegenseitig Tipps. Ihnen eigen ist die kaum bis gar nicht vorhandene Erfahrung an der Börse. Sie sind meist jung und handeln mit kostenlosen Trading-Apps wie Robinhood.

Robinhood Trader-App auf einem Smartphone |

Robinhood - die App, die einer ganzen Generation von Anlegern ihren Namen gab

In einer solchen Reddit-Community stieß die Verkaufsempfehlung von Citron Research für Gamestop auf heftige Empörung. Man verabredete sich zum Kauf - und trieb so den Aktienkurs gewaltig in die Höhe. Das war aber nicht nur der Masse der Robinhood-Käufer geschuldet - diese Art von Tradern macht nach Angaben von Bloomberg mittlerweile rund 20 Prozent des gesamten US-Börsenhandels aus -, sondern auch einem besonderen Börsenphänomen: dem Short-Squeeze.

Der ultimative Short-Squeeze

Der steigende Aktienkurs brachte nämlich Leerverkäufer wie Citron Research in die Bredouille: Jeder Cent nach oben ist ein Verlust für die Leerverkäufer, bei steigenden Kursen läuft ihnen die Zeit davonläuft. Sie müssen die Aktie kaufen, um ihre Leerverkaufsposition zu schließen. Das erzeugt Kaufdruck und treibt so die Aktie immer noch weiter in die Höhe.

Gamestop ist somit der ultimative Short-Squeeze - oder in den Worten von Konstantin Oldenburger, Marktanalyst CMC Markets: "Ein Short-Squeeze, der seines Gleichen sucht und vielleicht mit dem der Volkswagen Aktie im Jahr 2007/2008 zu vergleichen ist."

Ein alter Bekannter

Übrigens: Nicht alle Hedgefonds haben sich bei Gamestop falsch positioniert. So hat etwa Michael Burry auf einen Anstieg der Gamestop-Aktie gesetzt. Burry, bekannt aus dem Film "The Big Short", machte einst in der Finanzkrise ein Vermögen mit seiner Wette gegen den US-Häusermarkt. Im Gegensatz zu den unerfahrenen Robinhood-Anlegern dürfte Burry dabei ganz genau wissen, was er tut.

Die Kursexplosion bei Gamestop sollte nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Risiken beim kurzfristigen Handeln einzelner Aktien mit hohem Einsatz für Privatanleger enorm sind. Vor allem für junge unerfahrene Anleger, die in der Pandemie ihre ersten Schritte an der Börse getan haben und kaum etwas anderes kennen als die rasanten Kurssteigerungen nach dem Crash im März 2020.

Ein Short-Squeeze wie bei Gamestop ist aber die Ausnahme, nicht die Regel an der Börse.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Februar 2021 um 07:36 Uhr.