Feuer in Kalifornien/Mendecino-Nationalwald | Bildquelle: REUTERS

Waldbrände in Kalifornien Leben mit dem Feuer

Stand: 26.12.2018 13:06 Uhr

Es war ein Jahr mit ungewöhnlich heftigen Waldbränden für Kalifornien. Doch warum traf es den US-Bundesstaat so stark? Und wie können sich die Einwohner besser schützen?

Von Nicole Markwald, ARD-Studio Los Angeles

20.000 zerstörte Häuser, 86 Tote, Tausende wurden obdachlos - die Schäden der kalifornischen Megafeuer waren immens. Die Versicherungsansprüche nach den verheerenden Bränden belaufen sich aktuell auf neun Milliarden Dollar. Nun steht Kalifornien vor der Frage, was sich ändern muss, damit zukünftige Feuer nicht ähnlich katastrophale Folgen haben.

Ein Historiker der Flammen

"Ich bin der Einzige meiner Sorte", sagt Stephen Pyne lächelnd. Er ist Feuer-Historiker. In seinem Haus nahe Phoenix, im US-Bundesstaat Arizona, hängen an der Treppe zu seinem Büro gerahmte Malereien über Brände in aller Welt. Feuer fasziniert Pyne - nach seinem Highschool-Abschluss arbeitete er 15 Jahre lang jeden Sommer als Feuerwehrmann an der Nordkante des Grand Canyon. Geboren und aufgewachsen ist er in der Bay Area im Norden Kaliforniens.  

"In Kalifornien brennt es, hat es schon immer. Selbst wenn alle Menschen Kalifornien verlassen würden, würde es hier weiterhin riesige Brände geben. Aber jetzt sind die Menschen im Weg und tun viel, um die Situation zu verschärfen."

Trotzdem sei es ungewöhnlich, dass es innerhalb eines Jahres gleich drei Feuerphasen gegeben habe, sagt Pyne.

Feuer, größer als die Fläche New Yorks

Im Dezember 2017 brannte nordöstlich von Los Angeles das "Thomas Fire", im November 2018 brachen das "Camp Fire" in Nordkalifornien und das "Woolsey Fire" in Südkalifornien aus. Anfang August, brannte es in dem Bundesstaat an 19 Stellen gleichzeitig, darunter wütete das "Mendocino Complex"-Feuer - eine Fläche größer als New York City stand in Flammen. Noch immer ist die gesamte Schadenssumme dieser Feuer unbekannt.

Zwei Kräfte treffen in Kalifornien stärker aufeinander als irgendwo sonst, erklärt Feuer-Historiker Pyne: "Da ist die Natur auf der einen Seite: die Berge, der Wind, das mediterrane Klima. Dazu Trockenheit und Regen, die den Rhythmus für Brände vorgeben. Auf der anderen Seite ist eine Gesellschaft, die darauf besteht, überall leben zu wollen." Soll heißen: Die Menschen in Kalifornien - und anderswo - wagen sich zu dicht an die Natur heran.

Paradise fast komplett zerstört

Die Kleinstadt Paradise, die vom "Camp Fire" fast komplett zerstört wurde, ist das beste Beispiel. Sie liegt malerisch zu Füßen der Gebirgsregion Sierra Nevada. 90 Prozent der Häuser sind vernichtet. Bürgermeisterin Jody Jones verspricht, Paradise wieder aufzubauen. Viele Menschen ihrer Gemeinde wollten einfach nur nach Hause, so Jones.

Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Und: Paradise muss anders gebaut werden, sicherer. Bauvorschriften müssen geändert, Brandschutz ganz groß geschrieben werden.

Politik muss Verantwortung übernehmen

Feuerhistoriker Pyne wünscht sich radikale Maßnahmen:

 "Es braucht jemand, der bereit ist, den politischen Preis zu zahlen. Der sagt, so machen wir das jetzt. In der frühen Geschichte der USA brannte es in den Städten genauso oft wie in der Natur. Das hörte auf, als Sicherheitsstandards eingeführt wurden, eine Infrastruktur gebaut und darauf geachtet wurde, ob Bauvorschriften eingehalten wurden. Auch das war eine politische Entscheidung."

Die Diskussion darüber sei zwar in Gang gekommen, doch Pyne fürchtet, dass es nur bei kleineren Veränderungen bleibt.

"Wo in der Welt gibt es denn keine Gefahren?"

Bürgermeisterin Jones betonte gegenüber dem Radiosender NPR, dass Paradise seit den 1850er-Jahren existiere. Die Feuer seien "der perfekte Sturm" gewesen, "doch das kann doch nicht heißen, dass dort niemals mehr jemand leben soll". "Wo in der Welt gibt es denn keine Gefahren?", fragte Jones.

Ihre Aussage muss relativiert werden: 1850 war der Ort nicht mehr als ein Dorf. Selbst Anfang der 1950er-Jahre lebten nur rund 5000 Menschen dort. 2008 kam ein Feuer dem Ort gefährlich nahe. Zuletzt zog es immer mehr Ruheständler dorthin, die nahe gelegenen Großstädte Sacramento oder San Francisco wurden zu teuer. Zu viele Menschen lebten in Paradise, um sich rechtzeitig vor den Flammen in Sicherheit zu bringen zu können.

Der "Indian Way" als Lösung?

 Für die Zukunft hat Feuer-Experte Pyne folgende Vorschläge: "Bauvorschriften verschärfen! San Diego hat Reformen durchgeführt, größere Sicherheitsabstände zu Siedlungen durchgesetzt, man könnte Stromleitungen unterirdisch verlegen."

Das beste sei allerdings, sagt der 69-Jährige, kontrollierte Brände durchzuführen, wie es in Kalifornien zur Zeiten der Besiedlung üblich war. "Indian Way" wird diese Art des Waldmanagements genannt. In seinem Flur hängt ein Bild von einem indianischen Ureinwohner, der einem weißen Siedler zeigt, ein kontrolliertes Feuer zu legen. Kalifornien, so Pyne, muss sich auf seine Ursprünge zurückbesinnen.

Megafeuer in Kalifornien - mit welchen Folgen?
Nicole Markwald, ARD Los Angeles
26.12.2018 12:31 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Dezember 2018 um 11:49 Uhr.

Darstellung: