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Jugend-Boom an der Börse Die neue "Generation Aktie"

Stand: 25.02.2021 16:40 Uhr

Im Corona-Jahr engagierten sich so viele Menschen an der Börse wie seit 20 Jahren nicht mehr. Vor allem die junge Generation hat die Börse für sich entdeckt. Was gilt es für die "Börsen-Rookies" zu beachten?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Deutschen haben keine Aktienkultur. Sie scheuen jedes Risiko. Sie lieben ihr Sparbuch und ihr Girokonto. Und wenn sie einmal etwas finanziell ganz Verwegenes wagen wollen, dann eröffnen sie ein Tagesgeldkonto. Dieser Ruf eilt den Bundesbürgern hierzulande und auch im Ausland voraus. Deutschland hat im internationalen Vergleich auffallend wenige Aktionäre, obwohl Experten immer wieder betonen, wie wichtig die private Altersvorsorge via Aktien ist.

Doch 2020 haben offenbar viele Bundesbürger ihre Vorbehalte gegenüber Aktien über den Haufen geworfen. Im Corona-Jahr engagierten sich laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) 12,4 Millionen Menschen an der Börse - so viele wie zuletzt vor 20 Jahren. Damit ist etwa jeder Sechste hierzulande in Aktien investiert. "Das entspricht 17,5 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren", rechnet das DAI vor.

Aktionäre und Anleger in Fonds und ETFs im Vergleich 2019 - 2020 |

2020 haben mehr Bundesbürger direkt oder via Fonds/ETFs in Aktien investiert.

67 Prozent mehr junge Anleger

Besonders aktiv war dabei die Gruppe der Unter-30-Jährigen. Fast 600.000 junge Erwachsene wagten sich 2020 auf das Börsen-Parkett - das ist ein Plus von 67 Prozent und der mit Abstand kräftigste Anstieg aller Altersgruppen. In keinem anderen Jahr seit Beginn der regelmäßigen Erhebung 1997 konnte das DAI eine größere Wachstumsrate bei den Jungen messen.

Doch woher rührt das plötzliche Interesse der jungen Generation an der Börse? Steckt dahinter etwa die wachsende Erkenntnis, dass Aktien angesichts chronischer Minizinsen nahezu alternativlos sind? Möglich - allerdings begann die Ära der Niedrigzinsen bereits mit der Finanzkrise, ohne dass dies der Aktienkultur in Deutschland einen großartigen Schub gegeben hätte.

Aktiensparer nach Altersgruppen |

Von allen Altersgruppen weist die Gruppe der unter-30-Jährigen das größte Plus auf.

Zeit, die Finanzen aufzuräumen

Eine viel wichtigere Rolle für den deutschen Aktien-Boom dürfte indes die Corona-Pandemie gespielt haben. Hat sie den jungen Anlegern doch alles verschafft, was es braucht, um sich in das Thema Aktien und Börse reinzufuchsen: Zeit und Geld.

Geschlossene Restaurants, geplatzte Urlaube, weniger Shopping-Exzesse - all das ließ das Vermögen der Deutschen in der Pandemie anschwellen. Laut einer Studie der DZ Bank lag die Sparquote 2020 bei historisch hohen 16 Prozent. Und so nutzten offenbar viele Bürger die frei gewordene Zeit im Lockdown nicht nur dafür, um in ihren vier Wänden für klar Schiff zu sorgen, sondern auch um ihre Finanzen einmal gründlich aufzuräumen.

Kostengünstige Apps als Einfallstor

Dabei dürfte die zunehmende Digitalisierung eine wichtige Rolle für den Jugend-Boom an der Börse gespielt haben. Günstige Onlinebroker wie Trade Republic oder Justtrade verlangen keine oder nur geringe Gebühren für Transaktionen. Apps mit ansprechendem Design und hoher Funktionalität bieten einen einfachen Zugang zum Aktienmarkt. Der nächste Aktien- oder ETF-Kauf ist so nur ein paar Wischs entfernt. "Das Aktiensparen erscheint im neuen Gewand - und trifft bei vielen Menschen offenbar den Nerv der Zeit", unterstreicht das DAI in seiner Studie.

Nicht zuletzt haben auch Influencer, Youtuber und Internetforen das Thema Geldanlage für sich entdeckt. "Das spricht vor allem die junge Generation an, die sich dort informiert und über Diskussionen mit Gleichgesinnten lernt", meinen die DAI-Experten.

Die Angst vorm Crack-up-Boom

Nicht alle stehen jedoch dem Jugend-Boom an der Börse so aufgeschlossen gegenüber. Einige Experten warnen sogar vor den "jungen Wilden". Sie fürchten, die unerfahrenen Börsen-Anleger könnten einen sogenannten Crack-up-Boom befeuern: eine Katastrophen-Hausse fernab jeder wirtschaftlichen Realität, die somit von vornherein zum Scheitern, sprich zum Crash verurteilt sei.

Tatsächlich steht den jungen Anlegern ihre große Feuerprobe noch bevor: der erste große Crash, die erste womöglich Jahre andauernde Baisse. Die Geschichte zeigt aber auch: Wer investiert bleibt und stur weiter spart, steht meist schon kurze Zeit nach einer solchen Krise besser da als zuvor. Denn nur wer langfristig investiert, kann vom Zinses-Zins-Effekt profitieren und sein Geld vermehren.

Sparpläne vs. "Zocken"

Das DAI rechnet auf Basis einer jährlichen Rendite von sechs bis neun Prozent bei einer Anlage in den DAX vor: "Wer also beispielsweise 50 Euro monatlich in einen Fondssparplan angelegt hat, hat nach 20 Jahren aus 12.000 Euro Spareinsatz im Schnitt 31.000 Euro gemacht."

In dieser Hinsicht bergen die neuen Trading-Apps durchaus ein gewisses Risiko, meinen Experten, verführen sie doch womöglich zum häufigeren Handeln, zum "Zocken". Zugleich bieten die neuen Broker aber auch günstige Fonds- und ETF-Sparpläne, die für den langfristigen Vermögensaufbau auch mit kleinen Sparbeträgen hervorragend geeignet sind.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. Februar 2021 um 10:57 Uhr.