Machtkampf in Caracas: Demonstranten und Militär an der Militärbasis "La Carlota" | AFP

Machtkampf in Venezuela Schwere Zusammenstöße in Caracas

Stand: 30.04.2019 22:19 Uhr

Nachdem Oppositionsführer Guaidó zu Demonstrationen aufgerufen hat, ist es in Venezuela zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Ein gepanzertes Fahrzeug überrollte mehrere Menschen. Guaidó setzt darauf, dass weitere Militärs überlaufen.

Nach der Befreiung des Oppositionellen Leopoldo López ist es in Venezuela zu schweren Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften gekommen. In der Hauptstadt Caracas fuhr ein gepanzertes Fahrzeug vor der Luftwaffenbasis La Carlota in eine Gruppe von Demonstranten. Laut der Nachrichtenagentur AFP gab es mehrere Verletzte. Auch Schüsse fielen - von wem oder von wo sie kamen, ist unklar.

Tausende Demonstranten waren zu dem Stützpunkt gekommen. Einige waren mit Stöcken und Molotow-Cocktails bewaffnet, sie warfen Steine auf Nationalgardisten. Die Sicherheitskräfte feuerten Tränengaskartuschen in die Menge.

Nach Regierungsangaben erlitt ein Soldat eine Schussverletzung. Venezuelas Verteidigungsminister Vladimir Padrino schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter, ein Oberst der Nationalgarde sei auf einer Straße in der Nähe des Stützpunktes durch einen Schuss am Hals verletzt worden. Er machte die Oppositionsführung dafür verantwortlich.

Aufruf von Guaidó

Der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaidó hatte auf dem Militärstützpunkt zu Demonstrationen aufgerufen. Er sagte, er habe im Machtkampf mit dem umstrittenen Staatschef Nicolás Maduro die Unterstützung von Teilen der Armee erhalten. Zuvor war der seit Jahren inhaftierte Oppositionelle Leopoldo López nach eigenen Angaben von abtrünnigen Soldaten aus dem Hausarrest befreit worden.

López hat nach Angaben des chilenischen Außenministers inzwischen Schutz in der Residenz des chilenischen Botschafters in Caracas gesucht. López, seine Frau und seine Tochter seien Gäste in der diplomatischen Mission, teilte Roberto Ampuero auf Twitter mit.

Guaidó erklärte, seine "Operation Freiheit" gehe jetzt in die entscheidende Phase. Per Video und Twitter rief er das Militär auf, sich von Maduro abzuwenden und sich ihm anzuschließen. Die Streitkräfte hätten "die richtige Entscheidung getroffen".

Machtkampf in Caracas: Angehörige der Nationalgarde, die sich auf die Seite der Opposition stellen | AFP

Mehrere Mitglieder der Nationalgarde stellten sich in Caracas auf die Seite der Opposition. Bild: AFP

Militär als entscheidender Faktor

Noch ist unklar, wie viele Armeeangehörige tatsächlich auf Guaidós Seite stehen. Die sozialistische Regierung von Maduro sprach von einer kleinen Gruppe, die sich Guaidó angeschlossen habe. Einige "Verräter "aus den Reihen des Militärs hätten einen Putschversuch unternommen, teilte Informationsminister Jorge Rodríguez mit.

Verteidigungsminister Padrino sagte, es habe sich um einen unbedeutenden Widerstand gehandelt, der abgewehrt worden sei. Padrino gelobte der Regierung von Maduro die Treue. "Die Streitkräfte halten an der Verteidigung der nationalen Verfassung und seiner legitimen Behörden fest", schrieb er auf Twitter. In einer Rede an das Oberkommando der Streitkräfte warnte er die Opposition. Sie trage die Schuld für den Fall von "Gewalt, Tod oder Blutvergießen".

Das Militär gilt als der entscheidende Faktor im Machtkampf in Venezuela. Vor allem dank seiner Unterstützung kann sich Maduro seit Monaten an der Macht halten. Guaidó hat die Streitkräfte immer wieder dazu aufgerufen, die Seiten zu wechseln - bislang allerdings mit nur geringem Erfolg. Kleinere Aufstände einfacher Soldaten gegen Maduros Regierung wurden bereits mehrfach niedergeschlagen.

Anne-Katrin Mellmann  | null
Einschätzung

Der erbitterte Machtkampf zwischen Guaidó und Maduro dürfte mit dem Überraschungscoup um den Oppositionellen Leopoldo López nun in seine Endphase einbiegen.
Gelingt es Guaidó auch dieses Mal nicht, Maduro aus dem Präsidentenpalast zu vertreiben, wird er zusammen mit López im Gefängnis landen. Wie lange erwartet, entscheidet das Militär: Unterstützt der Großteil weithin Maduro, dann hat der Aufstand keine Aussicht auf Erfolg. Sollten die Soldaten allerdings dem Aufruf folgen, könnte Maduro nur noch versuchen, ins Ausland zu fliehen. Kuba wäre ein mögliches Ziel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. April 2019 um 20:00 Uhr.