Eine Frau mit Schutzmaske trägt in Caracas einen Eimer mit Wasser über die Straße, den sie sich zuvor abgefüllt hat | AFP

Venezuela Ein Krisenstaat kämpft gegen das Virus

Stand: 21.03.2020 18:51 Uhr

Seife ist Mangelware, Desinfektionsmittel erst recht - und selbst den Kliniken fehlt es an Wasser: In Venezuela trifft die Coronavirus-Pandemie auf Menschen, die schon lange ums tägliche Überleben kämpfen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

"Hier geht es nicht mehr durch, kehrt um", rufen kolumbianische Grenzbeamte Venezolanern zu. Sie dürfen nicht mehr über die Grenze, um Medikamente und Lebensmittel zu kaufen, die in Venezuela Mangelware oder wegen der Inflation unerschwinglich sind.

Anne-Katrin Mellmann ARD-Studio Mexiko City

Der Weg ist versperrt. Kolumbiens Regierung begründet die Maßnahme mit dem Coronavirus. Den Venezolanern bleibt nur noch der Weg über die grüne Grenze, wie diesem Mann, der einem lokalen TV-Sender ein Interview gibt. "Das ist einfach schrecklich und unmenschlich", sagt er. "Die Regierung sollte andere Maßnahmen treffen, damit wir trotzdem noch rübergehen und kaufen können, was wir so dringend brauchen."

Viele Haushalte ohne Leitungswasser

In Caracas hat Machthaber Nicolas Maduro den Menschen erklärt, wie man einen Mundschutz anlegt und zu häufigem Händewaschen geraten. Aber ein Mundschutz kostet auf dem Schwarzmarkt bis zu zwei US-Dollar, was einem Drittel-Monatslohn entspricht. Weil es in den Geschäften keine gibt, basteln sich die Menschen ihre Mundschutze selbst. Seife ist Mangelware, Desinfektionsmittel erst recht, und viele Haushalte haben seit Monaten kein Leitungswasser.

Auch Krankenhäuser sind davon betroffen. Im Universitätskrankenhaus von Caracas, einst eine Vorzeigeeinrichtung, kam zwei Jahre lang kein Leitungswasser an, berichtet die Ärztin Angela Troncone. Seit Montag fließe es wieder. In dieser Einrichtung werden die ersten Corona-Fälle Venezuelas behandelt.

Es mangelt an Wasser, an Medikamenten und Materialien

"Kein Krankenhaus war darauf vorbereitet", sagt Troncone. "Bei uns - wie überall - herrscht großer Mangel, vor allem an grundlegenden Dingen wie Wasser, an Medikamenten und Materialien." Es gebe große Probleme mit Blutspenden, und Intensivbetten für die Behandlung von Covid-19-Patienten hätten sie nur acht. "Es kann sein, dass das Labor heute funktioniert, morgen aber schon nicht mehr, weil kein Material da ist. Röntgen funktioniert nur ab und zu. Von Corona abgesehen, können wir sowieso schon niemandem die ärztliche Versorgung garantieren."

Die Spezialistin für ansteckende Krankheiten ist sicher, dass es im ganzen Land nicht ausreichend Tests für das Coronavirus gibt. Mit der drastischen Maßnahme der Maduro-Regierung, das ganze Land unter Quarantäne zu stellen, ist sie einverstanden. Das sei angesichts der Lawine, die auf Venezuela zurollt, vernünftig. In einigen Kliniken hat es bereits Proteste von Ärzten und Pflegepersonal wegen des Mangels an Schutzkleidung gegeben.

Politische Proteste verstummt

Politische Proteste gibt es keine mehr. Die Politik und der Machtkampf zwischen Regierung und Opposition sind in diesen angespannten Tagen zweitrangig. Jetzt geht es nur noch um die Gesundheit. Alle sind sich dessen bewusst, dass eine Ausbreitung der Krankheit eine Katastrophe wäre, weil der Krisenstaat dem nicht gewachsen ist.

Die große Frage lautet, wie lange die Lebensmittel reichen werden. Der bekannte Analyst Luis Vicente Leon fragt bei Twitter: "Wie sollen wir die Menschen versorgen - mit einer Wirtschaft in Intensivtherapie?"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. März 2020 um 05:25 Uhr.