Christine Lagarde | EPA

Reaktion auf hohe Inflation EZB erhöht Leitzins um 0,75 Prozentpunkte

Stand: 27.10.2022 16:19 Uhr

Die Europäische Zentralbank hat angesichts der Rekordinflation in der Eurozone einen weiteren großen Zinsschritt beschlossen. Der Leitzins steigt zum dritten Mal in diesem Jahr, und zwar diesmal von 1,25 auf 2,0 Prozent.

Die Europäische Zentralbank (EZB) kämpft mit einer weiteren großen Zinserhöhung gegen die von Rekordinflation im Euroraum. Die Währungshüter um Notenbank-Chefin Christine Lagarde beschlossen, den Leitzins um 0,75 Punkte auf nunmehr 2,0 Prozent anzuheben.

Der an den Finanzmärkten maßgebliche Einlagensatz wurde im selben Umfang auf 1,50 Prozent erhöht. Dies ist nach September die zweite große Zinserhöhung in Folge und insgesamt bereits der dritte Zinsschritt im laufenden Jahr. Mit ihren Zinserhöhungen will die EZB Kredite verteuern, um die Nachfrage zu bremsen und auf diese Weise hohen Teuerungsraten entgegenzuwirken.

Weitere Zinserhöhungen möglich

Die Währungshüter signalisierten zugleich ihre Bereitschaft zu weiteren Zinserhöhungen: Der EZB-Rat "geht davon aus, dass er die Zinsen weiter anheben wird", hieß es. Das bestätigte Lagarde auch in ihrer Pressekonferenz. Außerdem betonte sie, man werde kommende Entscheidungen von Sitzung zu Sitzung treffen. Die nächste reguläre Sitzung der EZB ist für Dezember angesetzt.

Die wirtschaftliche Aktivität habe sich im dritten Quartal wahrscheinlich deutlich verlangsamt, sagte die EZB-Chefin in Frankfurt. Die EZB rechne damit, dass sich die Wirtschaft der 19 Länder der Eurozone bis Anfang nächsten Jahres weiter abschwächen werde.

Aus den jüngste Konjunkturdaten geht hervor, dass die Eurozone auch wegen der Schwäche ihrer größten Volkswirtschaft Deutschland auf eine Rezession zusteuert. So fiel der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft im Oktober und liegt nun deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50 Zählern.

Staaten der Eurozone sollen Schulden abbauen

Lagarde rief die Regierungen der Eurozone dazu auf, sich auch weiterhin um einen Abbau ihrer Staatsschulden zu bemühen. Die Regierungen sollten eine Finanzpolitik verfolgen, "die zeigt, dass sie die hohen staatlichen Schulden schrittweise reduzieren wollen". Sie plädierte gleichzeitig aber auch für Hilfen für die "Schwachen" - wenn auch "befristet und gezielt."

Reaktion auf anhaltenden Preisschub

Mit ihrem abermaligen großen Zinsschritt reagieren die Währungshüter auf den anhaltenden Preisschub. Angetrieben von den steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen infolge des Ukraine-Kriegs ist die Inflationsrate im September auf 9,9 Prozent geklettert - das höchste Niveau seit Gründung der Währungsunion.

Die Teuerung hat dabei immer weitere Bereiche der Wirtschaft erfasst. Auch ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel zog die Teuerungsrate zuletzt kräftig an. Die Inflation liegt inzwischen fast fünfmal so hoch wie das Inflationsziel der Notenbank von zwei Prozent, das sie als ideal für die Wirtschaft erachtet.

Deutlicher Einfluss auf importierte Inflation

Nicht zuletzt haben die Währungshüter mit ihrer Geldpolitik auf einen Teilbereich der Inflation einen deutlichen Einfluss: nämlich auf die so genannte importierte Inflation. Denn es ist auch der schwache Euro, der die Preise hierzulande steigen lässt. So notieren Rohstoffe wie etwa Öl in Dollar. Fällt der Euro zum Dollar, müssen Käufer im Euroraum für die gleiche Menge Öl unter sonst gleichen Bedingungen mehr bezahlen.

Steigende Leitzinsen im Euroraum machen jedoch Anlagen im Euroraum attraktiver, das lässt wiederum die Nachfrage nach Euro und damit den Euro-Kurs steigen. Wie sehr die EZB mit ihrer Geldpolitik hier Einfluss nehmen kann, ließ sich zuletzt am Devisenmarkt beobachten. Der Euro/Dollar-Kurs konnte seit Wochenbeginn um rund 1,6 Prozent zulegen. Marktbeobachter sprechen von einem klassischen "Antizipierungseffekt": Die Anleger nahmen also die bevorstehende Leitzinserhöhung vorweg.