Löscharbeiten in Sibirien | Bildquelle: RUSSIAN FEDERATION SERVICE AVIAT

Sibirische Waldbrände Nur Regen hilft

Stand: 06.08.2019 05:25 Uhr

Katastrophenhelfer und Armee kämpfen in Sibirien weiter gegen die Waldbrände. Die Menschen vor Ort leiden vor allem unter gesundheitsschädlichem Rauch - der auch das Weltklima bedroht.

Von Demian von Osten, ARD-Studio Moskau, z.Zt. Bogutschany, Sibirien

Fast drei Stunden wird man durchgeschüttelt auf der sibirischen Schotterpiste, an deren Ende: Beleki. Das kleine sibirische Dorf ist eingehüllt von Rauch, nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt lodern die Waldbrände, über die jetzt die ganze Welt spricht. Über Beliki spricht kaum jemand, das Dorf hat keinen Handyempfang, in die nächste Stadt fahren die Einwohner nicht jeden Tag.

"Einige hier hatten schon ihre Papiere vorbereitet, weil sie dachten, dass wir bald evakuiert werden." Die Schülerin Julia ist etwa 12. Sie und andere Schulkinder sitzen auf einer wackeligen Parkbank vor dem einzigen Lebensmittelladen und essen Chips. Wjatscheslaw zeigt wild mit den Armen rudernd gleichzeitig in zwei Richtungen: "Dort waren Brände, und da hinten. Und gestern flogen am anderen Flussufer Hubschrauber!"

Waldbrände in Sibirien - Die unterschätzte Katastrophe
Morgenmagazin, 06.08.2019, Demian von Osten, ARD Moskau

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"Es brennt einfach überall."

Beleki hat 170 Einwohner, es ist eine jener Siedlungen, die von den Waldbränden bedroht sind. Wegen des giftigen Rauchgeruchs konnten die Einwohner für eine Zeit gar nicht aus dem Haus. "20 Kilometer vom Dorf entfernt hat es gebrannt", sagt Julia, eine Frau Mitte 30. "Man hatte nur eine Sicht von 20 Metern. Das stört uns natürlich. Denn auch Bären kommen dadurch ins Dorf."

Julia und ihr Mann Roman haben ihr Hab und Gut in einen alten roten "Lada Niwa" verstaut, Schaschlik-Rost, Flatscreen, Vogelkäfig. Sie ziehen jetzt in die nächstgelegene Stadt. "Es brennt viel mehr dieses Jahr", sagt Roman. "Man sieht das am Rauch. Es brennt einfach überall." Roman hat ein Haus in der nächstgelegenen Kleinstadt Bogutschany gekauft. Der Umzug war zwar schon länger geplant, die Probleme mit dem Brandgeruch haben dem Ehepaar die Entscheidung aber leichter gemacht.

Karte Russland mit Bränden in Sibirien
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An zahlreichen Stellen flammen immer neue Brände auf.

Heftigere Brände als sonst

Die sibirischen Waldbrände gibt es eigentlich jedes Jahr. Doch dieses Jahr wüten sie heftiger als sonst. Trockene Gewitter fachen sie an, manchmal auch Unachtsamkeit der Menschen, weggeworfene Zigarettenstummel, auch die Holzindustrie steht unter Verdacht.

Hartnäckig hält sich das Gerücht unter den Anwohnern hier in der Region Krasnojarsk, kriminelle Holzfäller seien an den Bränden schuld. Sie würden gefällte Waldstücke hinter sich anzünden, um den Anschein zu erwecken, der Wald sei abgebrannt - dabei hätten sie die Bäume vorher gefällt und das Holz verkauft. Ob das stimmt, da gehen die Meinungen auseinander. Ein großer Teil der Brände ist weit von bewohntem Gebiet entfernt. Ministerpräsident Medwedew hat dennoch eine Untersuchung zu kriminellen Holzfällern angeordnet.

Kritik an Löscharbeiten

Am Angara, einem breiten Nebenfluss des Jenisseis, knattern derzeit ständig die Rotoren der Helikopter. In der Kleinstadt Bogutschany leben gut 10.000 Menschen, der kleine Flugplatz ist zur vorübergehenden Basis für Löscharbeiten in der Gegend geworden. Hubschrauber von russischer Armee und Katastrophenschutz starten von hier in die Brandgebiete, bringen tonnenweise Wasser in großen Kübeln zu den Brandherden.

Hubschrauber des Katastrophenschutzes in Bogutschany
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Hubschrauber des Katastrophenschutzes in Bogutschany.

