Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Wladimir Selenskyj | Bildquelle: REUTERS

Stichwahl in der Ukraine Neuanfang gesucht

Stand: 17.04.2019 17:38 Uhr

Vor der Stichwahl in der Ukraine liegt Herausforderer Selenskij in den Umfragen vor Amtsinhaber Poroschenko. Viele Menschen sind der Überzeugung, dass die Ukraine ein neues, unverbrauchtes Gesicht braucht.

Von Golineh Atai, ARD-Studio Moskau

Eine junge Frau steht auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew und erinnert sich. "Diese Stimmung, die wir jetzt in der Gesellschaft sehen, ist das Ergebnis des größten Scheiterns des Maidan", sagt Olena Haluschka, Anti-Korruptionsaktivistin und eines der bekanntesten Gesichter des Bürgeraufstands von 2013. "Wir haben keine funktionierende Justiz. Das ist einer der Gründe, warum die Gesellschaft so gewählt hat. Die erste Runde war klar eine Protestwahl."

Die Maidan-Demonstranten hätten damals Gerechtigkeit, Gleichheit und Würde gefordert, sagt sie. Doch kaum ein Richter, der sie illegal verfolgte, sei zur Rechenschaft gezogen worden, kaum einer sei entlassen worden.

Olena Haluschka, ֖konomin, vom Zentrum zur Korruptionsbekämpfung ANTAC in Kiew. | Bildquelle: Golineh Atai
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Olena Haluschka, ֖konomin, vom Zentrum zur Korruptionsbekämpfung ANTAC in Kiew, eine der bekanntesten Aktivistinnen des Maidan.

Kampf gegen Korruption stockt

Für die 30-jährige Ökonomin ist das Glas gleichzeitig halbleer und halbvoll: Sie sieht einerseits einen gewaltigen Fortschritt, den das Land in den vergangenen fünf Jahren gemacht habe. Die alte Elite könne ihre Schiebereien nicht mehr verheimlichen, alles sei nun transparent, alle Daten und Register nun zugänglich. Doch die letzte Konsequenz sei ausgeblieben: Korruptionäre werden von der Justiz oft nicht zur Verantwortung gezogen.

Haluschka hat die Fälle von 55 Antikorruptionsaktivisten dokumentiert, die bedroht und angegriffen wurden. Darunter ist auch die Geschichte einer jungen Frau, die an den Folgen eines brutalen Säureanschlags starb - die mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes seien immer noch nicht belangt.

Sie wünscht sich vom neuen Präsidenten, dass er den pro-europäischen Kurs der Ukraine beibehält: "Genau das ist unsere zivile Wahl gewesen auf dem Maidan. Genau das verteidigt unsere Armee im Krieg mit Russland. Genau dafür kämpfen wir an der Front im Innern, an der Front gegen Korruption und für Reformen."

"Alle wollen Veränderung"

Der Newcomer Wladimir Selenskij hat ganz unterschiedliche Wähler: junge Ukrainer, die die traditionelle Politik hassen, pro-europäische Liberale oder pro-russische Wähler im Osten - und all jene, die über Präsident Petro Poroschenkos ausbleibende Reformen frustriert sind. Dabei ist das, was man über seine Ziele weiß, dem Programm von Poroschenko nicht unähnlich.

Tausende Tote hat der Krieg im Osten bislang gefordert, und Millionen Menschen sind geflüchtet. Im Dorf Krymske, das direkt an der Front liegt, scheint die Stimmung für Selenskij zu tendieren. Die Waffen haben nie geschwiegen an der Grenze zur "Lugansker Volksrepublik", der von Russland gesteuerten Separatistenrepublik.

"Alle wollen Veränderung", sagt Apothekerin Tatjana Anatoljewna. "Aber fünf Jahre lang ist nichts passiert. Sie schießen immer noch. Wir brauchen Frieden." Müsse im Krieg nicht jemand mit Erfahrung das Land regieren? "Den Erfahrenen haben wir ja erlebt", ergänzt eine Dorfbewohnerin. "Soll es lieber der andere machen. Ich glaube, Selenskij schafft das!"

Eine Dorfbewohnerin von Krymske | Bildquelle: Golineh Atai
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Eine Dorfbewohnerin von Krymske traut Selenskij zu, den Krieg in der Ostukraine zu beenden.

Noch will Russland nicht reden

Der "Neue" spricht überwiegend Russisch, in seiner Kampagne fokussierte er sich nicht so sehr wie Poroschenko auf Patriotismus und Krieg. Und er erklärt immer wieder, er wolle den Krieg beenden - zum Beispiel durch direkte Gespräche mit Russland, die der Kreml aber prompt abgelehnt hat. Für Selenskijs Team ist auch klar: Die Krim gehört zur Ukraine, Russland müsse Kiew für die Besatzung der Halbinsel Entschädigungen zahlen.

In jeder Altersgruppe und in jeder Region führt der studierte Jurist und charismatische Schauspieler, auf den die Wähler alle möglichen Hoffnungen projizieren. Auch in der Westukraine. Im Transkarpaten-Städtchen Uschhorod, ganz nahe der EU, sehnt sich die Familie von Restaurantbetreiber Juri Rusak nach einem Leben so wie bei den Nachbarn - macht sich aber auch Sorgen um die Zukunft des Landes.

Kann Selenskij die Macht der Oligarchen brechen?

Die unter Poroschenko neu aufgestellte Armee und die EU-Visafreiheit für die Ukrainer rechnet Rusak dem Amtsinhaber hoch an: "Ich fühle mich sehr viel freier im Alltag. Und ich sehe die Ergebnisse der Reformen." Ein unerfahrener Neuling sei doch ein Risiko, sagt sein Neffe Michaylo Horoschek. "Alles wissen, dass es hier viel Korruption gibt, viele Millionäre und Milliardäre. Aber es kann sein, dass Poroschenko nicht wirklich die Chance hatte, dagegen zu kämpfen."

"Das Ende der Epoche der Lügen. Das Ende der Epoche der Armut" - so die schlichten Wahlslogans des Favoriten. Nur: Wird ein Schauspieler das Geflecht der Interessen und Bereicherungen auflösen können? Und ist der Neuling nicht selbst das Produkt eines Oligarchen, in dessen Fernsehsender er munter Comedy und Wahlkampf miteinander vermischen darf, zur besten Sendezeit? Fragen, die sich die Ukrainer spätestens ab Montag neu stellen dürfen.

Über dieses Thema berichtete Weltspiegel Extra am 17. April 2019 um 22:45 Uhr.

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