Der britische Botschafter Kim Darroch bei einem Empfang in Washington (Archivbild: 18.01.2017) | Bildquelle: AFP

Geleakte Botschafter-Memos Wer stach die Depeschen durch?

Stand: 08.07.2019 14:13 Uhr

Der Eklat war am Wochenende perfekt: Eine britische Zeitung zitierte aus vertraulichen Notizen des britischen Botschafters in den USA. Doch wer sind die Drahtzieher des Lecks?

 Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Das Fazit, das der britische Botschafter in Washington über die US-Regierung zieht, hat es in sich.  Die Trump-Administration sei unfähig. Oder in der Diplomatensprache: dysfunktional. Gelähmt von inneren Grabenkämpfen. Russischer Einfluss vor der Wahl. Falken, die den Präsidenten in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit dem Iran treiben wollten, die Trump aber abgeblasen habe. Nicht wegen möglicher ziviler Opfer, sondern weil er die US-Truppen aus neuen Konflikten heraushalten wolle. Den Staatsbesuch in London habe Trump genossen, trotzdem gelte weiter "America first". Die Hoffnungen der Briten auf eine Vorzugsbehandlung nach dem Brexit könnten deshalb enttäuscht werden. Was man halt so nach Hause schreibt als Botschafter in Washington. Vertraulich versteht sich.

Doch am Wochenende standen Kim Darrochs Einschätzungen dann plötzlich in der Zeitung, in der "Mail on Sunday". Und Außenminister Jeremy Hunt, der derzeit vor allem damit beschäftigt ist, mit Boris Johnson um die May-Nachfolge zu kämpfen, musste seinen Mann in Washington verteidigen:

 "Es ist ein sehr wichtiger Teil der Arbeit von Botschaftern, freimütige Meinungen über das zu äußern, was in ihren Ländern vorgeht. Insofern hat unser Botschafter einfach nur seinen Job getan."

Der britische Außenminister Jeremy Hunt versucht, die Wogen zu glätten. Er setzte sich ein Stück weit von Kim Darroch ab. | Bildquelle: AP
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Der britische Außenminister Jeremy Hunt versucht, die Wogen zu glätten. Er setzte sich ein Stück weit von Kim Darroch ab.

Aber es sei Darrochs persönliche Meinung. Es sei nicht die Meinung der Regierung und auch nicht seine Meinung als Außenminister. London glaube auch weiterhin, dass die Administration unter Präsident Trump hoch effizient sei, und der beste Freund Großbritanniens auf der internationalen Bühne. Was irgendwie dann auch schon nach Distanzierung von Botschafter Darroch klang. Und nach dem Versuch, eine dauerhafte Belastung der Beziehungen zu vermeiden.

Leck könnte im Außenministerium liegen

Das eigentlich Aufregende an der Sache sind aber nicht die Einschätzungen des Botschafters, die sich kaum von dem unterscheiden, was man täglich in den US-Zeitungen liest, und wahrscheinlich auch nicht von dem, was andere Botschafter in ihre Heimat kabeln. Viel interessanter ist, wer hinter dieser Veröffentlichung stecken könnte. Das Außenministerium will das jetzt mit einer internen Untersuchung herausbekommen.

Es sind ja nicht einzelne Äußerungen des Botschafters, die nach draußen gelangten, sondern seine gesamten vertraulichen Schreiben seit 2017. Die insgesamt übrigens viel nuancierter sein sollen als die Zitate, die jetzt in der Zeitung stehen. Die britische Presse vermutet den Maulwurf ziemlich weit oben in der Hierarchie, vielleicht sogar auf der Ebene der Staatssekretäre. Ein Brexiteer vielleicht, der schon vor der Ablösung von Theresa May Fakten schaffen will.

Und da kommt dann plötzlich Nigel Farage ins Spiel: Der Gründer der Brexit-Partei, Erz-EU-Gegner und enger Trump-Vertrauter. Der US-Präsident hatte sogar schon einmal öffentlich erklärt, er würde seinen Gesinnungsgenossen Farage am liebsten als britischen Botschafter in Washington sehen. Was der allerdings heute erst einmal mit dem Hinweis zurückwies, er sei ja kein Diplomat.

Ein Vorgeschmack auf anstehende Grabenkämpfe

Was auch wirklich niemand bestreitet. Aber in anderer Funktion würde Farage gern seine engen Kontakte zu Trump nutzen, um die Beziehungen zwischen London und Washington nach dem Brexit zu vertiefen. Der Botschafter aber müsse jetzt abgelöst werden - EU-Parlamentarier Farage fand ihn schon unerträglich, als Darroch noch in Brüssel auf dem Posten war.

Der Botschafter wird Washington ohnehin im Januar verlassen, das war schon vor der peinlichen Veröffentlichung klar. Doch dieses Leck im Außenministerium zeigt die Machtkämpfe hinter den Kulissen, die die Regierung in London derzeit weitgehend handlungsunfähig machen. Es zeigt, wie der ungelöste Brexit die britische Politik lähmt. Und welche Grabenkämpfe erst recht noch ausbrechen werden, wenn ein neuer Premierminister eine neue Regierung bildet.  

Angesichts dessen fiel Trumps Reaktion noch vergleichsweise milde aus: Botschafter Darroch habe seinem Land mit diesen Äußerungen keinen Dienst erwiesen, so Trump kaum verständlich vor seinem knatternden Hubschrauber. Er sei kein großer Fan des Botschafters. Der britische Handelsminister Liam Fox, derzeit ohnehin in Washington, will sich jetzt erst einmal bei Ivanka Trump für die peinliche Panne entschuldigen.   

Trump "unfähig" - Britischer Botschafter sorgt für Wirbel
Jens-Peter Marquardt, ARD London
08.07.2019 12:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2019 um 12:40 Uhr.

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