Kardinal Gerhard Ludwig Müller breitet im Mainzer Dom die Arme aus.  | Bildquelle: picture alliance/dpa

Schreiben zu Corona-Maßnahmen Bischöfe verbreiten Verschwörungstheorien

Stand: 09.05.2020 19:53 Uhr

Mehrere katholische Bischöfe kritisieren die Corona-Maßnahmen und greifen dabei auf weitverbreitete Verschwörungstheorien zurück. Sie sehen den "Auftakt einer Weltregierung". Die Deutsche Bischofskonferenz übt scharfe Kritik.

Mehrere katholische Bischöfe, unter ihnen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sehen hinter den Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie eine Weltverschwörung mit dem Ziel, persönliche Freiheiten dauerhaft einzuschränken. In einem in mehreren Sprachen veröffentlichten Aufruf warnen sie vor dem "Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht" und bedienen sich dabei einer derzeit weit verbreiteten Verschwörungstheorie.

Es gebe Grund zur Annahme, "dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen", heißt es in dem gut dreiseitigem Schreiben. Die Unterzeichner äußern überdies "Zweifel an der tatsächlichen Ansteckungsgefahr" des Coronavirus.

Der Aufruf ist eine Initiative des früheren Päpstlichen Botschafters in den USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, und wurde außer von Kardinal Müller auch von Kardinal Joseph Zen Ze-kiun aus Hongkong sowie anderen katholischen Geistlichen, Medizinern, Journalisten und Anwälten unterzeichnet. Der Präfekt der Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah, betonte auf Twitter, er teile die "Sorgen" des Appells, die darin geäußert würden. Unterzeichnet habe er diesen aber nicht.

Vigano gehört zu den schärfsten Kritikern von Papst Franziskus. Er bezichtigte das Kirchenoberhaupt im Umgang mit Missbrauchsfällen in den USA im vergangene Jahr der "offensichtlichen Lüge". Sarah und Müller hatten in den vergangenen Tagen bereits Gottesdienstverbote im Kampf gegen das Coronavirus als unangemessenen Eingriff in die Religionsfreiheit kritisiert.

Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich

Das Schreiben stößt auf deutliche Kritik - auch innerhalb der katholischen Kirche. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erklärte dazu gegenüber tagesschau.de:

"Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands. Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet."

Jeder, der diesen Aufruf unterzeichnet habe, entblöße sich selbst, schrieb der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, auf Facebook. Er sei "einfach nur fassungslos, was da im Namen von Kirche und Christentum verbreitet wird: Krude Verschwörungstheorien ohne Fakten und Belege, verbunden mit einer rechtspopulistischen Kampfrhetorik, die beängstigend klingt".

"Dem muss widersprochen werden! Mit Jesus Christus, auf den sich die Unterzeichner berufen, haben derart wirre Thesen, die Ängste schüren, Schwarz-Weiß-Denken verfolgen, üble Feindbilder zeichnen und das Miteinander in unseren Gesellschaften vergiften, nichts zu tun", so Pfeffer weiter.

Warnung vor "Informationskampf"

Die Politik beschäftigt der Umgang mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien rund um das Coronavirus seit längerem. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Thüringens Innenminister Georg Maier, sagte dem "Spiegel": "Die Vorstellung, dass die Pandemie bewusst herbeigeführt wurde, um das Volk zu kontrollieren, und dahinter Bill Gates oder andere vermeintlich finstere Mächte stecken, reicht bis weit in die Mitte der Gesellschaft". Dieser Protest drohe "ins Antisemitische" zu kippen.

Auch Demonstrationen auf den Straßen bereiten Maier teilweise Sorgen. "Wenn Menschen Kritik üben, ist das selbstverständlich in Ordnung", sagte Maier: "Was uns alarmiert, ist der Versuch von Extremisten, die Proteste zu kapern." Der SPD-Politiker will das Thema daher auf die Tagesordnung der nächsten Innenministerkonferenz setzen.

Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, sprach von einem "weltweiten Informationskampf" zu Corona. Das Ministerium habe zuerst einen Anstieg von Desinformation und Propaganda aus dem Ausland festgestellt. Mittlerweile verbreiteten sich Verschwörungstheorien auch im Inland, sagte Kerber: "Hier müssen wir dagegenhalten, mit Fakten, Transparenz und einer Verteidigung der Wissenschaft."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Mai 2020 um 16:00 Uhr.

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