Türkische Lira  | Bildquelle: REUTERS

Währungskrise in der Türkei Die Misere bleibt trotz Zinserhöhung

Stand: 13.09.2018 18:09 Uhr

Nach einem massiven Verfalls der türkischen Lira hat die Zentralbank in Ankara ihren Leitzins angehoben. Das stärkt die Währung kurzfristig. Problematisch ist, dass Staatschef Erdogan die Zinsen eigentlich senken will.

Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Angesichts der schwächelnden Währung hat die türkische Zentralbank heute überraschend deutlich ihren Leitzins angehoben. Der sogenannte Hauptrefinanzierungssatz - einer von drei Arten des Leitzinses - stieg von 17,75 Prozent auf nunmehr 24 Prozent. Die Lira gewann nach der Entscheidung kurz fünf Prozent an Wert hinzu. Doch gewinnt die zuletzt in die Kritik geratene Zentralbank ihre Unabhängigkeit deshalb zurück?

Seit Jahren kritisiert der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die von Wirtschaftsexperten als probates Mittel zur Einschränkung der Inflation angesehenen Zinserhöhungen. Er behauptet, höhere Zinsen würden die Inflation antreiben. Tatsächlich dürfte Erdogan vor allem die türkischen Konsumenten im Blick haben, die er mit solch populistischen Leitsätzen für sich gewinnen will.

Beobachter werteten die in den vergangenen Monaten moderaten Zinserhöhungen der türkischen Zentralbank als Kniefall vor Erdogan, der in den vergangenen Jahren seine Macht in der Türkei deutlich ausbauen konnte.

Mit kurzfristigen Refinanzierungen liquide werden

Von entscheidender Bedeutung ist vor allem, dass die Zentralbank auch den sogenannten Spitzenrefinanzierungssatz - eine weitere Art des Leitzinses - von 19,25 Prozent auf 24 Prozent erhöht hat. Im Gegensatz zum Hauptrefinanzierungssatz für Kredite mit einwöchiger Laufzeit regelt die Zentralbank mit dem Spitzenrefinanzierungssatz kurzfristige Refinanzierungen auf Tagesbasis. Vor allem damit will die Zentralbank nun schnell wieder die Versorgung mit Geld durchführen.

Die Erhöhung der Zinssätze widerspricht der Interpretation somit einer politisch kontrollierten Zentralbank auf den ersten Blick. Auch aus Erdogans Lager heißt es, die Korrektur nach oben war nötig, trotz der Agenda des Staatspräsidenten, dass Zinsen schlecht für die Menschen seien. Noch vor der Veröffentlichung der Zentralbank sagte Erdogan heute, "wir sollten die Zinsen senken".

Erdogan spricht auf dem AKP-Parteittag in ein Mikrofon. | Bildquelle: dpa
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Die Zinserhöhung könnte Erdogan innenpolitisch Stimmen kosten. Im Stillen dürften selbst bei vielen konservativen Türken zunehmend Zweifel aufkommen.

Ein notwendiger Schritt?

Zafer Mese ist Leiter des Berliner Büros der regierungsnahen türkischen Stiftung Seta. Er sieht die Zinserhöhung als wichtige Maßnahme, um den Wertverlust der türkischen Währung Lira entgegenzuwirken. "Dieser Schritt war notwendig, um den negativen Trend zu stoppen", so Mese.

Ob der Trend gestoppt ist, muss sich erst noch zeigen. Die Lira fährt heute Achterbahn. Aufgrund Erdogans Forderung vom Vormittag, die Zinsen zu senken, fällt die türkische Währung. Kurz nach der Veröffentlichung der Zentralbank steigt die Lira deutlich gegenüber Euro und Dollar. Eineinhalb Stunden später sorgen Devisenhändler bereits wieder für eine Relativierung.

Währungsverfall laut Analysten hausgemacht

Das entspricht der Prophezeiung verschiedener deutschsprachiger Analysten. Diese haben eine Zinserhöhung auf mindestens 25 Prozent gefordert. Manch einer geht jedoch davon aus, dass selbst das nichts mehr hilft, denn das Problem der Währung sei das mangelnde Vertrauen in Erdogans Politik. Der Währungsverfall sei hausgemacht, ein finanzpolitisches Fiasko kaum noch abwendbar, heißt es in Frankfurt. Erdogan müsste Bereitschaft zeigen, beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um Unterstützung zu bitten. Das lehnt der türkische Staatspräsident vehement ab, und diese käme letztendlich auch nur, wenn die US-Regierung in Washington zustimmt.

Allerdings liefert sich Erdogan mit seinem US-Kollegen Donald Trump derzeit einen Schlagabtausch. Die beiden streiten um die Freilassung eines in der Türkei wegen Terrorvorwürfen inhaftierten US-Pastors. Dazu kommen Erdogans Avancen an Moskau. Er hat mit Putin den Kauf eines Raketenabwehrsystems vereinbart, was in der NATO und den USA als Affront gesehen wird.

Preise steigen für die Verbraucher

Die Zinserhöhung könnte Erdogan innenpolitisch Stimmen kosten. Zwar schafft er es bisher mit den zu 90 Prozent auf Linie gebrachten türkischen Medien, seinen Wählern einzureden, allein die USA seien schuld am Verfall der Lira. Doch selbst bei vielen konservativen Türken dürften zunehmend Zweifel aufkommen.

24 Prozent Leitzins bedeutet für Verbraucher, dass sie erstens kaum noch Kredite bei Banken aufnehmen können und zweitens die Verlängerung bestehender Kredite extrem teuer wird. Auch viele mittelständische Unternehmen dürften in nächster Zeit größere Probleme bekommen, Schulden zu bedienen und Gehälter zu bezahlen.

Zu der Misere kommt die Zinspolitik der US-Notenbank Fed. Investoren legen aufgrund gestiegener Zinsen ihre Gelder lieber in den sicheren USA an, als in Schwellenländern wie der Türkei. Das sind keine guten Aussichten für Erdogan.

Was bleibt, ist eine relativ robuste türkische Wirtschaft und der Vorteil, dass eine gefallene Lira die Exporte ankurbelt. Kopfschmerzen dürften dem türkischen Staatspräsidenten insbesondere Lokalwahlen im Frühjahr in Istanbul, Ankara und Izmir bereiten. Dort könnte er die Quittung für seine wenig aussichtsreiche Wirtschaftspolitik bekommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. September 2018 um 20:00 Uhr.

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