Wasser hat sich in dem gläsernen Willkommensschild mit Euro-Symbol am Südeingang des Hauptsitzes der Europäischen Zentralbank (EZB) niedergelassen. |
Hintergrund

Zinspolitik der EZB Seit fünf Jahren steht die Null

Stand: 10.03.2021 15:44 Uhr

Sparen mit Zinsen und Zinseszinsen: Das klingt wie eine Verheißung aus einer anderen Zeit. Seit fünf Jahren belässt die EZB den Leitzins auf Null - mit weitreichenden Folgen.

Von Sandra Scheuring, hr

Heute vor genau fünf Jahren eröffnete der frühere Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) eine neue Zeit. "Die Zinsen bleiben niedrig, sehr niedrig, für einen langen Zeitraum", kündigte Mario Draghi am 10. März 2016 an - und sollte recht behalten. "Der Zins ist abgeschafft", stellte Anfang dieser Woche der geschäftsführende Präsident des hessischen Sparkassen- und Giroverbands Gerhard Grandke ernüchtert fest.

Sandra Scheuring

EZB will Kredite an Unternehmen erleichtern

Das wesentliche Ziel der EZB: Geschäftsbanken sollen sich billiger refinanzieren können, um Kredite an die Wirtschaft weiterzugeben. Und das ist aus Sicht der Zentralbank auch gelungen. War von 2012 bis 2015 die Kreditvergabe an Firmen und Haushalte noch geschrumpft, hat sich der Trend längst umgekehrt: Im März 2016 lag das Wachstum des Kreditvolumens laut EZB bei 1,2 Prozent, zwei Jahre später bei drei Prozent.

Klaus-Rainer Jackisch, EZB-Experte der ARD, stimmt zu: "Trotz aller berechtigten Kritik an der Geldpolitik der EZB muss man anerkennen, dass die Notenbank ihr Ziel erreicht hat, günstige Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen zu schaffen. Selten war es für Firmen so günstig, zu investieren und auch Innovationen zu realisieren."

Spareinlagen bringen fast nichts mehr ein

Auf der anderen Seite läutete Draghi mit seiner Entscheidung schwierige Zeiten für Sparer ein. Sie erhalten für Bankeinlagen oder Anleihen nahezu keine Zinsen mehr. Zwar kam es auch in der Vergangenheit vor - wie beispielsweise in den 1970ern und frühen 1990er-Jahren -, dass hohe Inflation vorübergehend die Sparzinsen auffraß, so dass unter dem Strich nicht viel übrigblieb. Doch heute ist die Dimension eine andere.

Wer vorsorgen will, muss andere Möglichkeiten wählen und wird in riskantere Anlagen wie Aktien getrieben. Ein Dilemma, denn die meisten Deutschen hängen an ihren klassischen Sparprodukten. Jeder zweite hat ein Sparbuch oder ein Tagesgeldkonto, und in der Corona-Krise wird in Deutschland sogar noch mehr Geld zur Seite gelegt. So haben Verbraucher in den letzten Jahren Zinseinbußen in Milliardenhöhe verzeichnet - nicht nur bei Sparguthaben, sondern auch bei der Altersvorsorge.

Jan Pieter Krahnen, Direktor des Frankfurter Leibniz-Instituts SAFE, sieht dabei die EZB jedoch mehr als Getriebene als Treiberin der Zinsentwicklung. So seien technischer Wandel und gestiegene Lebenserwartung verbunden mit hohen Ersparnissen die wesentlichen Ursachen für niedrige Realzinsen. "Risiken und Nebenwirkungen einer Niedrigzinspolitik müssen sich an dem orientieren, was alternativ, also ohne Niedrigzinspolitik, geschehen wäre. Die oftmals angeführten sogenannten Belastungen der Sparer erscheinen dann in ganz anderem Licht." 

Profiteure der "ewigen Null"

Profiteure der niedrigen Zinsen sind all jene, die Schulden haben: angefangen bei hochverschuldeten Ländern des Euro-Raums wie Italien, weswegen die Politik des billigen Geldes auch im EZB-Rat hoch umstritten ist. Jens Weidmann, Bundesbankpräsident und EZB-Ratsmitglied, wird nicht müde zu warnen, dass Staaten nicht auf Dauer auf Niedrigzinsen bauen dürften. Die Geldpolitik müsse Abstand zur monetären Staatsfinanzierung wahren. "Wenn Politiker davon ausgehen, dass am Ende die Notenbanken die Tragfähigkeit der Staatsschulden sicherstellen, häufen sie womöglich zusätzliche Schulden an und verstärken so den Druck. Dass solche Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigen verschiedene Forderungen, das Eurosystem möge den Mitgliedstaaten Schulden erlassen", so Weidmann bei der Vorstellung des Bundesbank-Geschäftsberichts Anfang März.

Nutznießer gibt es aber natürlich auch in Deutschland, schließlich besteht die Nation nicht nur aus Sparern. DZ-Bank-Volkswirt Michael Stappel erklärt: "Über das extrem niedrige Zinsniveau können sich natürlich vor allem die Kreditnehmer freuen, der Staat, der Bund, die Länder und Gemeinden - und die privaten Haushalte, die Häuslebauer, die einen Kredit aufnehmen, um Immobilieneigentum zu erwerben." Blickt man nur auf die Hypotheken-Zinssätze, dann haben Häuslebauer derzeit fantastische Bedingungen und zahlen im Schnitt weit unter einem Prozent Zinsen.

"Betongold": Anzeichen für eine Immobilienblase

Im realen Leben wird es kompliziert. Weil sich klassisches Sparen nicht mehr lohnt, suchen Anleger nach neuen Möglichkeiten. Betongold ist beliebt. Das hat die Preise für Immobilien in den letzten Jahren nach oben getrieben, in einigen Städten gibt es Anzeichen für eine Immobilienblase. Und auch andere Märkte sind Auffangbecken für Geld, das angelegt werden soll: Die Aktienmärkte laufen heiß mangels Alternativen, die Rentenmärkte sind verzerrt.

Finanzmarktforscher Krahnen blickt mit Sorge auf die Margen der Banken, die geschrumpft seien "in einem Maße, dass auch die Finanzstabilität betroffen sein kann", denn neben niedrigen Kreditzinsen belasten erhebliche Überkapazitäten den Bankensektor. Ob und wann der Zins zurückkommt - ungewiss. Je länger die Niedrigzinsphase andauert, desto schwerwiegender sind unerwünschte Nebenwirkungen und umso schwieriger wird eine Umkehr.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Januar 2021 um 11:05 Uhr.