Papst Franziskus | dpa

Kindesmissbrauch im Strafkatalog Vatikan verschärft Kirchenrecht

Stand: 01.06.2021 15:28 Uhr

Die katholische Kirche hat einen Artikel gegen Kindesmissbrauch durch Priester ins Kirchenrecht aufgenommen. Die Ergänzung war seit Langem von Opferverbänden gefordert worden. 

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist eine Veränderung, die Opferverbände jahrelang gefordert hatten: Im Strafrecht der katholischen Kirche werden als Delikte jetzt ausdrücklich auch Sexualstraftaten gegen Minderjährige und Schutzbefohlene genannt sowie der Erwerb, Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie. Wenn Priester derartigen Missbrauch begehen, werden sie laut neuem kanonischem Recht mit Amtsenthebung oder dem Verlust der Priesterweihen bestraft.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Perspektivwechsel hin zum Opfer

Bislang ist sexueller Missbrauch im katholischen Kirchenrecht nur im Abschnitt "Straftaten gegen besondere Verpflichtungen" behandelt worden, also praktisch als Verstoß gegen den Zölibat. Papst Franziskus hatte auf dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan vor zwei Jahren betont: Die katholische Kirche brauche einen Perspektivwechsel, hin zum Blick der Opfer.

Das jetzt reformierte Strafrecht folgt dieser Maßgabe und verurteilt sexuellen Missbrauch von Minderjährigen als "Straftat gegen Leben, Würde und Freiheit des Menschen". Dies, betont der Präsident des Päpstlichen Rates für Gesetzestexte, Filippo Iannone, "ist Ausdruck des Willens des Gesetzgebers, erneut die Schwere dieses Verbrechens und die Aufmerksamkeit für die Opfer deutlich zu machen."

"Ein langsamer Schritt"

Eine Veränderung, die in die richtige Richtung gehe, sagt Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster. "Die katholische Kirche macht also hier einen langsamen Schritt zu einer Rechtskultur, die sich ein wenig an den Rechtsstandard demokratischer Rechtsstaaten annähert - ein wenig."

Keine Differenzierung der Straftaten

Verzichtet hat der Vatikan darauf, im kanonischen Recht einzelne Sexualstraftaten genauer zu differenzieren. Darauf hatten Opferverbände gehofft und Kirchenrechtler wie Schüller hatten sich dafür stark gemacht. Auch im reformierten Strafrecht aber spricht der Vatikan nach wie vor bei Sexualstraftaten pauschal von Vergehen "gegen das Sechste Gebot", also: Du sollst nicht ehebrechen. Eine Differenzierung der Straftaten zum Beispiel von Belästigung bis Vergewaltigung hätte es nach Ansicht von Experten erleichtert, zu angemessenen Verurteilungen zu kommen.

"Es bleibt kirchenintern"

Kai Christian Moritz vom Betroffenen-Beirat der Deutschen Bischofskonferenz weist darauf hin, dass es für Opfer nach wie vor keine Möglichkeiten gibt, im kirchlichen Verfahren als Nebenkläger aufzutreten: "Der Gesetzestext benennt jetzt die Taten, verurteilt sie scharf, ahndet sie scharf. Es gibt aber noch keine klare Äußerung zum Verfahren, wie Betroffene beteiligt werden, dass man als Zeuge oder Nebenkläger auftritt, sondern es bleibt kirchenintern."

Verschärft worden ist im reformierten Kirchenrecht die Meldepflicht bei Sexualstraftaten. Unterstaatssekretär Markus Graulich aus dem Päpstlichen Rat für Gesetzestexte betont: "Aus der Sicht der Opfer ist es wahrscheinlich auch wichtig, dass in das neue Strafrecht die Straftat aufgenommen wurde: Wenn es jemand versäumt, ein angezeigtes Delikt den Behörden zu melden."

Wer eine Frau zur Priesterin weiht, wird exkommuniziert

Im neuen kanonischen Recht werden erstmals ausdrücklich Finanz- und Wirtschaftsdelikte genannt - verbunden mit konkreten Strafandrohungen von Wiedergutmachungszahlungen bis zur Amtsenthebung.

Neuerungen, die für Diskussionen sorgen dürften, finden sich auch im Abschnitt "Straftaten gegen die Sakramente". Dort ist jetzt festgelegt: Wer eine Frau zur Priesterin weiht, wird exkommuniziert, also aus der katholischen Kirche ausgeschlossen. Entsprechendes war bereits durch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. entschieden worden - jetzt ist es fester Bestandteil des kanonischen Rechts. Ursprüngliches Ziel der Reform war es unter anderem, alle päpstlichen Einzelgesetze in das neue Strafrecht einfließen zu lassen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. Juni 2021 um 14:00 Uhr.