"Das Löschen aus der Luft ist nicht besonders effektiv", kritisiert Tatjana Wassiliewa von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Das abgeworfene Wasser wird sofort verstreut, und nur ein paar Tropfen schaffen es überhaupt bis zum Boden." Die Pressesprecherin des Moskauer Greenpeace-Büros ist mit einem kleinen Team in den Brandgebieten unterwegs. Ihr Ziel: Löscharbeiten begutachten. "Diese großen Brände haben mit kleinen Feuern begonnen. Und die hätte man rechtzeitig löschen müssen," sagt Wassiliewa.

Umstrittene Gesetze zu Waldbränden

Doch das ist nicht passiert, weil laut russischem Gesetz Waldbrände weit entfernt von Infrastruktur und Siedlungen nicht gelöscht werden müssen, wenn die Kosten der Löscharbeiten den erwarteten Schaden übersteigen. Eine umstrittene Regelung - vor allem hier in der Region Krasnojarsk steht deshalb der örtliche Gouverneur unter Druck. Denn die Rauchschwaden, die Tausende Kilometer weit in sibirische Großstädte und sogar bis nach Alaska und Kanada gezogen sind, hat man in der Rechnung nicht berücksichtigt.

Auch der Wissenschaftler Alexander Brjuchanow vom Krasnojarsker Institut für den Wald sieht Versäumnisse bei den Behörden.

"Jetzt sind viele Löschkräfte zusammengebracht worden, aber es wäre gut gewesen, wenn diese Entscheidungen drei Wochen früher getroffen worden wären."

Seit vergangener Woche haben die Löscharbeiten neuen Schwung bekommen. Russlands Präsident Putin schickte Hubschrauber und Flugzeuge des Militärs in die Brandgebiete. Mehrere sind auf dem Flugplatz von Bogutschany stationiert. Doch die Absprache der Behörden vor Ort läuft nicht immer glatt.

Kommunikation ein weiteres Problem

Auf einem improvisierten Hubschrauber-Landeplatz am Angara-Fluss steht in diesen Tagen eine Gruppe von Katastrophenhelfern bereit: Gepackte Rucksäcke, Löschausrüstung, Spaten. Sie sollen für mehrere Tage ins Waldbrandgebiet fliegen, um Brände am Boden zu bekämpfen. Übernachtung im Schlafsack vor Ort. Der Hubschrauber, der sie dort hinbringen soll, landet, doch dann wird der Flug erst mal abgesagt.

Rauch an einer Waldstraße in der Nähe der Brände
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Sibiriens Abgeschiedenheit macht die Löscharbeiten in der Region nicht einfacher.

"Der Luftraum ist gesperrt wegen schweren Flugverkehrs," erklärt Ewgenij Popyschew, Koordinator der Forst-Feuerwehr in Bogutschany. "Die Armee ist dort unterwegs." Kurz darauf donnern einige schwere Hubschraubern mit Löschkübeln über die Kleinstadt. 70 Kilometer im Umkreis um einen Brand hat das Militär den Luftraum gesperrt. Die Katastrophenhelfer erfahren davon erst in letzter Minute.

Sibirische Brände eine internationale Klimakatastrophe

Längst sind die Brände nicht mehr nur ein russisches Problem. "Diese Brände sind eine echte Klimakatastrophe", sagt Wassiliewa von Greenpeace. "Denn der Wind transportiert den Ruß bis in die Arktis. Dort legt sich der Ruß nieder und beschleunigt das Schmelzen der Gletscher." Auf einmal haben die sich jährlich wiederholenden Waldbrände in Sibirien auch internationale Aufmerksamkeit bekommen.

Alexander Brjuchanow, Wald-Institut Krasnojarsk
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Alexander Brjuchanow, Wald-Institut Krasnojarsk

"Wenn in Sibirien drei, vier, fünf Millionen Hektar brennen, dann ist das ein globales Problem. Das wirkt sich auf die gesamte nördliche Halbkugel aus," erklärt Wissenschaftler Brjuchanow. Ein Langzeitexperiment habe gezeigt, wie langsam die sibirischen Bäume nachwachsen. 120 bis 150 Jahre, damit sich der Wald wieder richtig erholt. Deshalb sei es besonders schlimm, dass nicht gelöscht wurde. "Man hat den Zeitpunkt verpasst. Selbst wenn man jetzt fünf oder zehn Mal so viel Material oder Menschen einsetzt, wird man die Waldbrände nicht löschen können. Das schafft nur anhaltender Regen."

Über dieses Thema berichtete das Erste am 06. August 2019 um 06:43 Uhr im ARD-Morgenmagazin.

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