Dunkle Wolken ziehen im letzten Licht des Tages über die Bankenskyline von Frankfurt hinweg.
Analyse

Geldpolitik der EZB Keine Zinswende im kommenden Jahr

Stand: 16.12.2021 17:29 Uhr

Während Fed und Bank of England ihre Geldpolitik deutlich straffen, hält die EZB an ihrem ultra-lockeren Kurs fest. Und das, obwohl die EZB einräumen muss, dass sie mit ihren Inflationsprognosen falsch lag.

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Wenn es um Beschreibungen der gegenwärtigen Geldpolitik geht, sind die Akteure an den Finanzmärkten häufig nicht zimperlich: Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, heißt dort schon seit langem nur noch "Madame Inflation", die EZB als Ganzes gilt vielen als große Zauderin und Zögerin, und besonders scharfe Kritiker werfen den Währungshütern vor, nur noch auf die Interessen der überschuldeten Eurostaaten zu schauen, anstatt sich ihrer eigentlichen Aufgabe zu widmen: Preise in Schach zu halten.

Klaus-Rainer Jackisch

Aus PEPP mach APP

Spätestens seit heute dürfte die EZB noch stärker im Kreuzfeuer stehen. Denn während rund um den Globus die Notenbanken überall die Zügel straffer ziehen und sich angesichts hoher Inflationsraten von ihrer bisherigen Krisenpolitik verabschieden, wiederholt die EZB ihre seit Monaten vorgebrachten Argumente und will auch im nächsten Jahr nicht ansatzweise an der Zinsschraube drehen. Dies muss man jedenfalls den heutigen Beschlüssen des EZB-Rates entnehmen.

Zwar reduzieren auch die europäischen Währungshüter ihre Anleihekäufe - so läuft das als Folge der Corona-Krise aufgelegte PEPP-Programm Ende März kommenden Jahres wie geplant aus; bis dahin wird die EZB rund 1,85 Billionen Euro in Anleihen aller Art auf den internationalen Märkten investiert haben, vor allem in Staatsanleihen der Mitgliedsstaaten. Aber die Notenbanker werden stattdessen ihr altes Anleihe-Kaufprogramm namens APP, das noch aus Zeiten der Euro-Krise stammt, wieder aufpeppen.

APP wurde nie völlig eingestellt, lief auch in Corona-Zeiten parallel zum PEPP-Programm und umfasste monatliche Anleihekäufe in Höhe von 20 Milliarden Euro. Nach den heutigen Beschlüssen wird es im nächsten Jahr weiter fortgesetzt und zweitweise aufgestockt: Danach sollen im zweiten Quartal monatlich Anleihen in Höhe von 40 Milliarden Euro, im dritten Quartal monatlich in Höhe von 30 Milliarden Euro gekauft werden.

Ab Oktober soll es dann wieder auf 20 Milliarden Euro je Monat heruntergefahren werden - macht summa summarum innerhalb dieses Programmes Anleihekäufe in Höhe von 330 Milliarden Euro zusätzlich zum Rest aus dem PEPP-Programm. Außerdem sollen ablaufende Anleihen wieder neu angelegt werden. Das ist zwar deutlich weniger als in Corona-Zeiten, aber deutlich mehr als bei den anderen Notenbanken.

Alle leiten die Zinswende ein - nur die EZB nicht

So hatte die US-Notenbank Fed gestern Abend entschieden, ihr Anleihe-Kaufprogramm im kommenden Jahr auslaufen zu lassen. Angesichts einer robusten Konjunktur und einer Inflationsrate von 6,8 Prozent in den USA gebe es keine Notwendigkeit für unterstützende Maßnahmen mehr, räumte Fed-Chef Jerome Powell ein. Auch kündigte er an, dass im kommenden Jahr die Zinsen anziehen werden. Sie liegen derzeit in einer Spanne zwischen 0 bis 0,25 Prozent. An den Finanzmärkten rechnet man mit drei Zinsschritten, so dass Ende 2022 ein Zinsniveau von rund einem Prozent erreicht werden dürfte.

Auch die britische Zentralbank machte heute die Kehrtwende: Etwas unglücklich kommuniziert, aber im Kern dennoch erwartet, erhöhte die Bank of England heute ihren Leitzins von 0,1 auf 0,25 Prozent. Andere Notenbanken in Kanada und Australien hatten bereits in den vergangenen Wochen die Zügel ihrer Geldpolitik gestrafft oder diesen Schritt angekündigt.

Von solchen Maßnahmen will die EZB weiterhin nichts wissen. EZB-Präsidentin Lagarde begründete die Entscheidungen heute mit der großen Unsicherheit im Zuge der Corona-Krise, die weiterhin eine lockere Geldpolitik notwendig mache. Einer Zinswende erteilte sie erneut eine Absage: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir im kommenden Jahr die Zinsen anheben", so Lagarde im Anschluss an die EZB-Ratssitzung.

Wie passt der EZB-Kurs zur Inflationserwartung?

Die Entscheidung ist umso überraschender und für viele Kritiker unerklärlicher angesichts der neuesten Inflationsprognosen der EZB. Hatten die Währungshüter in den vergangenen Monaten immer wieder betont, die Inflationsrate werde in den kommenden Monaten deutlich und unter die angepeilten zwei Prozent zurückgehen, machten sie jetzt die Kehrtwende: Für das kommende Jahr erwartet die EZB jetzt eine Inflationsrate von 3,2 Prozent - fast doppelt so viel wie die 1,7 Prozent, die bei der letzten Prognose errechnet worden war, die gerade einmal drei Monate alt ist. Auch in den nächsten Jahren erwartet die EZB jetzt höhere Werte, nämlich jeweils 1,8 Prozent für 2023 und 2024, nach zuvor prognostizierten 1,5 Prozent. 

Mit der heutigen Entscheidung zementiert die Europäische Zentralbank also ihre ultra-lockere Geldpolitik und sieht keinen Grund zur Änderung, auch wenn die Welt um sie herum zu anderen Erkenntnissen kommt. Im EZB-Rat, wo es auch dieses Mal unterschiedliche Meinungen gab, aber auch in der Bevölkerung dürfte das in den kommenden Monaten für viel Konfliktstoff sorgen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Dezember 2021 um 15:02 Uhr.