Projekt der Welthungerhilfe in der Türkei "Nicht leicht, aber besser als in Syrien"

Stand: 17.04.2016 12:59 Uhr

Der Anbau von Tomaten und Paprikaschoten soll ihnen eine Zukunft geben. Syrische Flüchtlingsfamilien beackern Land an der Grenze nahe der türkischen Kleinstadt Elbeyli. Die Deutsche Welthungerhilfe finanziert das Projekt.

Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Instanbul

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Fatima Latif beackert Land

Bis zur Grenze seien es nur wenige hundert Meter. Auf der anderen Seite würde gekämpft. Manchmal fliegen Granaten über den Zaun, so schildert Fatima Latif die Situation. "Wir gehen nicht zurück. Wir haben vier Kinder. Da drüben gibt es nichts, kein Wasser, kein Brot, keinen Strom, gar nichts. Hier ist es auch nicht leicht, aber es ist besser als in Syrien", sagt Fatima Latif.

Fatima und Ya’qub Latif sind syrische Bauern auf türkischem Boden. Seit diesem Frühjahr beackern sie einen halben Hektar Land nahe der Kleinstadt Elbeyli. "Das funktioniert so, dass die Welthungerhilfe von türkischen Bauern Land pachtet für die syrischen Bauern, die dann auf diesem Stück Land ihre Produkte anbauen können", sagt Dirk Hegmanns. Er ist Leiter der Deutschen Welthungerhilfe in der Türkei.

Paprikaschoten und Tomaten

Es gäbe hauptsächlich Paprikaschoten- und Tomatenproduktion. Es seien Produkte, die dann auch gut vermarktet werden können in Gaziantep. Der Markt sei da, der Markt sei groß, meint Hegmanns. Wenn es gut klappen würde, würden sie die Produktion in großem Rahmen in anderen Regionen der Türkei durchführen. 30 Millionen Euro setzt die Welthungerhilfe in diesem Jahr in der Türkei ein, um das Los von gut 750.000 Menschen zu erleichtern.

Pilotprojekt der Welthungerhilfe

Das Wichtigste überhaupt ist für Syrer Nachhaltigkeit, erklärt Osama Yabancı, zuständig für das Landwirtschaftsprojekt in Elbeyli. Die Welthungerhilfe gibt ihnen das Material, das Saatgut, die Maschinen, die Bewässerung und Düngemittel. Hilfe zur Selbsthilfe. 30 syrische Flüchtlingsfamilien nehmen an dem Pilotprojekt teil. Pro Familie investiert die Welthungerhilfe rund 2000 Euro.

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Ya’qub Latif ist zuversichtlich

Nächstes Jahr werden sie das Land pachten und dann werden sie selbstständig das Gemüse anbauen, davon ist Osama Yabancı überzeugt. Granaten sind in der Ferne zu hören. Ya’qub Latif zuckt mit den Schultern. "Welche Wahl haben wir", fragt er ratlos. Die ersten Pflänzchen zeigen sich bereits. Zart schieben sie sich durch die hellbraune Erde. Ya’qub Latif ist zufrieden und zuversichtlich.

Umgerechnet zehn Euro an guten Tagen

Die Latifs bewohnen einen 16 Quadratmeter großen Verschlag mit einer Kochstelle, für den sie umgerechnet 120 Euro zahlen. Ya’qub Latif verdingt sich als Tagelöhner. Etwa zehn Euro bringt er an guten Tagen nach Hause. Ohne Unterstützung der Welthungerhilfe kämen sie nicht über die Runden.

"Wenn ich Glück habe, kriege ich einen Job. Aber wir leben seit sechs Monaten mehr oder weniger von dem, was wir uns vom Geld der Welthungerhilfe kaufen können. Wir sind sechs Personen und bekommen im Monat knapp 100 Euro. Das reicht, um bestimmte Grundbedürfnisse wie Zucker, Tee oder Reis decken zu können", erklärt Ya’qub Latif.

Ein besseres Leben

Schoten und Tomaten werden die Latifs nicht reich machen. Aber sie werden ihr Leben verbessern, zeigt sich Hegmanns zuversichtlich. "Im ersten Schritt ist das vielleicht nicht viel, was sie da produzieren. Wir haben das mal ausgerechnet. Das sind so um die 3000 Euro, die sie damit verdienen. Wenn man das dann später in größerem Maßstab macht, dann können sie da durchaus eine langfristige Perspektive draus entwickeln", meint Hegmanns.

Vielen syrischen Flüchtlingen fehlt in der Türkei genau das: eine Perspektive für die Zukunft. Die Latifs sorgen sich um ihre Schoten. Sie denken jedenfalls nicht darüber nach, sich auf den Weg nach Deutschland machen zu wollen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. April 2016 um 12:24 Uhr

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