Eine Frau mit Schutzmaske trägt in Caracas einen Eimer mit Wasser über die Straße, den sie sich zuvor abgefüllt hat | Bildquelle: AFP

Hunger in Venezuela Kein Fleisch, keine Milch, kein Brot

Stand: 12.10.2020 04:38 Uhr

Die Corona-Krise hat die Versorgungslage in Venezuela weiter verschärft. Die wenigen Nahrungsmittel sind noch knapper und immer teurer geworden. Die Verzweiflung wächst.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Eine Frau schlägt wütend auf einen Kochtopf. Sie ist verzweifelt, sie weiß nicht, wie sie ihre Tochter versorgen soll. "Was zum Teufel soll ich machen. Meine Tochter hat seit vier Tagen nichts gegessen. Ich habe kein Geld, um etwas einzukaufen. Es tut mir weh und ich bin wütend. Unsere Kinder bitten um etwas zu Essen. Die da oben sollen hören, wie unseren Kindern der Magen knurrt", schimpft diese Mutter aus dem Bundesstaat Mérida in einem Video, das in den sozialen Netzwerken geteilt wird.

Die venezolanische Ernährungswissenschaftlerin Susana Raffalli kennt Szenen wie diese. "Ein Großteil der Familien ist auf das Geld angewiesen, das ihnen Angehörige aus dem Ausland schicken. Doch mit der Coronakrise hätten viele ihren Job verloren", sagt sie. "Die Geldsendungen bleiben nun oftmals aus. Sie sind um 52 Prozent zurückgegangen. Das führt zur Ernährungsunsicherheit bei den Familien."

Ein belebter Markt in der Hauptstadt Caracas. Seit Juni wird der Shutdown in Venezuela im Wochentakt aufgeweicht und dann wieder verschärft. | Bildquelle: AFP
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Die Märkte in Venezuela können die Lebensmittelversorgung nicht sicherstellen.

Immer wieder Demonstrationen

Laut einer aktuellen Statistik der katholischen Universität Andrés Bello leben 96 Prozent der Haushalte in Venezuela in Armut und 64 Prozent in extremer Armut. Fleisch, Fisch, Eier, Obst und Gemüse kommen nur noch bei den wenigsten Familien auf den Tisch. Das Land leidet seit Jahren unter Hyperinflation, den Sanktionen, es fehlt an Devisen. In der Coronakrise verschärft sich die Not der Menschen im ohnehin schon gebeutelten Venezuela immer noch weiter.

In den letzten Monaten sind viele Venezolaner trotz der Pandemie immer wieder auf die Straße gegangen, auch in den ländlichen Regionen, weil es ihnen am wesentlichsten mangelt: Es gibt kein Wasser, kein Benzin, regelmäßig fällt der Strom aus, die Lebensmittelpreise sind horrend. Demonstranten plünderten teilweise die Läden. In dem einst größten Erdölförderland Lateinamerikas liegen die Raffinerien brach. Das Land produziert selbst kaum und ist nicht in der Lage ausreichend Lebensmittel zu importieren. Und die wenigen Landwirtschaftsprodukte, die es gibt, können wegen des Benzinmangels nicht transportiert werden.

Schwerwiegende Schäden

Die Auswirkungen der Krise spürten vor allen Dingen die Kinder, sagt Raffalli: "Wenn sie unter Unterernährung leiden, ist die Gefahr drei Mal so hoch krank zu werden oder an Krankheiten zu sterben. Die ersten Lebensjahre dieser Kinder sind gekennzeichnet von Unsicherheit und Hunger. Das führt zu schwerwiegenden emotionalen Schäden und im Schulalter zu Lern- und Konzentrationsstörungen. Als Erwachsene sind sie emotional und in ihrem Sozialverhalten eingeschränkt. Der Teufelskreis von Armut geht also weiter."

Zudem werde das öffentliche Gesundheitssystem noch stärker als sowieso schon belastet. Die Maßnahmen der Regierung um die Unterversorgung zu bekämpfen, blieben erfolglos, kritisiert die Ernährungswissenschaftlerin. "Es gibt ein Programm, das Familien mit Lebensmitteln unterstützen soll. Aber am Ende konzentrieren sich diese Bemühungen nicht auf die Menschen, die es wirklich nötig haben. Außerdem wurden immer wieder Korruptionsfälle aufgedeckt", sagt sie.

Auch für den Soziologen Luis Pedro España spitzt sich die Situation immer weiter zu. Er forscht an der katholischen Universität Andrés Bello über Armutsprävention. "Wenn wir die Statistiken vergleichen, haben wir was die Unterernährung von Kindern unter fünf Jahren betrifft mittlerweile ähnliche Verhältnisse wie beispielsweise in Nigeria oder dem Kongo", sagt er.

Der Hunger hat Auswirkungen auf eine ganze Generation und damit auf die Zukunft Venezuelas.

Venezuelas Kinder hungern
Anne Demmer, ARD Mexiko-City
12.10.2020 07:06 Uhr

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Dieser Beitrag lief im Deutschlandfunk Kultur in der Sendung "Studio 9" am 12. Oktober 2020 um 05:44 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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