Blume und EU-Flaggen in Grün auf einer Wahlparty der Grünen (Archivbild vom 25.05.2014) | dpa

Green Bonds der EU Mehr oder weniger grün

Stand: 01.10.2021 14:45 Uhr

Nachhaltig und mit gutem Gewissen Geld anlegen: Diese Idee steckt hinter sogenannten Green Bonds. Von heute an gibt die Europäische Union solch grüne Anleihen aus. Doch wie grün sind sie wirklich?

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Noch ist in der Europäischen Union überhaupt nicht endgültig geklärt, wieviel Grün in den sogenannten Green Bonds, den grünen Geldanleihen, eigentlich stecken soll, da kommen sie auch schon auf den Markt - erst einmal für Großinvestoren, später auch für Kleinanleger. In den kommenden fünf Jahren will die EU-Kommission mit diesen ökologischen Schuldscheinen insgesamt 250 Milliarden Euro einsammeln - Geld, das in den riesengroßen europäischen Corona-Rettungsfonds mit dem Namen "Next Generation EU" fließen soll, der ja über gemeinsame Schulden der EU-Staaten finanziert wird. Die Green Bonds sind ein entscheidender Pfeiler der Finanzierung; sie machen etwa ein Drittel des gesamten Volumens aus.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Grüne Anleihen bei Anlegern immer beliebter

EU-Haushaltskommissar Johannes Hahn spricht stolz davon, dass die Europäische Union damit weltweit die meisten Öko-Schuldscheine herausgeben werde - zumindest langfristig. Allerdings hatten in den vergangenen Monaten bereits einige europäische Mitgliedsstaaten eigene Bonds herausgegeben, darunter Deutschland, die Niederlande, Frankreich und Spanien. Dem EU-Haushaltskommissar zufolge wird der Markt für solche Anleihen in den nächsten Jahren immer attraktiver. Investoren suchten schon jetzt gezielt nach grünen Geldanlagen, denn es wachse die Überzeugung, dass der Umbau der Wirtschaft hin zur CO2-Neutralität nicht mehr aufzuhalten sei.

Also will die EU möglichst früh dabei sein und für Anleger möglichst attraktiv. Das Ganze hat allerdings einen Schönheitsfehler - noch zumindest. Denn bisher gibt es noch keine einheitlichen EU-Standards dafür, wie viel Grün in der europäischen Anlage genau stecken muss. Zwar wird garantiert, dass die Gelder für die Schuldscheine in Klimaschutzprojekte fließen; in die Entwicklung CO2-neutraler Transportketten etwa, in die Gebäudesanierung oder auch in den Ausbau erneuerbarer Energien. Exakte Definitionen, was das genau heißt, fehlen bisher jedoch. Als Richtgröße gelten internationale Standards, nicht die europäischen.

Skeptikern fehlt klare Definition

Der Europaparlamentarier und Finanzexperte Damian Böselager von der Europäischen Volt-Partei bringt das so auf den Punkt: Ohne ganz genau zu definieren, was eine grüne Anleihe wirklich sei, und ohne zu erklären, wozu genau das Geld verwendet werde, gebe die Kommission schon eine solche Anleihe heraus. Das sei ein Problem. Man könnte auch sagen: Hier wird der zweite Schritt vor dem ersten gemacht.

Sichtbar wird das beispielsweise beim Erdgas: Eigentlich hält Brüssel das nicht für eine zukunftsträchtige Energie, schließlich ist die Verbrennung von Erdgas nicht klimaneutral. Trotzdem können Investitionen in die Energieversorgung mit Erdgas mit Green Bonds finanziert werden - dann jedenfalls, wenn es um Fernwärme geht. Für Atomenergie dagegen, so der Haushaltskommissar, kämen grüne Anleihen nicht in Frage.

Zankapfel Kernkraft

Doch ob das auf Dauer so bleibt und was in Zukunft überhaupt als Klimaschutzinvestition in der EU gilt, darüber wird in Brüssel und in den europäischen Hauptstädten nach wie vor diskutiert. Es geht um die sogenannte Taxonomie in der EU, mit der solche Investments klassifiziert werden. Die Atomkraft ist dabei der offensichtlich größte Streitpunkt.

Frankreich besteht darauf, dass elektrischer Strom aus Kernreaktoren in Europa als klimaneutral gelten muss. Denn bei der Stromversorgung spielt Atomkraft in Frankreich nach wie vor die wichtigste Rolle. Paris will darüber keine Debatte - und bekommt Unterstützung aus vielen osteuropäischen Ländern, die ebenfalls auf Kernenergie setzen. In Deutschland oder Dänemark sieht man das ganz anders. Noch in diesem Jahr soll die Taxonomie zur Klimaneutralität in der EU genau definiert werden: Kompliziert, heißt es aus der Brüsseler Kommission dazu.

Orientierung am Corona-Rettungsfonds

Doch den europäischen Green Bonds tut das keinen Abbruch. Bis eigene Standards fest gesetzt werden, orientiert man sich bei ihnen deshalb an den Regeln, die auch für die Verwendung der Gelder aus dem großen Corona-Rettungsfonds gelten. Denn auch diese Mittel müssen von den Mitgliedsstaaten zu rund einem Drittel für Klimaschutzprojekte ausgegeben werden. Und da gibt es durchaus Vorschriften. Beispielsweise für Investitionen in die Gebäudesanierung: Nur solche gelten als grün, wenn sie mindestens 40 Prozent des Energiebedarfs eines Gebäudes einsparen.

So soll es zumindest sein. Jetzt komme es darauf an, die Verwendung der Gelder in der Praxis auch genau zu prüfen und transparent zu machen, mahnt Europaparlamentarier Böselager an. Das soll dafür sorgen, dass Europa beim Klimaschutz den richtigen Kurs nimmt und dass Anlegern, die Europas Schulden mit dem Kauf grüner Anleihen finanzieren, ein grünes Investment nicht nur vorgegaukelt wird - nach dem Motto: Es grünt so grün, aber mehr auch nicht. Den Europäischen Green Bonds könne man voll und ganz trauen, heißt es aus der Kommission. Ob die Anleger das tun, wird sich von heute an zeigen. In Brüssel jedenfalls geht man fest davon aus.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 01. Oktober 2021 um 14:11 Uhr.