Joachim Nagel | AFP

Bundesbank-Chef im Interview "Sechs Prozent Inflation in diesem Jahr"

Stand: 06.04.2022 19:31 Uhr

Die Inflationsrate ist auf ein Rekordniveau gestiegen, eine spürbare Verbesserung nicht in Sicht. Bundesbank-Präsident Nagel sagt im Interview mit dem ARD-Magazin plusminus: Er erwarte für das Gesamtjahr sechs Prozent Inflation.

plusminus: Nullzinsen, hohe Inflation und seit fünf Wochen auch noch der Krieg in der Ukraine. Schwieriger könnte ein Start ins Amt des Bundesbank-Präsidenten nicht sein, oder?

Joachim Nagel: Es ist klar: Die vergangenen drei Monate waren sehr herausfordernd für uns alle. Gerade die letzten sechs Wochen, die wir uns natürlich so hätten nicht vorstellen können mit diesem schrecklichen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Das sind Themen, die die Zentralbanken, die uns alle zu beschäftigen haben und viele Fragen aufwerfen. Das waren schon drei ganz harte Monate.

Niedrigverdiener besonders belastet

plusminus: 7,3 Prozent Inflation. Das ist so viel wie seit 40 Jahren nicht mehr. Was sagen Sie den Verbraucherinnen und Verbrauchern, die jetzt unter diesen Preisen zu leiden haben?

Nagel: Dieses Thema beschäftigt uns alle. Das macht mir Sorgen, das macht uns allen Sorgen. Gerade Menschen mit kleineren oder mittleren Einkommen werden besonders hart durch die hohen Preise getroffen. Und da müssen wir ran. Wir als Notenbanker. Diese hohen Inflationsraten dürfen sich nicht verfestigen. Das wird sicherlich eine Aufgabe sein - insbesondere für das Eurosystem in diesem Jahr.

plusminus: Aktuell liegt die Inflationsrate bei über sieben Prozent. Erwarten Sie da in den kommenden Monaten Besserung?

Nagel: Zunächst muss man sagen: Es gibt viele Sonderfaktoren, die wir kennen. Natürlich jetzt auch noch mal durch diesen fürchterlichen Krieg. Die Besserung dürfte dann zu erwarten sein, wenn sich bestimmte Preissteigerungen wieder aus diesen Berechnungen herausbewegen. Aber insgesamt ist es natürlich eine Entwicklung, die uns nicht gefallen kann. Wir erwarten schon im Jahresdurchschnitt 2022 eine Inflationsrate, die bei sechs Prozent liegen kann. Und das ist natürlich zu viel.

"Harte Jahre für Sparer"

plusminus: Der Ukraine-Krieg tut ein Übriges. Da reden Ökonomen lieber über Szenarien als über Prognosen. Was ist aus Ihrer Sicht der beste Fall, der jetzt eintreten kann?

Nagel: Der beste Fall, das liegt auf der Hand, ist, dass dieser Krieg hoffentlich bald vorbei sein wird. Besser heute als morgen. Das muss unser großes Ziel sein. Das würde uns makroökonomisch am besten helfen. Das würde an der Preisfront helfen. Das würde realwirtschaftlich helfen. Das würde mehr Sicherheit geben in die Finanzmärkte.

plusminus: Und der schlechteste Fall?

Nagel: Der schlechteste Fall ist, dass dieser Krieg bleibt, dass dieses Leid bleibt und die damit verbundenen Konsequenzen: Möglicherweise noch mehr Preiserhöhung bei den Energiepreisen. Insgesamt dann diese Überschwappeffekte auf die Realwirtschaft, das wäre der schlechteste Fall.

plusminus: Die Geldentwertung trifft die Sparer gleich doppelt. Denn es kommt ja hinzu, dass es keine Zinsen mehr auf dem Spar- oder Tagesgeldkonto gibt. Daher die einfache Frage: Wann kommen die Zinsen zurück?

Nagel: Ich kann mir natürlich gut vorstellen, dass es für Sparer ziemlich harte Jahre waren. Natürlich gibt es den Wunsch bei uns und den Sparern nach der Rückkehr zu positiven Zinsen. Nur man muss auch sagen, dass es immer zwei Seiten gibt: Diejenigen, die möglicherweise eine Immobilie zu finanzieren hatten, die Investitionen zu tätigen hatten - wie so viele Unternehmen: All die haben natürlich auch profitiert. Und insgesamt hat es dann auch der Wirtschaft geholfen.

