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Vorschlag des ifo-Instituts Realsplitting statt Ehegattensplitting?

Stand: 16.09.2021 19:41 Uhr

Seit Jahren kocht die Debatte über das Ehegattensplitting immer wieder hoch. Die Kritik: Das Steuerrecht macht das Arbeiten für den schlechter verdienenden Ehepartner unattraktiv. ifo-Präsident Clemens Fuest schlägt nun eine Reform vor.

Bereits seit 1958 gilt das sogenannte Ehegattensplitting im Steuerrecht. Dabei werden die Einkommen von Ehepartner A und Ehepartner B erst zusammengezählt und anschließend durch zwei geteilt - sprich: gesplittet. Auf das so errechnete Einkommen wird dann die Steuer erhoben. 

Die Regelung ist seit Jahren umstritten, da sie die traditionelle Rollenverteilung begünstigt. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts, empfiehlt nun einen Kurswechsel. "Aus ökonomischer Sicht setzt das Ehegattensplitting für die Zweitverdiener, in der Regel Frauen, starke Anreize, nicht erwerbstätig zu sein oder allenfalls eine Teilzeitstelle anzunehmen - und sich stattdessen auf Haushaltsarbeit und Kindererziehung zu konzentrieren", sagte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts in München.

Ein Systemschwenk auf Modelle wie das Realsplitting könne Impulse für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Zweitverdiener setzen. Um Belastungen für Ehen zu begrenzen, seien Übergangslösungen denkbar.

Fördert das Splitting die Hausfrauenehe?

Kritiker bemängeln schon lange, dass in der Systematik Kinder erst einmal keine Rolle spielen. Die Ehe sei dem Staat steuerlich mehr wert als Kinder. Zudem fördere das Splitting die Hausfrauenehe. Denn der Zweitverdiener mit geringerem Gehalt, meistens immer noch Frauen, werde quasi vom Arbeiten abgehalten, da sich das finanziell nicht rechnet.

Durch das progressive Steuersystem ist die Ersparnis besonders hoch, wenn ein Partner deutlich mehr verdient. Das heißt: Je größer die Gehaltsunterschiede, desto mehr Vorteile. Denn je mehr jemand verdient, desto mehr Steuer muss er bezahlen. Und so kann es sich lohnen, einen Teil des eigenen Einkommens auf den Partner mit geringeren Steuersätzen aufzusplitten.

Realsplitting als Alternative

SPD und Grüne wollen das Ehegattensplitting abschaffen, während die Union daran festhält. Das Familienbild sei heute vielfältiger als die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau mit dem Mann als Alleinverdiener, begründete Fuest seinen Vorstoß. "Die Gleichberechtigung von Frauen, ein grundlegendes gesellschaftliches Anliegen, hat viel mit Erwerbstätigkeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu tun."

Um die Frauenerwerbstätigkeit zu erhöhen, könne die Steuerpolitik allerdings nur einer von mehreren Pfeilern sein. "Es ist ein Maßnahmenbündel erforderlich, das die Kinderbetreuung weiter ausbaut sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark verbessert", so der Ökonom. Sein Vorschlag, das sogenannte Realsplitting, besteuert die Ehepartner im Prinzip unabhängig voneinander. Allerdings kann der Erstverdiener steuerlich einen gewissen Betrag auf den Zweitverdiener übertragen. Das sei sinnvoll, weil die Ehepartner gegenseitig zum Unterhalt verpflichtet seien, sagte Fuest.

Die Arbeitsanreize für den Zweitverdiener werden danach beim Realsplitting nicht so stark eingeschränkt wie beim Ehegattensplitting. Die Steuerlast des Zweitverdieners sei auch beim Realsplitting vom ersten Euro an positiv, weil der übertragene Einkommensbetrag bereits steuerpflichtig sei. Deshalb seien die Beschäftigungseffekte positiv, aber letztlich überschaubar. Vorliegende Schätzungen würden von rund 50.000 zusätzlichen Vollzeitstellen sprechen.