US-Notenbanchef Jerome Powell
Hintergrund

US-Notenbank Wann kommt die Zinswende?

Stand: 16.06.2021 09:46 Uhr

Auf ihrer heutigen Zinssitzung dürfte US-Notenbank noch keine Änderung ihrer Strategie beschließen. Doch angesichts stark steigender Preise gerät ihre lockere Geldpolitik zunehmend unter Druck.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Geht es nach Janet Yellen, der US-Finanzministerin und früheren Zentralbankchefin, könnten die Vereinigten Staaten höhere Zinsen gut vertragen. Wenn die Zinsen wieder ein normales Niveau erreichen würden, wäre das "keine schlechte Sache", sagte sie kürzlich der Nachrichtenagentur Bloomberg. Anfang Mai hatte Yellen schon einmal angedeutet, dass höhere Zinsen nötig sein könnten, um eine Überhitzung der Konjunktur zu vermeiden.

Tatsächlich deuten die jüngsten Wachstumsprognosen darauf hin, dass die Wirtschaft der Vereinigten Staaten in diesem Jahr um über sieben Prozent wachsen könnte, womit das Land bereits im Sommer wieder auf Vorkrisenniveau sein würde. Die Volkswirte der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) rechnen für 2021 mit dem kräftigsten Aufschwung seit den 1970er-Jahren, sollte das Hilfspaket von Präsident Joe Biden in Höhe von 1,9 Billionen Dollar wie erhofft den Konsum ankurbeln und die Corona-Pandemie weiter eingedämmt werden.

Erste Reaktionen auf Preisanstieg

Auch der jüngste Anstieg der Verbraucherpreise deutet darauf hin, dass sich Amerika längst wieder im Wachstumsmodus befindet. So ist die Teuerung im Mai im Vergleich zum Vormonat um fünf Prozent gestiegen. Zwar ist dies teilweise auf die Energiepreise zurückzuführen, doch lag der Preisanstieg schon in den Vormonaten über der von der Fed angestrebten Rate von rund zwei Prozent.

Offenbar als Reaktion hierauf haben einige Währungshüter begonnen, über ein vorzeitiges Ende des Anleihe-Kaufprogramms nachzudenken, in dessen Rahmen die US-Notenbank Wertpapiere für 120 Milliarden Dollar pro Monat aufkauft. Den Chef des Notenbank-Bezirks Dallas, Robert Kaplan, treibt die Sorge um, dass die Geldspritzen für "Exzesse und Ungleichgewichte" an den Finanzmärkten sorgen könnten. Dies gelte auch für den Immobilienmarkt.

Es fehlen noch Millionen Jobs

Fed-Chef Jerome Powell bleibt dagegen gelassen. Er hat wiederholt deutlich gemacht, dass es für eine Änderung derGeldpolitik noch zu früh sei. Das betreffe auch die Anleihenkäufe, mit denen die Notenbank die Zinsen am Kapitalmarkt niedrig halten will, bis "substanzielle weitere Fortschritte" auf dem Weg zur Vollbeschäftigung erreicht seien.

Tatsächlich bereitet der Arbeitsmarkt der Fed weiter Sorge. Zwar hat die US-Beschäftigung seit Dezember um knapp 2,4 Millionen Stellen zugelegt. Damit fehlen aber immer noch 7,6 Millionen Jobs verglichen mit Februar 2020, also vor der Krise. "Bei einem Stellenaufbau im selben Tempo wie in den letzten drei Monaten würde es noch bis zum Sommer nächsten Jahres dauern, bis die in der Krise verloren gegangenen Stellen wieder zurückgewonnen wären", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Die Währungshüter erwarten, dass die Arbeitslosenquote bis zum Jahresende auf 4,5 Prozent sinken und 2022 auf 3,9 Prozent zurückgehen wird.

Erste Signale im dritten Quartal

Ökonomen wie Krämer rechnen damit, dass die Fed erst im dritten Quartal erste Signale einer Trendwende ihrer Geldpolitik aussenden dürfte. "Die Rückführung der Anleihenkäufe dürfte sich dann über einen längeren Zeitraum erstrecken und etwa bis Spätsommer 2022 dauern", so der Experte. Eine erste Zinserhöhung erwartet er erst Ende 2023, auch weil sich die Inflation wie von der Fed erwartet, nächstes Jahr wieder etwas beruhigen dürfte. Die Fed ist überzeugt, dass die Teuerungsrate nur vorübergehend über der von ihr angestrebten Zielmarke von zwei Prozent verharren wird.

Ökonom Brian Nick vom US-Vermögensverwalter Nuveen erwartet konkrete Signale für ein Zurückfahren der Anleihekäufe auf dem jährlichen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole Ende August. Sollte sich der Aufschwung im Zuge der Coronavirus-Impfkampagne festigen, könnte Powell auf dem Treffen einen Fingerzeig geben, wann der Ausstieg eingeleitet wird. Dies werde erst Anfang nächsten Jahres der Fall sein, so Nick.

Auch die Experten der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) sehen die US-Notenbanker auf einer schwierigen Gratwanderung. Auf der einen Seite müssten sie den Marktteilnehmern erklären, warum sie trotz der kräftigen Konjunkturerholung und einer Inflationsrate von fünf Prozent die Zügel der Geldpolitik nicht anziehen wollen. Gleichzeitig gelte es, das Vertrauen der Märkte nicht zu gefährden, sie also auf eine etwas weniger expansive Geldpolitik vorzubereiten, ohne sie zu verschrecken.

Schwieriger Spagat

Dieser Spagat ist der Fed bisher gelungen, zeigen sich doch die Anleger unbeeindruckt von den anziehenden Teuerungsraten und den Warnungen einiger Ökonomen vor den Gefahren einer Überhitzung. Powell weiß, wie heikel seine Mission ist.

Ein näher rückender Kurswechsel der Fed ist für die Märkte immer eine kritische Angelegenheit. So sorgten im Mai 2013 erste konkrete Äußerungen des damaligen Notenbankchefs Ben Bernanke zum Zurückfahren der Anleihekäufe für so heftige Turbulenzen, dass die Fed erst Ende 2013 eine Einschränkung der Käufe beschloss.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 19:12 Uhr.