EZB führt Ankaufprogramme zurück

plusminus: Sie sind als Bundesbankpräsident im EZB-Rat. Kommende Woche könnten Sie bei der nächsten Sitzung die Entwicklung beschleunigen und die Leitzinsen erhöhen.

Nagel: In unserer letzten geldpolitischen Sitzung im März haben wir uns nach meiner Meinung auf einen guten Pfad verständigt. Wir haben dort beschlossen, dass die Ankaufsprogramme zunächst auf der Nettobasis stark zurückgeführt werden. Bis zum Juni auf pro Monat 20 Milliarden Euro - das ist schon eine Hausnummer im Vergleich zu den früheren Zahlen. Und dann, auf der Basis der Zahlen, die wir dann im Juni sehen, wollen wir dann noch mal neu entscheiden. Das, was wir jetzt sehen am aktuellen Rand, deutet darauf hin, dass möglicherweise auch der Sparer sich bald wieder über höhere Zinsen freuen kann.

plusminus: Vor der Euro-Einführung konnte die Bundesbank ganz alleine über die Zinsen entscheiden. War das damals die bessere Zeit für Deutschland?

Nagel: Es war sicherlich eine andere Zeit mit ihren eigenen Herausforderungen. Krisen gab es damals auch. Wir blenden oft aus, dass dort die Geldpolitik auch oft in schwierigen Situationen war. So rosarot, wie manchmal die Vergangenheit gesehen wird, war auch die geldpolitische Vergangenheit der Bundesbank nicht.

"Spannendes Gremium"

plusminus: Die Erwartungen nach Ihrer Berufung sind hoch. Wie werden Sie denn jetzt in Zukunft in der EZB die deutschen Positionen vielleicht etwas sichtbarer vertreten als ihr Amtsvorgänger Jens Weidmann?

Nagel: Zunächst einmal glaube ich gar nicht, dass man das bei meinem Vorgänger vermisst hat. Ich finde, dass mein Vorgänger einen ganz exzellenten Job gemacht hat. Er hat die Bundesbank im EZB-Rat hervorragend vertreten. Der EZB-Rat ist ein spannendes Gremium. Wir haben die 19 Länder mit ihren Vertretern und das EZB-Direktorium. Die tauschen sich argumentativ aus und wollen das Beste für die Euro-Zone rausholen. Wir vertreten dort im EZB-Rat nicht unsere Länder, sondern wir handeln im Interesse der Euro-Zone. Wir wollen Preisstabilität herstellen. Bislang kann ich nur sagen: Ich finde dieses Gremium ganz ausgezeichnet.

plusminus: Neben der hohen Inflation explodieren auch die Ausgaben des Staates. Auch darauf muss ein Bundesbankpräsident achten. Was ist zu tun?

Nagel: Eine Fiskalpolitik, die auf Stabilität ausgerichtet ist, ist auch immer gut für eine gute Geldpolitik. Insofern konnte man sehen, dass Deutschland vor der Pandemie eine sehr gute Fiskalpolitik gemacht hat. Wir konnten gestärkt in die Pandemie gehen. Es gab viele Sonderprogramme, die der deutschen Wirtschaft geholfen haben. Und das wäre ohne eine solide Fiskalpolitik zuvor so nicht möglich gewesen.

Jetzt sind wir natürlich durch diese schrecklichen Kriegsereignisse in einer ganz anderen Situation. Die Bundesbank unterstützt hier ganz klar die Linie der Bundesregierung. Es geht hier um eine Situation, die eben auch fiskalisch andere Maßnahmen entsprechend einfordert. Das wird hoffentlich temporär und bald vorüber sein. Dann wird die Bundesregierung auch ganz bestimmt wieder zu einer Fiskalpolitik zurückkehren, so wie wir es hier vor der Pandemie kannten.

Das Interview führte Markus Gürne.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Wirtschaftsmagazin "plusminus" im Ersten am 06. April 2022 um 22.00 Uhr.