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Folgen der drohenden Pleite Evergrande-Probleme für Schweizer Banken

Stand: 04.10.2021 16:01 Uhr

Die Probleme des Immobilienriesen Evergrande machen Europas Börsen seit Wochen zu schaffen. Die drohende Pleite könnte mit ihren Konsequenzen vor allem Schweizer Banken hart treffen.

Von Vera Rudolph, ARD-Studio Genf, zzt. Stuttgart

Die erhofften Wachstumspläne von UBS, Credit Suisse und Julius Bär könnten sich wegen der Evergrande-Krise in Luft auflösen. Die drei Banken sind in Asien viel stärker aktiv als ihre europäischen Wettbewerber. Vor allem die Kurse dieser drei Banken waren zwischenzeitlich aufgrund der drohenden Pleite des chinesischen Konzerns gefallen.

Das Problem sind Privatkunden

Andreas Venditti, Banken-Analyst bei Vontobel, sieht dafür mehrere Gründe. Vor allem UBS und Credit Suisse seien viel internationaler aufgestellt und setzen nicht nur auf Europa oder die USA: "Beide haben sich eine große Präsenz in Asien aufgebaut und gehören dort zu den Leadern der nicht asiatischen Banken. Asien ist eine Region mit großem Wachstum, von dem die Banken profitieren."

Zu ihrem Kerngeschäft zählten vermögende Kunden, so Venditti. "UBS gilt in Asien als größter Vermögensverwalter für private Personen - viele der vermögenden Anleger sind mit Anlagegeschäften und Aktienfonds im chinesischen Markt aktiv und haben ihr Geschäft mit Immobilien gemacht." Genau diese Anleger seien jetzt mit in die Evergrande-Krise verstrickt.

Hinzu kommt, dass die Credit Suisse laut einem Bericht der britischen Wirtschaftszeitung "Financial Times" bereits Ende 2018 den Kreditwunsch des Evergrande-Präsidenten Hui Ka Yuan über eine Milliarde Dollar abgelehnt haben soll. Hui habe mit dem Kredit neue Evergrande-Anleihen kaufen wollen - zur Sicherheit. Das Risikomanagement der Bank habe das aber als "zirkuläre Finanzierung" bewertet und abgelehnt. Offenbar soll Hui aber Privatkunde bei der Bank geblieben sein. Damit ist Hui - damals der drittreichste Mann Chinas - genau die Art super-reicher Kunden, welche die Credit Suisse mit ihrem Wealth-Management-Portfolio bedienen will - und durch die sie jetzt mit in den Abwärtsstrudel der Krise gerät.

"Es gibt zu viele Schulden im System"

Der Anteil des Immobiliensektors an der chinesischen Wirtschaftsleistung ist groß, er wird auf fast 30 Prozent geschätzt. Damit belastet die Krise von Evergrande auch die Schweizer Banken. Die Nervosität sei aber auch zu Stande gekommen, weil sich die Regierung mit der Kommunikation weiterer Pläne zunächst komplett zurückgehalten habe, so Venditti.  Mittlerweile haben sich die Kurse wieder stabilisiert.

Für Marc Chesney, Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich, ist der Fall von Evergrande aber nur ein Beispiel und steht für ein viel größeres Problem. "Die Gefahr ist allgemein: Es gibt viel zu viele Schulden im System. Das ist das Problem für Unternehmen und für Länder", sagt Chesney. "Die privaten und öffentlichen Schulden weltweit entsprechen heute zirka 365 Prozent des BIP weltweit. Die Schulden steigen schneller als das BIP, das ist gefährlich. Wir arbeiten mit einem Paradigma in der Ökonomie: Mehr Schulden in der Hoffnung, Wachstum zu fördern. Und es wird Wachstum gefördert, in der Hoffnung, einen Teil der Schulden zu bezahlen." Doch das funktioniere leider nicht, so Chesney - das sei Tatsache. "Das Wachstum von Evergrande basiert auf Schulden, das irgendwann explodiert. Das war der Fall vorher mit Lehman Brothers und ist der Fall für viele Länder."

Ein Alptraum, der sich wiederholt?

Der Sturz von Evergrande weckt Erinnerungen an die Finanzkrise von 2008. Nicht zu unrecht: Zwar hatte Lehman Brothers mit über 600 Milliarden deutlich höhere Schulden angehäuft und war mehr in das weltweite Finanzsystem integriert als Evergrande. Eine Pleite des Konzerns wäre aber nach der Lehman-Insolvenz eine der größten in der Geschichte. "Auch wenn die Pleite dieses chinesischen Konzerns keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Schweizer Banken hat, macht die Kettenreaktion, die sie auslösen könnte, die Banken nervös", so Venditti.

Nun sucht die chinesische Regierung nach Möglichkeiten, eine Insolvenz des zweitgrößten Immobilienentwicklers der Volksrepublik abzuwenden, um größere Turbulenzen im chinesischen Finanzsektor und am Immobilienmarkt zu vermeiden: Mittwoch vergangener Woche hatte die chinesische Zentralbank Geschäftsbanken angewiesen, weiterhin Kredite an Immobilienentwickler und Wohnungskäufer zu vergeben, um den fallenden Aktienkurs zu bremsen. Zwischenzeitlich gelang das auch. Nichtsdestotrotz: Seit Jahresbeginn beläuft sich der Kursverlust der Konzernpapiere auf mehr als 78 Prozent.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Oktober 2021 um 16:00 Uhr.