Gamestop-Geschäft in New York |

Ein Gewinner des GameStop-Hypes Ein Stück vom Aktien-Kuchen

Stand: 06.02.2021 11:44 Uhr

Viel Unwissenheit, etwas Risikobereitschaft und ein wenig Glück - so kann man Pablos Einstieg ins Aktiengeschäft beschreiben. Auch bei GameStop-Aktien schlug er zu. Ein Wagnis, das sich auszahlte.

Von Jürgen Fränznick, ARD-Studio New York

Pablo Batista ist 25 Jahre alt, von Beruf Koch - und arbeitslos. Und einer von ganz vielen Amateuren, die gerade ein paar Börsenprofis Milliardenverluste verpasst haben. Stichwort: "GameStop"-Spekulanten.

Pablo wohnt in im New Yorker Stadtteil Bronx, weit weg von der Wall Street - und das nicht nur im geografischen Sinn. Ein Apartmenthaus, 15 Stockwerke hoch, eine kleine Dreizimmer-Wohnung. Sein Zuhause, zusammen mit der Mutter und den beiden Schwestern, die im mütterlichen Nagelstudio arbeiten. Alles aufgeräumt und blitzeblank, eine große Couchlandschaft mit Flachbild-TV. Nur Pablo hat ein Zimmer für sich im Frauenhaushalt.

Vor uns sitzt ein ruhig redender junger Mann. Das sei hier gesagt, weil der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in seiner Kolumne in der "New York Times" vom 04. Februar ("Pumps and Dumps and Chumps") einen kühnen Vergleich gezogen hatte: zwischen Amateur-Händlern wie Pablo und QAnon-Verschwörern.

Die Corona-Krise kostete die Jobs

Doch der Reihe nach. "Vor einem Jahr hab' ich noch als line cook in einer großen Küche gearbeitet - tagein, tagaus, 65 Stunden pro Woche. Kein Privatleben, nur kochen, schwitzen, weiterkochen, weiterschwitzen. Dann kam Corona, und ich habe erst den einen, dann einen zweiten Koch-Job verloren", erzählt Pablo. Inzwischen sind die meisten Restaurants in New York City geschlossen oder ganz aufgegeben - abserviert von Corona.

Den 25-jährigen plagte schnell die Langeweile und die unbeantwortete Frage: Wovon leben? "Ich hatte nur die Hoffnung, ich krieg's hin, dass ich Arbeitslosengeld bekomme. Dann aber hab' ich mich in Aktien reingekniet, noch bevor meine Corona-Beihilfe ankam. Ich hab eigentlich nicht mehr gemacht, als mein bisschen Geld und meine viele freie Zeit da reinzustecken", sagt Pablo weiter:

Ich bin kein Genie, ich bin kein Guru - es hat sich einfach ausgezahlt für mich!
Batista (links) in einer Großküche  | Jürgen Fränznick

Durch die Corona-Pandemie verlor Pablo seine beiden Jobs als Koch. Bild: Jürgen Fränznick

Mit Unwissenheit ins Aktiengeschäft

4000 Dollar hatte Pablo an erspartem Geld. Seine erste gekaufte Aktie war von Apple, im vergangenen März oder April, für 300 Dollar. Nach einem Aktienschnitt bei Apple wuchs sein Depot von drei auf zwölf Apple-Aktien an, buchstäblich über Nacht. "Nix verstanden, aber voll gefreut! Das war der Moment, als ich begriffen habe: Da kann man Geld mit machen", sagt Pablo. "Da erst habe ich Gruppenchats wie 'WallStreetBets' auf Reddit gelesen und zu begreifen versucht."

GameStop, liest Pablo da, und kaufen. "Rein bin ich bei 77 Dollar, so hoch war die Aktie bisher nie gewesen. Immer so für 2000 bis 3000 Dollar auf einmal habe ich zugekauft, dann gewartet und beobachtet, dann wieder gekauft", erinnert sich Pablo. Weil die Aktie durch massenhafte Reddit-Kleinanleger bis auf sagenhafte 468 Dollar steigt, müssen die Profi-Hedgefonds, die auf sinkende GameStop-Kurse gesetzt hatten, ihre Wetten teuer zurückkaufen - und beschleunigen damit die Preisspirale nach oben.

Batista sitzt mit Kopfhörern vor seinem Computer. | Jürgen Fränznick

Viel Ahnung hatte Pablo von der Börse nicht - trotzdem hat es sich für ihn ausgezahlt. Bild: Jürgen Fränznick

"Ich brauch' nicht den ganzen Kuchen"

Und Pablo bleibt in seinem Zimmer oben in der Bronx, wird offenbar kein "Wolf of Wall Street", auch wenn er inzwischen vor einer ziemlich coolen Monitorwand sitzt. Sein Motto: "Never too greedy - Gier wird nicht geil." Er bleibe bescheiden, sagt Pablo:

Ich brauch’ nicht den ganzen Kuchen. Ich bin mit ein paar Stückchen davon zufrieden.

"Ich bin ausgestiegen mit einem Gewinn von 11.000 Dollar - bei einem Einsatz von 6000 Dollar - nicht schlecht, oder?", erzählt Pablo weiter. Und er nimmt sein Motto ernst: "Zwischenzeitlich hatte ich rechnerisch 70.000 Dollar verdient - nicht bar in der Tasche, sondern auf dem Papier oder besser auf dem Bildschirm." Pablo steigt am 26. Januar aus, zwei Tage später werden Amateur-Plattformen wie Robinwood oder TradeRepublic den Handel mit der explodierenden Aktie kurzzeitig aussetzen.

Kein "Aufstand von unten"

Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman holt mit Blick auf das Ganze kräftig aus: Alles andere als ein Aufstand von unten sei das gewesen. Mit den geschädigten Profi-Hedgefonds brauche niemand Mitleid zu haben. Es ignoriere aber die Wirklichkeit, wer da den kleinen Mann bei der Revanche an der Wall Street sehe oder gleich "an dem System". Keine Verschwörung der Profis, vielmehr hätten die Online-Plattformen selbst aus Geldmangel den Handel aussetzen müssen.

Der ganze Sturm auf Schrottaktien wie GameStop erinnere vielmehr selbst an populistische Verschwörungsszenarien à la QAnon, so Krugman. Und der Wirtschaftswissenschaftler resümiert: "Wir brauchen ernsthafte politische Maßnahmen, um das Leben der Amerikaner wieder besser zu machen. Und kein Verschwörungsgeraune und verlogene Kulturkämpfe gegen sogenannte 'Eliten'."

Pablo bleibt gelassen: "Ich jedenfalls denke, das ist keine Manipulation. Die Idee an der Börse ist doch, zu investieren und nichts anderes habe ich getan. Was soll also an meiner Aktion falsch sein? Das ist kein Populismus - das ist die Zukunft."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. Februar 2021 um 11:00 Uhr.