Broker handeln an der New Yorker Börse | picture alliance/dpa/AP
Analyse

Börsen im zweiten Halbjahr Die Zeit einfacher Gewinne ist vorbei

Stand: 01.07.2021 16:13 Uhr

DAX und Dow haben ein äußerst erfolgreiches Halbjahr hinter sich. Doch den Börsenindizes dürfte es schwerfallen, diese Kursgewinne fortzusetzen. Daran sind nicht nur hohe Inflationsraten schuld.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Börsen-Bilanz fürs erste Halbjahr: Für den deutschen Leitindex DAX stehen Gewinne von 13,2 Prozent zu Buche. Ähnlich präsentierten sich der US-Leitindex Dow Jones mit einem Plus von 12,7 Prozent und der technologielastige Nasdaq Composite mit einem Anstieg von 12,5 Prozent. Der den breiten US-Markt abbildende Index S&P 500 legte sogar 14,4 Prozent zu.

Kaum noch Aufwärtspotenzial

Diese Rückschau sagt aber rein gar nichts über die Perspektiven der Aktienmärkte in der zweiten Jahreshälfte aus. David Kostin, US-Chef-Aktienstratege bei Goldman Sachs, schließt zwar weiteres Aufwärtspotenzial für die Märkte bis zum Jahresende nicht gänzlich aus. Er ist aber überzeugt, dass es schwieriger werden dürfte, Kursgewinne zu generieren.

"Es hat diesen Wiedereröffnungs-Trade gegeben, der ist aber so gut wie durch. Der Extrempunkt der Expansion liegt bereits hinter uns", betont auch Robert Rethfeld, Marktexperte von Wellenreiter-Invest gegenüber tagesschau.de. "Das zweite Halbjahr dürfte geprägt sein von Stagnation bis hin zu leichten Korrekturen. Das muss kein großer Abverkauf sein, aber dieses starke Aufwärtstempo des ersten Halbjahres, das wird es nicht mehr geben."

Das ist jetzt die Gretchenfrage

Dabei bleibt das Inflationsthema auch in den kommenden sechs Monaten die Gretchenfrage für die Börse. Während mögliche Einschränkungen wegen der Delta-Variante oder anderer Corona-Mutanten die Stimmung an den Börsen Experten zufolge eher kurzfristig dämpfen könnten, haben anziehende Inflationsraten und infolgedessen steigende Zinserwartungen das Zeug dazu, die Börsen nachhaltig unter Druck zu setzen.

Steigende Zinsen machen Aktien im Vergleich zu Anleihen weniger attraktiv. Vor allem bei Tech-Aktien gilt die Zinsentwicklung als Risikofaktor für die künftigen Gewinne.

Hohe Inflation nur vorübergehend?

Die Kombination aus stetig zunehmenden Inflationsrisiken und einer hohen Bewertung von US-Aktien lasse ein sehr volatiles zweites Halbjahr erwarten, meint Andreas Hürkamp, Leiter Aktienstrategie Commerzbank. Sorgen über eine hartnäckig zu hohe Inflation und Ängste vor einer frühzeitigen Reduzierung der Anleihenkäufe durch die Fed würden im dritten Quartal deutlich zunehmen.

Auch Wellenreiter-Experte Rethfeld sieht die bisherige Haltung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die hohe Inflation als temporäres Phänomen abzutun, skeptisch: "Die Inflation wird definitiv nicht vorübergehend sein. Sie wird sich im zweiten Halbjahr sowohl in den USA als auch in Europa auf einem höheren Niveau oberhalb der Drei-Prozent-Marke einpendeln. Für die Aktienmärkte ist das negativ, da sie bei Inflationsraten von ein bis drei Prozent am besten performen."

Wachsende politische Risiken

Als zweites großes Problem für die Aktienmärkte - jenseits steigender Zinsen - macht Goldman-Sachs-Experte Kostin die Diskussion über höhere Unternehmenssteuern in Washington aus. Dabei sind höhere Steuern nicht das einzige politische Risiko für die Märkte, speziell die Aktien der großen Technologiekonzerne, im zweiten Halbjahr.

Amazon, Apple & Co. sehen sich nämlich mit einer Regierung konfrontiert, die die wachsende Marktmacht der Tech-Giganten mit Sorge betrachtet und regulatorisch gegensteuern will. Eine rabiatere Vorgehensweise der US-Behörden gegen die Tech-Konzerne stellt dabei nicht nur für die einzelnen Tech-Aktien ein erhebliches Risiko dar, sondern auch für die großen amerikanischen Aktienindizes wie Dow Jones Industrial und S&P 500, in denen diese Konzerne ein großes Gewicht haben.

Deutschland vs. USA - wer hat die Nase vorn?

Einige Analysten sehen mit Blick auf die wachsenden regulatorischen Risiken in den USA die europäischen Aktienmärkte leicht im Vorteil. Zuletzt hatte der marktbreite US-Index S&P 500 die Nase im Vergleich zum DAX leicht vorn: Während der S&P 500 in den letzten Junitagen neue Bestmarken in Serie aufstellte, kam der DAX an sein Rekordhoch nicht mehr heran.

Und das, obwohl der DAX ein Performance-Index ist, in seine Berechnung also die von den Unternehmen gezahlten Dividenden mit einfließen, und er somit eigentlich gegenüber reinen Kursindizes wie dem S&P im Vorteil ist. Nicht umsonst sprechen Kritiker in diesem Kontext auch vom "Botox-DAX".

Doch trotz Botox könnte der DAX im zweiten Halbjahr im Vergleich zu den US-Indizes das Nachsehen haben. "Wir korrelieren hier deutlich stärker mit dem Wirtschaftswachstum als die Amerikaner mit ihren Tech-Werten", unterstreicht Rethfeld. "Wenn das Wirtschaftswachstum das starke Momentum des ersten Halbjahres nicht aufrecht halten kann, dann betrifft das den DAX ganz besonders. Von daher ist vom DAX keine Outperformance zu erwarten."

Hoffen auf Halloween

Für die Märkte dies- wie jenseits des Atlantiks gilt derweil: Auch die Saisonalität mahnt für die kommenden Monate zur Zurückhaltung. In den Sommermonaten neigen Aktien im statistischen Schnitt zu Kursverlusten. "In der saisonalen Betrachtungsweise haben wir Richtung September/Oktober ein Tief", so Rethfeld.

Doch nach Halloween, also Anfang November, öffnet sich aus saisonaler Perspektive wieder ein günstiges Einstiegsfenster. Dann beginnen nämlich die im statistischen Schnitt besten sechs Monate an der Börse.

Über dieses Thema berichtete B5 Börse am 07. Juni 2021 um 07:10 Uhr.